Knoten, Verflechtungen, Fäden – Elisabeth Masé

Ein Buch, das nicht immer leicht zu betrachten war, das ich dennoch nicht aus der Hand legen konnte, von einer Frau, die Fäden webt und damit die Muster der eigenen Verstrickungen erst sichtbar macht und dann sich selbst und anderen die Möglichkeit gibt, sich daraus zu lösen.

Die Künstlerbücher von Elisabeth Masé haben mich nachhaltig beeindruckt. Danke.

Der Hibiskus blutet – Elisabeth Masé

Fäden und Fadenscheinigkeit, überall wo erzählt wird. Wir weben Muster weiter, trennen sie auf. Die Geschichte von Penelope ist auch die Geschichte vom Erzählen. Die Grundbedingung dafür im Erzählen eine Heimat zu finden.

Elisabeth Masé hat den roten Faden in manche ihrer Bilder gestickt. Mutterbilder einer anderen Art, verschlossene Münder und statt neuem Leben den Tod im Schoß.

Fäden, die mich an Ariadane und Penelope erinnern, an Annegret Soltau und natürlich an Louise Bourgeois: die Spinne als Mutter, das Netz von Familie und Kindheit, in dem wir gleichzeitig gefangen und geborgen sind.

Und vielleicht geht das alles auf diesen Faden zurück mit dem wir am Anfang unseres Lebens verbunden sind: die Nabelschnur.

Diese Verbindung: Verletzung und Heilung zugleich. Ausdruck unserer Doppelnatur, oder unserer Verlorenheit zwischen gegensätzlichen Polen.

Dass die Zeichnungen so zart und fein sind, macht die Gewalt in ihnen noch grausamer, verstörender. Weil sie nichts zerstört, die Bilder bleiben fein und zart. Das Böse macht seinen Hintergrund nicht hässlich, die Trennlinie ist nicht so einfach auszumachen. Und das macht die Gewalt in diesen Zeichnungen noch … Ja, was eigentlich? Sanfter? Erträglicher? Zwangsläufiger?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass die zarten Zeichnungen eine besondere Verbindung eingehen mit der darin ausgedrückten Gewalt. Seit einigen Jahren malt Elisabeth Masé auch mit Worten und so findet man in diesem wunderschönen Buch neben den von Martin Brockhoff sorgfältig abfotografierten Zeichnungen die titelgebende Geschichte „Der Hibiskus blutet“, „Think Pink“ , zwei Geschichten voller Farben, auch Gedichte. Eines davon beschreibt perfekt die Stimmung, die das gesamte Buch und die dort versammelten Zeichnungen bestimmt:

Kinderlied

Mein Haus hat ein Fenster,

ein Fenster aus Blei.

Ich wart auf Gespenster

und lege ein Ei.

Bald wird man mich bitten,

ans Fenster aus Blei.

Ich drohe mit Tritten

und Kindergeschrei.

Im Frühjahr zersägst du

mein Fenster aus Blei.

Ich beiß dich, ach leck mich,

verschluck dein Geweih.

Im Sommer da treib ich

im feuchtwarmen Nest.

Ich plag dich, du jagst mich

und bist nicht mehr nett.

Im Herbst fall ich lallend

gefallenes Laub

und schließ meine Augen

und werde zu Staub.