Die kleine Frau verwandelt sich in eine Flaschenpost

Die kleine Frau verwandelt sich in eine Flaschenpost - Isla volante
Die kleine Frau verwandelt sich in eine Flaschenpost – Isla volante

Die kleine Frau steht am Ufer. Verlagert ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Aber es hilft nichts. Sie findet den Rhythmus der Wellen nicht. Diese Kraft, die aus vielen winzigen Einzelheiten eine bedeutsame Bewegung macht.

Sie hat ihre Einsicht ins Meer geworfen und auf dessen Umsicht vertraut. Das Meer aber hat ihre Einsicht einer einsamen Flaschenpost vermacht.

Erst muss man alle Hoffnungen verlieren, dann erreicht einen eine verwaschene Botschaft wie eine Welle, der man sich getrost überlässt.

Die kleine Frau verändert sich

Sie schenkten ihr Farben. Mit denen sollte sie ihr Leben ausmalen. Sie schenkten ihr Zeit, durch die sollte sie hindurch gehen. Sie schenkten ihr Geschichten, die sollte sie auseinandernehmen.

Erst muss man die Geschichten hören, dann kann man sie anzweifeln. Erst muss einer dir Zeit schenken, dann kannst du sie verlieren.

Wie geht das mit der Veränderung, fragt die kleine Frau ihren Spiegel. Erst musst du aushalten, dass für dich alles gleich bleibt, dann musst du zurecht kommen mit dem Blick der anderen.

Die kleine Frau dreht sich um. Die kleine Frau wendet sich ab. Das heißt einer neuen Erfahrung zu.

 

[Wortschau Nr. 22: Der fröhliche Wortberg]

Das erste Mal, dass die kleine Frau gedruckt wurde. Nicht, dass sie jemals daran gezweifelt hätte, aber lange gedauert hat es schon.

 

Wo die Wünsche Wellen weichen

Wo die Wünsche Wellen weichen - Isla volante
Wo die Wünsche Wellen weichen – Isla volante

Der Blick aufs Meer. Die einzige Landschaft, die zurückblickt, in der die kleine Frau gerade deshalb versinkt. Ein Lied auf den Lippen, gewürzt mit Salz. Salziges Kreidefelsenlied. Das Lied, das nie so weit reist, wie die Augen. Ihre gefalteten Hände, geöffnete, gealterte Hände. Das Meer, das sie schaukelt, dem sie sich willenlos ergibt.

Die kleine Frau und das Nashorn

 

Mantel oder Jacke fragt sie mit der Bestimmtheit, mit der mancher aus dem Fenster sieht auf der Suche nach einem fensterlosen Tag, nach dem lachenden Mann mit der einsichtslosen Nase, aber sie läuft nur dem Unheil nach, das sich prompt einstellt, sobald man unvorsichtig genug ist, ein Wort mit „u“ zu denken, hinter die Stirn zu lassen, ein Wort wie „Unke“ oder „ursprünglich“, „unterhalb“.

Mantel oder Jacke fragt sie noch mal, aber er kann sich nicht entscheiden. Ich muss erst wissen an welchem Ort ich sterben werde, sagt er. Und sie sagt: ich verlasse dich, du bist so unerträglich arrogant, du nimmst dich selbst so wichtig. Ich gehe mit dem Nashorn. Es ist ein sehr höfliches Nashorn musst du wissen. Es gibt mir immer das Gefühl, es meint mich.

 

Die Unebenheit der Betrachtung

Das Verlöbnis der Zeit mit etwas außerhalb ihrer selbst. Loben und geloben und dann weitergehen. Nicht darüber hinaus, aber darüber hinweg.

Ein Stirnrunzeln und die drei magischen Sätze der Taxifahrer.

 

Geheimsprachen und das Verstummen der Einsamen. Kraftlosen.

Erst muss man den Mund halten, dann kann man begreifen, was verschwiegen worden ist.

 

Ich verlor mich in der Unebenheit der Betrachtungen. Ein Auge ist kein Auge und einer der zuguckt noch lange keiner der sieht.

 

Die kleine Frau packt ihren Koffer. Es ist ein roter Koffer. Er ist leicht. Die kleine Frau reist stets mit kleinem Gepäck. Erst muss man ankommen in der Bewegungslosigkeit der Zeit, dann kann man aufbrechen, neue Sprachen, Menschen, Länder entdecken, für eine kurze Zeit vergessen, dass sich alles gleicht und es Abenteuer nennen.

 

Die Namen und die Rollen, die wir ihnen zugestehen. Wie kann man etwas begreifen, wofür man keinen Namen hat?

Am Anfang war das Wort. Später das Bild. Aus beiden entstand der Traum vom Festhalten der Beweglichkeit.

Leuchten

Die Stimmen stemmen sich gegen die Struktur der Lügen. Die Wahrheit ist ein amorphes Gewebe, abhängig von den Zurufen der Singvögel. Spartanisch ausgestattet. Einsparungen aus Glück und ein Kamel mit blinkenden Augen. Rezensionen der Wirklichkeit. Und kein Wort zuviel. Wildwechsel und Wortwechsel. Beide ungedeckt. Die kleine Frau ist ausgewandert, oder ausgezogen. An mich hat sie dabei nicht gedacht. Das Licht wirft Schatten und trifft, wenn die kleine Frau lacht. Erst muss man sich unabhängig machen von der Größe, dann kann man sich messen mit der Wirklichkeit. (Die Zubereitung eines waidwunden Gerichts). Zweifel an einem Gesicht. Wenn ich Zwiebeln schäle, träumen meine Augen vom Wasser. Von Meerjungfrauen, Nixen und Neptun. Wenn ich den Mülleimer leere, beginnt der Untergang.

Eine bescheidene Warnung des Lebens an meine Vernunft, das Leuchten nicht zu übertreiben.

Erst muss man schwarz sehen, dann kann man die Grautöne zum Leuchten bringen.

Die kleine Frau träumt

Die kleine Frau hat von Schiffen geträumt. Von Matrosen und hohen Wellen. Von einer Enttäuschung, die schwer genug ist, um einiges aufzuwiegen.

Sie war Jona und ließ sich ins Wasser werfen.

Erst muss man untergehen, dann kann die Luft nach einem schnappen.

Erst muss die Dunkelheit dich einhüllen, dann kannst du dir ein Kleid weben aus Nichts.

Der Fisch wollte sie nicht gehen lassen. Er war einsam und vermisste ein gutes Gespräch. Weil er glücklich war, öffnete er das Maul und Licht traf die kleine Frau, die erwachte.

Armer Fisch, murmelte sie, wir sehen uns wieder in Ninive.

Die kleine Frau trägt einen Hut

Erst muss man einen kühlen Kopf bewahren. Dann kann man ihn beim Anblick eines schönen Hutes verlieren.

Die kleine Frau trägt einen Hut. Ein Hut ist eine Form der Sorglosigkeit. Im Gegensatz zu einer Mütze. Einen Hut trägt man immer allein. Betritt man ein Gasthaus, behält man ihn auf dem Kopf. Erst wenn man den Gipfel erreicht hat, ist es den Gedanken wieder erlaubt zu fliegen (fliehen). Der Hut aber genießt seinen Absturz und dichtet dazu einen Tanz.

Die kleine Frau zieht um

Wir sammeln Eindrücke, Farben, Stimmen. Die Fragen häufen sich an. Die kleine Frau lächelt. Wenn du genug gesammelt hast, sagt sie, bau ich dir aus deinen Fragen ein Haus. Es wird so schief sein, dass es jedem Sturm trotzt und nur wenn du so unbesonnen bist, ein Dach aus Antworten darauf zu setzen, wird dieses Haus dir eines Tages verloren gehen.