Dehnungsschmerz

Ich würde die Fragen, die mich quälen, gern Fragen sein lassen, und nur denen nachgehen, die mich irgendwohin führen. Hauptsache weg von mir. Und von richtig und falsch, in eine Gegend, in der das Schreiben mich berauscht, der Zensor untergeht in der Flut der Worte, in der ich mich mitreißen lasse, leicht werde, zum Gebrumm einer Fliege werde, die im Zimmer umherirrt, plötzlich doch den Weg ins Freie findet und zurück bleibe ich, erleichtert von meiner Angst. Eine Spur auf dem Weg, ein Fußabdruck im Schnee, eine eine Million mal wiederholte Frage, das Vergessen sämtlicher Pflichtgefühle und Glückseeligkeiten. Eine, die die Schönheit der Momente immer erst im Nachhinein erkennt, weil es sonst schlicht unerträglich wäre.

Heute ist Sonntag, der 27. Mai, ein stiller sonniger Tag mit ein, zwei Gewittern. Mit Fragwürdigkeiten und Unzulänglichkeiten, mit dem Hang zur Abstraktion und der Tendenz, die Details zu übersehen. Mit der Sorge, um mein Kind und dem ständig anwesenden Dehnungsschmerz.

Der unausgefochtene Kampf

Ich, die versucht, sich vor dem Leben zu verbergen, indem sie nichts verlangt. A nice dead person. Und das Leben reagiert, der Körper, der den Geist besiegt, der unausgefochtene Kampf der Friedfertigkeit. Es gibt keine Reihenfolge, keine Ordnung. Cindy Sherman inszeniert das Alter, während Ilse Aichinger nie sterben, aber sehr lange schon (vielleicht von Anfang an) verschwinden wollte, immer kleiner werden, leichter auch, bis da nur noch ein Hauch ist, etwas Unerklärliches, das keine Spuren hinterlässt, und ganz sicher keine Narben. Stattdessen: der Dehnungsschmerz des Lebens, das immer (noch) weiter wächst, während es sich auf das Sterben vorbereitet, das mich schmerzhaft aus den Verstecken ausbuddelt, in denen ich versuche, mich zu verbergen.