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Ich bestand die Prüfung, die gar keine war. Und so ging es weiter. Und voran und vorwärts. Das war die Zeitschrift der Sozialdemokratie, und mein Großvater ließ sie mich manchmal lesen. Sein Arbeitszimmer, obwohl er gar nicht arbeitete, war voller Regale, in denen Stern Zeitschriften lagerten, die ich durchblätterte, lange bevor ich lesen konnte. Im Wohnzimmer gab es ein großes Regal voller Bücher. Mein Großvater lieh mir ab und zu eines der Bücher, er schenkte mir Bücher über den Eichmann Prozess oder über das Godesberger Programm, etwas anderes als die Liebesromane und Tierbücher, mit denen ich sonst versorgt wurde. Und dann hängte er sich auf. Das hatte nichts damit zu tun. Nie hat etwas mit etwas anderem zu tun, und trotzdem hängt alles zusammen. Das kann einem den Verstand rauben, oder zu intellektuellen Höchstleistungen antreiben, eine Quelle der Hoffnung sein, oder der Verzweiflung. Ich habe einen Vertrag unterschrieben, der mich bis an mein Lebensende knebel und unterjocht.

Es gibt Geräusche und den Schatten von Geräuschen. Es gibt Frohsinn, Heiterkeit und tiefen Kummer. Es gibt Aprikosenbäume.

01. April

Blitze, Regen, Sonne, Hagel, Schnee. Seit drei Tagen geht das schon so. Als würde sich das Wetter bemüßigt fühlen, mein Gefühlschaos wieder zu geben.

Nachdem ich zum ersten Mal Knausgard gelesen habe, wurde mir immer deutlicher, dass ich mir insbesondere in den letzten Jahren, regelrecht verboten habe, diese Art Bücher zu lesen, die mir Spaß machen, ohne mich intellektuell allzu sehr zu fordern. Bücher, die einfach Geschichten erzählen, die von Menschen erzählen, von ihren Verletzungen. Ganz einfach und deutlich. Ganz und gar nicht experimentell, ohne den Zugriff oder Rückgriff auf die Art von Philosophie, die mich immer wieder an die Grenzen meines Denk- und Vorstellungsvermögens bringt.

Was natürlich nicht heißt, dass diese Art Bücher, die Grenzen angehen, die experimentieren, weniger Wert sind, sie passten nur nicht zu mir. All diese Bücher, in denen sich Dichter um ihre Poetologie, um die Lage der Dichtung und ihre Bedeutung Gedanken machen, überfordern mich, sprechen aus und von einer Welt, zu der ich verzweifelt Zugang gesucht habe, ohne zu ahnen, dass ich mich dort nie wohl fühlen würde.

2013 – Ein Rückblick

Januar

Im neuen Jahr mit einem uralten ICE und Kater von Berlin zurück in die Provinz gefahren.

Nach gut einer Woche kommen Kälte und Sonne zurück.

Ende Januar liegt zentimeterhoch Schnee. Ich feiere eine Geburt, die auf einmal schon zehn Jahre zurückliegt.

Außerdem: die Beschäftigung mit Marina Abramovic, der Großmutter der Performance und den eigenen Großmüttern.

Februar

Weiter in alten Fotos gewühlt. Viele Gesichter unbekannt und niemand mehr, der sie benennen könnte.

István Kemény entdeckt.

März

Der Winter hält sich hartnäckig. Wieder nicht zur Messe nach Leipzig gefahren. Dafür ganz unerwartet den Literaturpreis der Isla Volante gewonnen. Noch einen Gedichtband von István Kemény ausfindig gemacht. Den wunderbaren Roman von Olga Martynova gelesen.

April

Verpasste Chancen. Krankheit. Mißverständnisse.

Aber auch das Gedicht von Dorothea Grünzweig. Vom Finden und Verlieren.

Mai

Wenige schöne Tage, große Kälte weit über die Eisheiligen hinaus. Ein Kindergeburtstag. Valeria Luiselli .

 

Juni

Immer noch kein Sommer. Ende Juni die Versuchung, die Heizung anzustellen. Ein Seminar, zwei Gallenkolliken. Christine Lavant mit ihrer zeitlosen Prosa.

Juli

Die Narben wachsen. Am Körper und in der Seele.

Claire Keegan als Schwester Christine Lavants entdeckt.

August

Zunächst keinen bezahlbaren Urlaub gefunden. Dann einfach drauf losgefahren. Drei Tage Hamburg, dann weiter nach Husum, Abschlusstag auf Amrum.

María Luisa Blancos Gespräche mit António Lobo Antunes gelesen und Hiob von Joseph Roth entdeckt.

Aber auch vom Tod Wolfgang Herrndorfs gelesen.

September

Die neue Schule. Die Wiederentdeckung der Duras.

Oktober

Ein goldener langer warmer Monat. Noch einmal Luft holen, Licht tanken vor dem Winter. Abschiede, Änderungen und Sofronievas wunderbarer Gedichtband.

Ein kleiner Pflaumenbaum wächst jetzt in unserem Garten heran. 

November

Nebelwände, die sich mit anmutiger Grausamkeit durch die Landschaft bewegen.

Und dann ist Peter Kurzeck tot.

Dezember

Kurz danach stirbt auch Peter Urban. Wie fast immer zum Ende des Jahres Überdruss. Gepaart mit der Vorfreude auf ein Neues Jahr. Völlig irrational, aber nicht weniger wirkmächtig. Geschichten von Fremdheit, Sehnsucht, Einsamkeit und der heilenden Kraft der Poesie bei Francisca Ricinski: Als käme noch jemand.

22. April

Vor einigen Tagen war ich nach langer Zeit wieder in einer Buchhandlung. Eine Freundin von mir hatte Geburtstag, und ich wollte ein Geschenk besorgen. Naturgemäß bin ich eine Menge Geld los geworden. Nicht so sehr für das Geschenk, als vielmehr dafür, dass ich nicht an mich halten konnte, einige der ausliegenden Bände dann doch mitzunehmen, obwohl ich doch immerzu mit frischen Rezensionsexemplaren versorgt werde.

Die Bücher, die ich dann also mit schlechtem Gewissen und großer Vorfreude gekauft habe, waren auch durchaus auf der Rezensionsliste. Aber es gibt Bücher, vor denen habe ich einen zu großen Respekt, als dass ich mir zutrauen würde, sie rezensieren zu können. So kann ich sie dann jetzt immer wieder zwischendurch genießen, ohne darüber schreiben zu müssen. Schon gar nicht möglichst „professionell“, sondern ich habe mir das volle Recht erkauft, einfach nur hingerissen zu sein, mich völlig überwältigen zu lassen.

Ich weiß also noch gar nicht, ob ich darüber überhaupt etwas schreiben will und werde. Aber eines der Bücher: „Die eigene Rede des anderen“, Dichter über Dichter der Zeitschrift Die Horen ist sehr anschaulich und schön auf Planet Lyrik präsentiert, mit Textausschnitten und einer Auswahl an Rezensionen. Wer Lust hat, kann das hier nachlesen.

24. Februar

Die Unmöglichkeit, irgendetwas zu verstehen. Gleichzeitig der Zwang, immer weiter zu machen. Worte aneinander zu reihen. Sinnlose Folgen, Listen, nichtssagend, aber wortreich. Die Frau, der Mann, das Koordinatensystem. Nullpunkte und Bezüge. Anzüglichkeiten. Opfer. Haupt- und Nebensätze. Reue, Sünde, Schmach. Geräusche von fremden Leben und die Bücher von denen M. mir erzählt hat. Ich habe sie bis heute nicht gelesen. Vielleicht will man nur sich selbst verlieren, wenn man schreibt.