01

Kerstin Eckstein
Kerstin Eckstein

Was, wenn die Sätze denken? Eigenständig und mit dieser Art von Unabhängigkeit, um die ich mich so lange schon erfolglos bemühe? Wenn die Sätze sowohl klug als auch unbeschwert sind? Und weitere Sätze mit einer fraglosen Selbstverständlichkeit nach sich ziehen, ungeachtet dessen, was derjenige, der sie schreibt, preisgeben möchte. Wenn sie ihm rücksichtslos die eigene Eitelkeit austreiben?

Und wenn niemand diese Sätze liest, verlieren sie dann ihre Gültigkeit? Oder ermöglichen sie überhaupt erst den Gedanken an Gleichgültigkeit? Was wenn die Sätze selbstbewusst denken und alles in Frage stellen, ohne sich um Antworten zu bemühen? Diese Art von Antworten, die beruhigen sollen und besänftigen.

Entsteht dann große Literatur?

Eitle Dichter

Tod wo ist dein Stachel. Damit spielt sie. Und mit den Bienen. Den Hornissen bei Anne Sexton. Den Bienen bei Thomas Kling.

Was ist der Unterschied zwischen einem guten und einem eitlen Dichter?

Zwetajewa an Gronski:

Die Worte in Ihren Gedichten sind zum größten Teil austauschbar, also sind es nicht die richtigen. Die Grundeinheit Ihrer Gedichte ist vorläufig der Satz und nicht das Wort. (…) Sie sind noch ein bißchen zu laut.“

Und ich merke, ich bin ein eitler Dichter. Ich warte nicht, bis ich etwas zu sagen habe. Etwas hinreichend bedeutendes. Etwas, das ausformuliert ist. Etwas, dem ich gründlich nachgegangen bin. Ich schreibe dies und das, um nicht in Vergessenheit zu geraten, um mir immer wieder meine Portion Aufmerksamkeit abzuholen.

Das ist keine Aufrichtigkeit. Das ist sich strecken nach Dingen, egal was für Dinge es sind, Hauptsache man bekommt seinen Teil davon ab.

Eitelkeit

„Es gibt Projekte, die ich schon seit Jahren vereitle. Und es ist nicht im geringsten ein Zufall, dass in diesem Begriff das Scheitern und die Eitelkeit sich vereinen. Was bedeutet, dass der Begriff „vereiteln“ mehr als alles andere (ein schönes Wort, ein treffender Ausdruck etc. pp.) eine Erklärung ist. Den Grund nennt, der ca. 90 Prozent allen Scheiterns zugrunde liegt. Die Eitelkeit. Die Leere eines Egos, das es nicht versteht, von sich abzusehen.“

Das habe ich vor mittlerweile zwei Jahren geschrieben. Es ist ungebrochen aktuell. Was nicht heißt, dass es zwei Jahre lang Stillstand gegeben hat. Es ist wohl vielmehr so, dass man sich kreisend um die Erkenntnisse, um die Lektionen, die man zu lernen hat, bewegt. Ich bleibe dran. Es zu erkennen, ist der erste Schritt, aber ein Ziel kann nicht erreicht werden, höchstens das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Dann kann man im besten Fall jeden einzelnen Schritt würdigen und sich am Weg erfreuen, sogar ab und zu vergessen, wohin er führt.

23. Januar

Gestern, zwölf Jahre nachdem ich das winzige blutige Bündel zum ersten Mal im Arm halten konnte, am vereisten See mitten im Wald gewesen. Im Wald saftig grüne, moosähnliche Gewächse mit winzigen weißen Schnee- oder Eispartikelchen darauf.

 

Briefe gelesen, Briefe geschrieben. In Gedanken mehrere Seiten Eitelkeit verbrannt.

Alles hat seine Zeit – Karl Ove Knausgård

(6)

Dieser ständige Kampf zwischen dem, was ich sein will, und dem was ich bin. Unstet, ruhelos, zum Leben verdammt, wie Kain (der immer der Zweite, der minderwertige war, beim Vater, vor Gott, der sich erklärt, leidet und sich windet, ohne aus seiner Haut, seiner Rolle, seinen eigenen Grenzen zu können), der sich ablehnt und hinterfragt, während Abel von vornherein sich, sein Denken und seine Sehnsucht auf etwas, das außerhalb von ihm selbst liegt, ausrichtet.

Dieses Böse, das immer wieder aufblitzt in meinen Gedanken. Gehässig, kränkend, abwertend.

Alles, woran man glaubt, beginnt zu existieren. Andererseits kann man Dinge nur überwinden, indem man sich ihnen stellt. Sie wahrnimmt.

 

Mut zum Versagen. Das Beste geben, auch wenn man von Vornherein denkt, es wird nicht genügen. Vielleicht gelingt so eine Überwindung der Eitelkeit.

 

Was Knausgard in „Alles hat seine Zeit“ vorwegnimmt, vorbereitet, ist die Auseinandersetzung mit den „männlichen Tugenden“, mit diesem Ethos, niemals Schwäche zeigen zu dürfen, mit Stolz und Macht und Ehre.

 

09. Februar

Es gibt Projekte, die ich schon seit Jahren vereitle. Und es ist nicht im geringsten ein Zufall, dass in diesem Begriff das Scheitern und die Eitelkeit sich vereinen. Was bedeutet, dass der Begriff „vereiteln“ mehr als alles andere (ein schönes Wort, ein treffender Ausdruck etc. pp.) eine Erklärung ist. Den Grund nennt, der ca. 90 Prozent allen Scheiterns zugrunde liegt. Die Eitelkeit. Die Leere eines Egos, das es nicht versteht, von sich abzusehen.