Das eigentliche Schreiben ist eine Zärtlichkeit

Möglicherweise bin ich ungeduldig. Ebenso möglich erscheint mir die Annahme, dass das Buch, mein Buch, von dem ich so lange geträumt habe, von dem ich immer noch weiß, dass es gut ist, ein Flop ist. Nicht gebraucht, nicht gelesen, geschweige denn gekauft wird.

Das klingt, als wollte ich Zuspruch, Ermutigung. Sätze wie: du musst Geduld haben, das kommt schon noch, all die Beispiele von späteren Literaturnobelpreisträgern, deren erstes Buch ein totaler Reinfall war. Vielleicht will ich das auch. Aber eigentlich will ich etwas anderes. Viel Schwierigeres; nämlich an den Punkt kommen, an dem es mir egal ist. Wo nicht länger die Rezeption eine Rolle spielt, sondern nur noch das Geschriebene. Meine Haltung. Nur, dass das eigentliche Schreiben eine Zärtlichkeit ist (in Anlehnung an Fernando Botero).

Bis der Schnee Gewicht hat

In nahezu allen Bereichen meines Lebens war ich ein Spätzünder. Der Schularzt bestätigte mir eine verzögerte Entwicklung (der Zähne), mein Abitur gelang mir erst auf dem zweiten Bildungsweg, als ich mein Diplom bekam, war ich über dreißig. Mutter wurde ich noch später. Und so ist es vielleicht kein Wunder, dass ich fast 50 Jahre alt werden musste, um das erste Buch zu veröffentlichen. Möglicherweise hat es aber auch einfach so lange gedauert, bis meine Worte genug Gewicht hatten…

Lesen

Wie einsam ich mich fühle, nach dem Lesen. All diese Menschen, die wie für mich gemacht waren. Um mich zu lieben, zu beschützen, zu verstehen. Unerreichbar auf die Seiten gebannt und jeder Traum währt nur so lange, wie das Lesen. Nach 800 Seiten steht Anna Karenina von den Gleisen auf und setzt sich in einen Zug. Und alle glücklichen Familien gleichen einander weiterhin. So wie ich mir.

Nachtrag zur Lesung am 18. November in der auto-kultur-werkstatt

Über 60 Menschen haben den Weg in das Wohnzimmer von Elke Werneburg im akw gefunden, um mit uns das neue Buch „Flüsse ausgraben“ zu feiern. Alle Autoren lasen aus ihren Texten, wunderbar begleitet von Manfred Matulla und Mark Scheel und umrahmt von den sehr gelungenen und stimmungsvollen Fotos von Oliver Meyer.

Nach der ersten Hälfte betrat Roland Siekmann die Bühne. Bisher habe er Belletristik Manuskripte stets abgelehnt. Das passt nicht zu mir, habe er gedacht. Das war diesmal anders. 

„Das Buch ist in einer ungeheueren Geschwindigkeit entstanden, ich habe es erst Mittags aus der Druckerrei geholt“, sagt der Verleger, der jetzt unser Verleger ist. Man spürt, dass auch er sich freut über dieses Buch. Und ich sitze da in der ersten Reihe, die für uns Autoren reserviert ist und denke, dass das die Szenen sind, die man im Kino sieht und dann denkt: So etwas möchte ich auch einmal erleben.