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Briefe sterben aus. Diese langsame, nachdenkliche Form der Kommunikation verschwindet.

Es ist traurig, dass die Briefe aussterben. Aber noch trauriger ist, dass ich mich nur noch als Ansammlung verschwindender Fähigkeiten begreifen kann. Es gibt keine Gedanken mehr, die mich beflügeln. Alle Gedanken sind so schwer, dass sie mich lebendig begraben (bewegungsunfähig machen). Ich will schon lange auf nichts mehr hinaus, nur möglichst von allem weg.

Früher bin ich der Zeit davon gelaufen, jetzt hinke ich ihr immerzu hinterher.

Empfänger unbekannt

Ich werde gehen, ohne mich von der Stelle zu bewegen. Vielleicht kann das nur ich. Oder es ist die normalste Sache der Welt. Alle machen es so. Nur ich, in meiner grenzenlosen Ignoranz und Blindheit, erkenne es nicht. Bemerke nichts davon. Sehe nur mich. Ohne etwas zu erkennen.

Mein Leben, das mir ständig sehnsüchtige Briefe schreibt, aber immer kommen sie ungelesen zurück. Empfänger unbekannt verzogen. Empfänger unbekannt.

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Briefe an das Leben schreiben, an ein sich veränderndes und gleichzeitig beunruhigend starr bleibendes Ich. Der letzte Sommer. Bevor zum ersten Mal das Unfassbare geschah. Wir haben unsere Leben. Und die Gefangenschaft in Vorstellungen. Die wir schreibend befreien könnten. Hätten wir den Mut und die Ausdauer.

Beim Kaffeetrinken in der Stehcafeteria erzählte der Prof, dass er seinen Hund im überheizten Auto verenden ließ. Während die sehr schöne, sehr charismatische Studentin von ihrem Praktikum im Hamburger Strafvollzug berichtete.

Danach geschah einige Jahre lang nichts. Keine auf Papier aufgezeichneten Schwingen, keine plötzlichen Todesfälle, keine aufregenden Bekanntschaften. Keine Krankheiten und Liebesdramen. Stattdessen Alltag. Umzüge, die ganz normale Geldnot. Der ungeteilte Kinderwunsch.

Sie bezogen eine kleine Wohnung mit zwei sehr kleinen und einem mittelgroßen Zimmer und malten die Wände bunt an. Einmal übernachtete B. mit ihrem Freund dort. Danach brach der Kontakt ab.

Die Parks und Wälder. Die unerträglichen Kopfschmerzen. Jemand, der all die Zeit, trotz allem, bei mir geblieben ist. Der Hund und unsere Spaziergänge. Der Tischapparat. Die Mensa. Aber das war schon wieder eine andere Wohnung. Und ich nur noch ein bisschen jung. Längst an der Schwelle endgültig erwachsen zu werden. Was sehr schwierig ist, ohne Kinder zu haben.

Montag

Es gibt diese Tage
Da kommt ein Fisch geflogen
Und erklärt dir die ganze Welt
Da ist nichts mehr notwendig
Und alle Briefe die niemals geschrieben werden
Sind für dich
Die ausgekugelten Augen
Die durch die Nächte rollen
Die Lippen die noch nicht wissen
Dass ihre Berührung das Versprechen nicht einlösen kann
Die Verlassenheit in den Zügen
Die leeren Blicke in den Straßen
Du trittst aus der Tür
In eine verlorene Landschaft
Mit einer Haltung aus Kleingeld
Nach dem sich niemand bückt

23. Januar

Gestern, zwölf Jahre nachdem ich das winzige blutige Bündel zum ersten Mal im Arm halten konnte, am vereisten See mitten im Wald gewesen. Im Wald saftig grüne, moosähnliche Gewächse mit winzigen weißen Schnee- oder Eispartikelchen darauf.

 

Briefe gelesen, Briefe geschrieben. In Gedanken mehrere Seiten Eitelkeit verbrannt.

Vierzehnter Brief

Lieber Nes,

Heute ist Sonntag

Der Himmel

wie Himmel im allgemeinen

scheint alles zu wissen

Der Himmel ist grau

Ich aber stehe am Hafen

Ich stehe allein

Kein Schiff das ausläuft

Und aus den welken Zimmern

dringt dieser Gesang

Die Einsamkeit hinter den Worten

Nur wer das aushält

spricht sie nicht aus

Und das macht mir Angst

Dass du ein Teil einer Vergangenheit bist

die du nicht kennst.

aus dem Zyklus: Die Nes Briefe