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Immerzu sind wir verzweifelt bemüht, möglichst nicht verzweifelt bemüht zu sein. Wir nicken müde, und meiden den Blick in den Spiegel. Die einfachen Rezepte und das Gewicht der Einsamkeit.

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Einsamkeit

Morgens, wenn ich noch völlig müde bin, und trotzdem nicht mehr einschlafen kann, herrscht vollkommenes Chaos der Gedanken im Kopf. Mein Versagen als Mutter, das immer wieder erneute Verlieren der Kinder, und der ganze Rest.

Was wir alle brauchen ist Vertrauen. Etwas, das uns niemand geben kann, wenn wir es uns nicht selbst schenken können. So schwierig (so einfach) bleibt es bis zuletzt. Das ist das Wesen der Einsamkeit.

Vertan

Sobald ich verletzt bin, mich unverstanden fühle, werde ich überheblich, werte mein Gegenüber ab (zu dumm, zu roh, zu oberflächlich, um meine feine tiefe Seele verstehen zu können). Als würde die Einsamkeit erträglicher, wenn man sie aus schwindelerregender Höhe betrachtet.

Ich bin ein still gelegtes Bergwerk. In mir hat die Einsamkeit einen Namen. Ich bin ein großes Versäumnis, gefüllt mit vertaner Zeit.

Trennung

Die Trennung, die scheinbar unüberwindbare Einsamkeit, unter der ich unterschwellig ständig leide, wird aufgehoben durch die Literatur. Ich habe das Gefühl, jemanden zu kennen, Zusammenhänge zu begreifen. Und wieder ist es die Form, die mich aufhebt, und wo kein Ich ist, kann auch keine Trennung sein. Indem ich als Leser die Fäden sehe, werde ich selbst zu einem Faden im Geflecht, ich gehöre dazu. Ich bin weder mit meiner Angst, noch mit meiner Getrenntheit und Einsamkeit allein.

27. Januar

Der kleine Raum und in diesem Raum die grenzenlose Einsamkeit. All die erzählten und unerzählten Geschichten, die in dieser Einsamkeit liegen, wie Samen, geborgen von den Buchstaben, die versuchen, sie auszudrücken und wie tröstend das sein kann, wenn es gelingt.

 

Nach Knausgard jetzt endlich die Odysee lesen. Schließlich irre ich herum in meinem eigenen Leben, laufe vor mir weg, hole mich immer wieder ein, ohne jemals wirklich anzukommen. Als hätte ich mir schon sehr früh beigebracht, mich hinter den Worten zu verstecken, statt zu lernen, durch die Buchstaben hindurch etwas zu erkennen, was sich nur deshalb vor mir versteckt, weil ich es so lange schon übersehe.

 

 

Neun mal zwei

Eine Verbindung aufgrund der gemeinsamen Einsamkeit. Eine Verbindlichkeit aufgrund von Schwindel.

 

 

Die doppelte Bedeutung des Schwindels. Gleich nah an der Lüge, wie am Rausch.

 

 

Es gibt diejenigen, die Behauptungen aufstellen, die sie für unumstößlich halten und andere, die nicht von sich absehen können. Denen der Zweifel eingepflanzt ist, wie anderen die Gewissheit.

 

 

Wie einer, der sich die Flügel anschnallt, die ein anderer gerade enttäuscht weggeworfen hat. Hoffnungsvoll.

 

 

Es gibt Zwietracht und zweifelhafte Aussagen. Unverbundene Punkte, die man auch Standpunkte nennen kann, auf der Suche nach einem Halt, der sie in Bewegung setzen könnte.

 

 

Es gibt eine Stille, die sich nur zu zweit herstellen lässt. Diese besondere Ruhe.

 

 

Eine Verbindung zwischen Bild und Betrachter. Und eine zwischen dem Sprecher und seinem Schweigen.

 

 

Eine Verbindung ist mehr als eine Funktion. Sie geht darüber hinaus, beweglich.

 

 

Eine geteilte Bewegung, verdoppelt sich nicht, führt aber unentwegt zu Veränderungen. Überführt die veränderten Einsamkeiten in Schwindel.

 

 

Letzte Schritte

Der Herbst hat die letzten Reste des Sommers in sich aufgenommen. Die Erinnerung, den Glauben an eine Zukunft.

Sie ist allein. Sie ist eine Lügnerin. Die Schmerzen sind vielleicht ihre stichhaltigste Wahrheit.

Sie redet nicht, bewegt sich nicht, hört nicht zu. Ist den ganzen Tag allein. Ihrer Einsamkeit ausgesetzt. Nicht einmal Erinnerungen oder Langeweile durchbrechen diesen Zustand.

Die Zeit vergeht nicht. Nur sie schreitet unendlich langsam auf den Tod zu.

Treibgut

Ich weiß nicht, was das ist: Zeit und Verzweiflung.

 

Ich schwimme immer in der Mitte (ohne mich treiben zu lassen, aber auch ohne dem, was mich treibt, etwas entgegen zu setzen).

 

 

Es ist alles da. Die Bücher, die Stille, die Einsamkeit. Diejenigen, die viel besser sind als ich und es auch wissen, und diejenigen, die an mich glauben, denen ich aber nicht glauben kann.

 

 

Ich verschweige mich, und dann schluckt mich das Stillschweigen. Was von mir bleibt, ist Angst.