Leeres Gefäß

Ölgemälde „Die Quelle“ – Ursprung zum Projekt DAS KLEID- Elisabeth Masé

Es gab jene, die fürchteten mein Haar.

Es war rot, wie dieser Faden, mit denen sie ihre Geschichte

dem Stoff übergaben, es machte mich unverwechselbar.

Ich verlor den Kopf, wurde ein leeres Gefäß.

Man zog mich an.

Ich aber zog mich zurück in die Geschichten,

die mein Gesicht haben und kein Geschlecht.

Die wir einander schweigend erzählen.

Mit jedem Blick.

Wir

Das Kleid. Soziale Skulptur von Elisabeth Masé

Wir.

Das sind die Fäden.

Im Netz einer fremden Macht.

Wir sind die Nadel,

die den Stoff durchsticht,

einfällt, hinzufügt.

Wir sind der Saum der Geschichte.

Die Stickerei eines Traumes der Versöhnung.

Die Grenze, die überschritten wird.

Die Wende, die bleibt.

Die Narbe, die leuchtet.

Die Nadel, die Dornröschen sticht,

der Tropfen Blut, der in den Schnee fällt

und ein Bild entstehen lässt.

Das erste Mutterbild

wird am Montag auf dem Blog Tausend Mutterbilder erscheinen, gestiftet hat es Elisabeth Masé.

Das Bild spricht für sich, so dass es sich erübrigt, viele Worte dazu zu verlieren. Auch von Elisabeth Masé, die gerade ein sehr schönes Projekt „das Kleid“ in Berlin erfolgreich und mit großer Resonanz beendet hat, schreibe ich nicht viel. Sie hat eine sehr schöne, informative und übersichtliche Homepage, auf der sich die geneigte Leserin, einen Überblick verschaffen kann.

Ich möchte nur ganz kurz erwähnen, dass einige der im den nächsten Tagen hier präsentierten Aquarelle in ihrem vor zwei Jahren bei Kleinheinrich erschienen Bilderbuch vertreten sind. Ein Buch, in dem ich eines der Themen angedacht finde, die auch für das Mutterthema zentral sind. Der rote Faden, den Masé in viele ihrer Bilder stickt, handelt nicht zuletzt von diesem Faden, der uns zu Anfang unseres Lebens genährt hat, und der dann durchtrennt wird, werden muss. Die Nabelschnur als Verbindung aus Verletzung und Heilung, Verbundenheit und notwendiger Trennung. Ausdruck unserer Doppelnatur, unserer Verlorenheit zwischen zwei Polen. Die Notwendigkeit von Schmerz für die persönliche Entwicklung.

Insofern ist alles bereits am Anfang des Lebens angelegt; Trennung, Narbe, Entwicklung. Und, wie Elisabeth Masé es in einem ihrer Bilder auf den Punkt bringt: „Mama, die Nacht hat zwei Enden“.

 

27. Dezember

Heute die Fahrt. Und dann erst am 02. spät abends wieder zurück. Kein Netz dort und eine große Ungewissheit, wie alles weiter geht.

Der Jahresrückblick, der schon jetzt nicht mehr zu stimmen scheint, allem, was gerade ist, widerspricht. Nur noch die Erzählung einer Erinnerung ist.

Januar

Inside Llewin Davis. Eine Hommage an all die Künstler, die nicht zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sind.

Der erste Schnappszahlgeburtstag des Nachwuchses.

 

Februar

Mit dem siebten Sprung, dem Roman von Ulrike Draesner, bahnt sich das Projekt „Heimat“ an.

Der Winter bleibt auch diesen Monat aus.

 

März

Der Monat der Begegnungen. Stanisic gewinnt völlig zu Recht den Preis der Leipziger Buchmesse. Spaziergänge, Didion und Bielefeld von einer ganz neuen Seite.

 

April

In das Heimatprojekt mischen sich zunehmend Erinnerungen. Rechtzeitig zum 100. Geburtstag der Duras das wunderbare Hörspiel C´est tout jetzt als CD. Bücher von Träumen (Margret Kreidl) und Unterbrechungen (Lucas Cejpek).

Mai

Ein janusköpfiger Monat. Ein Kindergeburtstag, der mit dem traumatischen Abstieg Arminias endet.

Krankheiten. Ein Todesfall.

Aber auch die Kraft, sich den Dingen zu stellen.

Und wie immer Bücher, die dabei helfen (Masé, Koch)

 

Juni

Wie immer im Sommer: Duras.

Wie schwer das ist, sich ein Bild von sich selbst zu machen, in dem man sich verliert.

 

Juli

Das Jahr entwickelt sich zu einem Jahr der Begegnungen. Im Juli in Bonn mit vielen wunderbaren Menschen einen unvergesslichen Abend verbracht.

Anne Carson entdeckt.

 

August

Zurück aus Fuerteventura empfängt uns ein kalter und regnerischer August. Aber egal: Anne Carson liegt auf dem Nachttisch.

Weitermachen mit der Suche nach der Geduld.

 

September

Der Sommer ist noch einmal zurückgekehrt. Dann der Nebel. Und die aufregende Begleitung von Anne Carson, ihrer Bücher.

Alte Familiengeschichten ausgegraben.

Begegnungen. Viele wärmende Stunden mit Freunden.

 

Oktober

Goldene Tage, und eine Unzahl von Krankheiten, die an mir rütteln und zerren, ohne dass ich begreife, was sie mir sagen wollen. Eine Freundin, die ich jahrelang nicht gesehen habe, taucht plötzlich wieder auf.

Immer noch, immer wieder: Anne Carson.

 

November

Aufbruchstimmung. Die bevorstehende Lesung, die Arbeit am Märchenmanuskript, und immer noch die Begleitung durch Anne Carson.

Sommertage und Sturm und Regen wechseln sich ab. Ob man leben kann in einer Blase aus Vernunft?

Dezember

Knausgard.

 

Der Hibiskus blutet – Elisabeth Masé

Fäden und Fadenscheinigkeit, überall wo erzählt wird. Wir weben Muster weiter, trennen sie auf. Die Geschichte von Penelope ist auch die Geschichte vom Erzählen. Die Grundbedingung dafür im Erzählen eine Heimat zu finden.

Elisabeth Masé hat den roten Faden in manche ihrer Bilder gestickt. Mutterbilder einer anderen Art, verschlossene Münder und statt neuem Leben den Tod im Schoß.

Fäden, die mich an Ariadane und Penelope erinnern, an Annegret Soltau und natürlich an Louise Bourgeois: die Spinne als Mutter, das Netz von Familie und Kindheit, in dem wir gleichzeitig gefangen und geborgen sind.

Und vielleicht geht das alles auf diesen Faden zurück mit dem wir am Anfang unseres Lebens verbunden sind: die Nabelschnur.

Diese Verbindung: Verletzung und Heilung zugleich. Ausdruck unserer Doppelnatur, oder unserer Verlorenheit zwischen gegensätzlichen Polen.

Dass die Zeichnungen so zart und fein sind, macht die Gewalt in ihnen noch grausamer, verstörender. Weil sie nichts zerstört, die Bilder bleiben fein und zart. Das Böse macht seinen Hintergrund nicht hässlich, die Trennlinie ist nicht so einfach auszumachen. Und das macht die Gewalt in diesen Zeichnungen noch … Ja, was eigentlich? Sanfter? Erträglicher? Zwangsläufiger?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass die zarten Zeichnungen eine besondere Verbindung eingehen mit der darin ausgedrückten Gewalt. Seit einigen Jahren malt Elisabeth Masé auch mit Worten und so findet man in diesem wunderschönen Buch neben den von Martin Brockhoff sorgfältig abfotografierten Zeichnungen die titelgebende Geschichte „Der Hibiskus blutet“, „Think Pink“ , zwei Geschichten voller Farben, auch Gedichte. Eines davon beschreibt perfekt die Stimmung, die das gesamte Buch und die dort versammelten Zeichnungen bestimmt:

Kinderlied

Mein Haus hat ein Fenster,

ein Fenster aus Blei.

Ich wart auf Gespenster

und lege ein Ei.

Bald wird man mich bitten,

ans Fenster aus Blei.

Ich drohe mit Tritten

und Kindergeschrei.

Im Frühjahr zersägst du

mein Fenster aus Blei.

Ich beiß dich, ach leck mich,

verschluck dein Geweih.

Im Sommer da treib ich

im feuchtwarmen Nest.

Ich plag dich, du jagst mich

und bist nicht mehr nett.

Im Herbst fall ich lallend

gefallenes Laub

und schließ meine Augen

und werde zu Staub. 

Elisabeth Masé

Entdeckt habe ich Elisabeth Masé 2007 bei der Ausstellung „Die Unsterblichen“ in der Bielefelder Studiengalerie. Ausgestellt wurden damals hauptsächlich Portraits. Daher auch der Titel „Die Unsterblichen“. Allerdings sind Masés Portraits keine Idealbilder, vielmehr macht sie das Verborgene sichtbar.

Sie selbst sagt dazu: „Die Menschen, die ich porträtiere, inspirieren mich. Sie sind meine Muse. Sie werden zu einem Buch, in dem ich lese. (…) Von einem gewissen Moment an beginne ich, zu träumen und vertraue dem Unbewussten. Meine Modelle sind für mich eigentlich Schauspieler, für die ich ein Stück kreire, oder ein Bühnenbild male.“

Elisabeth Masé „Das 20. Jahrhundert

Ähnlich geht Elisabeth Masé auch mit einem Selbstbildnis um, das, wie sie sagt, nur entstanden ist, weil ihr Mann sich gewünscht hatte, sie solle sich doch einmal selbst malen. „Ich musste mir überlegen, was ich tun sollte. Meinen Mann habe ich als Bild gemalt. Das geschah nicht geplant. Ich fing damit an, mich mit Hilfe eines Spiegels zu malen. Erst danach entstand die andere weibliche Figur, eine Malerin ohne Kopf, aber mit nacktem Körper. Dann kam die Staffelei mit dem Bild, auf dem das Profil meines Mannes erscheint. Das Ergebnis ist die geschlechtliche Umkehrung des klassischen Motivs Maler und Modell. Ich selbst wollte mich im Bild nicht schonen, ich wollte mich weder schön noch heroisch malen. Ich malte mich als Festgewachsene und Zerzauste und Erschöpfte. Die erschöpfte Figur mit dem aufrechten Kopf kann nicht einfach weg. Sie trägt die Schuhe in der Hand, aber ihre Beine sind wie bei einer Pflanze festgewachsen. Sie zieht ihre Säfte aus dem Untergrund oder, wie ein Parasit aus dem Kopf des mannes. Der Mann wiederum trinkt die Milch der kopflosen Nackten. Das Bild ist also sehr ambivalent. Es gibt Hingabe und Aggression. Die Sexualität und die Inspiration stehen in einem spannungsvollen Verhältnis zueinander. Sie scheinen schier auseinander zu brechen. Das Bild stellt auch einen Kreislauf dar: Die Malerin nährt den Mann im Bild mit ihrer Milch. Aus dem Kopf des Mannes wachsen zwei schmale Baumstämme, die wiederum als Beine in den Rumpf meines Spiegelbildes hineinwachsen. In meinem Bild nähren sich Mann und Frau also gegenseitig. Für mich ist das wie ein Perpetuum Mobile, wobei das Körperliche eine wichtige Rolle spielt.“ (Elisabeth Masé im Gespräch mit Stefanie Heraeus, zitiert nach Elistabeth Masé Die Unsterblichen, Kerber Verlag 2007)