Verknüpfungen – Lesung am 19. September in Melle

Ich habe ja lange lange Zeit darunter gelitten eher eine Einzelgängerin zu sein, als Kind ganz besonders. Später dann habe ich andere Einzelgänger gefunden, die mir eine gute Gesellschaft waren. Aber gerade bei der Arbeit war ich lange Zeit lieber für mich, Gruppenarbeit, Teamgeist, das war mir eher suspekt. Schreiben ist ja ohnehin ein großes Gespräch über alle Grenzen (Zeit, Nation, Geschlecht usw.) hinweg, und viele Jahre lang genügte das geschriebene Wort als Gegenüber. Aber spätestens in dieser eingeschlossenen, seltsam aus allen Bezügen gefallenen Zeit der Coronaepedemie habe ich gemerkt wie wichtig mir andere Menschen sind. Wie anders und beglückend die gemeinsame Arbeit ist. Und zum Glück habe ich mit einigen für mich sehr wertvollen Menschen Mittel und Wege gefunden, der verordneten Kontaktarmut etwas poetisch Kraftvolles und Tröstendes entgegen zu setzen. Wir haben im kleinen Kreis angefangen und dann angesichts des großen Ideenreichtums und Engagements von Künstlerinnen in unserer Nähe immer weitere Kreise gezogen, uns verbunden, unsere Arbeiten verknüpft. Heute treffen wir uns zum Feinschliff bei der Generalprobe und am nächsten Sonntag können wir hoffentlich viele Menschen begrüßen, die Lust haben sich auf unsere Verknüpfungen einzulassen. Ich freue mich auf jede und jeden Einzelnen. Und bin aufrichtig dankbar für all die wunderbaren Begegnungen, die mir das Leben bis jetzt geschenkt hat.

Transformation (7)

Schneewittchen

Ein bisschen Dankbarkeit, das sich auf der Haut verteilt, völlig unpolitisch, vereinfachend über den Körper weht, sanft, wohltuend. Eine sommerliche Beschwichtigung, statt einer Auflehnung gegen das, was kommen wird, aufgehen in diesem Moment, der alles birgt und verleugnet, der sicher wie der Held im Märchen weiß, wohin der Weg führt, indem er auf seine Kraft, seinen Mut und seine Intuition vertraut, sich dem Schicksal und seiner Bestimmung hingibt, bis jemand, der stolpert, dafür sorgt, dass der verkantete Apfelschnitz nicht länger für Stillstand sorgt.

All die Schlösser der Sprache

Der Blinde schaut aus dem Fenster und spürt die Musik. Die Gebildeten modellieren die Leere zur formvollendeten Gestalt.

Der Schnee fällt aus allen Wolken. Die Wolken steigen dem lieben Gott zu Kopf. Er hat Knopfäuglein und einen langen Bart. Nicht für Kinder unter drei Jahren geeignet. Kleinteile können verschluckt werden.

Die Zeit hat Schluckauf. Das Gestern bekommt uns nicht, das Morgen haben wir über. Im Heute kennen wir uns nicht aus. Wie Schneewittchens böse Stiefmutter fragen wir unablässig den Spiegel, wer der Klügste im Land ist, der Schönste, oder der mit der besten Stimme. (wer am besten lügt, behalten wir für uns, unter Vorbehalt. Umtausch ausgeschlossen).

Als Kind fühlte ich mich oft ausgeschlossen (ich war nicht besonders aufgeschlossen). All die Schlösser der Sprache und niemand, der sie öffnet, nein schließt.

Penelope wartet noch immer (ohne das jemand merkt, dass es längst das Warten ist, das ihr ans Herz gewachsen ist. Ein unmerkliches Muster, das sich beim nächtlichen Auflösen der Stoffe, tief in ihre Finger gegraben hat).

Den Unglücklichen und Ahnungslosen gehört das Reich der verlorenen Fäden.

Die Nachrichten, die alles im Nachhinein richten. Und alles Wichtige steht ohnehin in dem, was man ausläßt.

Begraben wir die flüchtigen Erfinder mit unserer Dankbarkeit.