Schwellen und Raten und Verrat

 

Kein Wunder, d.h. also ein sehr willkommener Zufall, dass dieses Buch zu mir gekommen ist. Wie sich Bruchstücke ineinanderfügen, weil man zu fragen beginnt. Aber nie in dem Moment, in dem man sehr bewusst sucht.

 

Cejpek notiert:

 

ENTZWEI

Der erste Satz, der sich André Breton 1919 beim Einschlafen derartig aufgedrängt hat, als klopfte er ans Fenster, war ein Satz, den Breton fünf Jahre später im Manifest des Surrealismus ausformuliert hat: Da ist ein Mann, der vom Fenster entzweigeschnitten wird.

 

Zwischen Entzwei als diesem Auseinanderreißen und den zwei Seiten, die zusammenarbeiten müssen, damit Kunst und Erkenntnis entsteht, bewegen wir uns. Was feststeht, kann losgelöst werden, das Gelöste kann wieder zu einem neuen Standpunkt werden usw.

 

Bedeutend ist vielleicht weniger die Richtung, als die Gewährleistung, dass alles in Bewegung bleibt.

 

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Kurze Geschichte der surrealistischen Bewegung

Gegen Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts war der Surrealismus unter der strengen Führung Bretons zu einer bedeutenden kulturellen Bewegung geworden. Für den Zusammenhalt der Gruppe, deren Mitglieder teilweise sehr unterschiedliche Arbeiten herstellten, waren Spiele und Erfahrungen, die man in der Gruppe machte, von großer Bedeutung. Diese Erlebnisse und Zusammenkünfte bildeten die Basis, die den eigentlichen Zusammenhalt schuf.

Die Surrealisten hielten Traumsitzungen und Séancen ab, sie liebten Anagramme und spielten immer wieder Cadavre exquis, sowie Frage und Antwort Spiele, bei denen Fragen beantwortet werden mussten, die gar nicht gestellt worden waren.

In den 1930er Jahren erhielt die Bewegung auch zunehmend internationale Aufmerksamkeit. Ausstellungen in Brüssel, Kopenhagen, New York und Prag machten den Surrealismus außerhalb von Frankreich bekannt.

1927 waren Breton und einige andere Mitglieder der surrealistischen Bewegung der Kommunistische Partei Frankreichs beigetreten, aus der sie 1933 ausgeschlossen wurden. Die Revolution, die den Surrealisten vorschwebte, ging den Kommunisten zu weit.

Künstler zu sein, genügte Breton und seinen Anhängern nicht, sie hatten den Anspruch mit dem Surrealismus eine Revolution zu befördern, die die ganze Welt umgestalten und das Leben grundlegend ändern sollte.

Breton schrieb dazu:

Leute, die sich als Künstler bezeichnen, findet man sogar im Außenministerium, oder der Begriff taucht auf einem Plakat auf, das eine Tournee durch die Provinz ankündigt, dieses Wort bedeutet nichts: ‚Sie sind Künstler!‘ Was auch immer ich tue, um diese grobe Einordnung zurückzuweisen – von dem einem erwartet das Publikum Märchen, von einem anderen Verse in Alexandrinern, wieder von einem anderen Bilder mit fliegenden Vögeln – und wenngleich ich Zweifel hege, ob es mir gelingt, die so schmeichelhaften Erwartungen, die sich mit meinem Namen verbinden, zu durchkreuzen, bin ich Objekt einer besonderen Toleranz, deren Grenzen ich ziemlich genau kenne und gegen die ich mich immer auflehnen werde.“ (André Breton, in Nadeau, 1964, a.a.O.)

Die „revolutionäre“ Haltung, die sich kommunistischen Direktiven ebenso wenig unterordnen konnte, wie Konventionen oder dem Zeitgeist, war nur konsequent, wenn man ernst nimmt, dass es um eine Wahrnehmung jenseits von gesellschaftlicher Kontrolle und Konvention gehen sollte.

Dabei folgten selbst die Aufrufe zur Revolution der Prämisse des automatischen Schreibens.

Zitiert sei hier ein Appell vom 02. April 1925:

1. In jeder surrealistischen oder revolutionären Geisteshaltung dominiert der Zustand der Raserei; 2. Sie glauben, dass vor allem der Weg der Raserei sie zur surrealistischen Erleuchtung führt.“ (A.Breton, La Révolution surréaliste, Nr. 3)

Im Grunde wendete sich der Surrealismus gegen die gesamte Kultur, die laut Freud auf der Unterdrückung der Triebe aufgebaut ist.

Der Ausbruch des zweiten Weltkriegs beendet die Blüte des Surrealismus.Viele Surrealisten emigrieren in die USA. So auch Breton, der zwar versuchte auch in den USA ein neues Zentrum des Surrealismus zu errichten, sich aber weigerte, Englisch zu lernen, aus Sorge um seine Kreativität. 1946 kehrte Breton nach Paris zurück.

 

Mit dem Tod Bretons 1966, verliert der Surrealismus sein Zentrum.

Ob der Surrealismus einen Anfangs- und einen Endpunkt hat, kommt nicht zuletzt auf die Perspektive an. Maurice Nadeau bemerkt dazu:

Die surrealistische Gesinnung, das heißt die surrealistische Verhaltensweise kommt nämlich zu allen Zeiten vor, sofern man sie als die Bereitschaft auffasst, das wirkliche tiefer zu ergründen.“

Dieser eher generellen Definition von Surrealismus stellt Nadeau eine historische abgegrenzte Periode gegenüber:

Sie entstand ungefähr gegen Ende des ersten und erlosch mit dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs. Insofern sie getragen wurde durch Menschen, die ihre Weltanschauung in Dichtung, Malerei, Essay oder durch ihre eigentümliche Lebensweise zum Ausdruck brachten, und als Aufeinanderfolge von Geschehnissen und Taten, gehört jene Bewegung der Geschichte an, stellt sie eine zeitlich abgeschlossene Reihe von Lebenserscheinungen dar.“ (Maurice Nadeau, Geschichte des Surrealismus, Reinbek bei Hamburg, 1965).

Surrealismus, die literarischen Ursprünge

Manchmal, wenn mich eine Sache besonders interessiert oder begeistert, reagiere ich vorschnell, schreibe zum Beispiel einen Artikel über die Frauen im Surrealismus, obwohl ich nur notdürftig erklären kann, was Surrealismus eigentlich ist.

Nicht immer, aber manchmal, fällt mir dann im Nachhinein auf, wie unüberlegt und vorschnell das war und ich recherchiere. Immer noch am liebsten in den guten alten dicken schweren und unhandlichen Büchern, statt im Internet, weil ich da immerabgelenkt bin.

Für diejenigen, die es interessiert, hier die Früchte dieser Nachbearbeitung:

Den Begriff „Surrealismus“ prägte der französische Schriftsteller Guillaume Apollinaire, als er 1917 zu Jeans Cocteaus Ballett Parade, zu dem Erik Satie die Musik geschrieben hatte, und Pablo Picasso das Bühnenbild entwarf, schrieb, diese Aufführung enthülle eine Wahrheit hinter der Wahrheit, und stelle eine Art Sur-Realismus dar.

Sein eigenes Stück Les Maelles de Trisésias untertitelte Apollinaire als „surrealistisches Drama“.

Wenig später übernahmen Andre Breton und Philippe Soupault den Begriff für das von ihnen entwickelte Verfahren.

Breton war im ersten Weltkrieg Assistent in einer psychiatrischen Lazarettstation. Dort lernte er die psychoanalytischen Untersuchungsmethoden Freuds kennen und konnte beobachten, wie man durch Hypnose versuchte, die Traumata der Patienten zu lindern. Für Breton waren diese Techniken mehr als therapeutische Behandlungsversuche, er sah hier einen Weg einer unerschlossenen, den gesellschaftlichen Konventionen nicht unterworfenen Realität auf die Spur zu kommen.

Im ersten Manifest des Surrealismus schrieb Breton 1924: „Zu Ehren Apollinaires bezeichnen Soupault und ich diese neue Form des reinen Ausdrucks mit dem Namen SURREALISMUS und beeilen uns, was wir an Erkenntnissen gewonnen haben, unseren Freunden zugänglich zu machen.“ (André Breton, Erstes Manifest des Surrealismus, 1924)

Ursprünglich war der Surrealismus ein rein literarisches Unternehmen. Vorbild war Lautréamont, von dem insbesondere folgendes Zitat zum geflügelten Wort innerhalb surrealistischer Kreise wurde:

wie die Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch” (Lautréamont, die Gesänge des Maldoror, 6. Gesang)

Die Zwänge der Logik, der Kontrolle, des Folgerichtigen sind hier außer Kraft gesetzt. Die Vorherrschaft des Intellektes über das Unbewusste gilt nicht länger. Gleichzeitig kann der Seziertisch dahingehend verstanden werden, dass die Dinge sehr genau untersucht werden, man sich nicht mit ihrer Oberfläche zufrieden gibt.

Breton erklärte das automatische Schreiben zur wichtigsten surrealistischen Praxis, zum Kern des Surrealismus:

SURREALISMUS, Subst., m. – Reiner psychischer Automatismus, durch den man mündlich oder schriftlich oder auf jede andere Weise den wirklichen Ablauf des Denkens auszudrücken sucht. Denk-Diktat ohne jede Kontrolle durch die Vernunft, jenseits jeder ästhetischen oder ethischen Überlegung.“ (Breton, erstes surrealistisches Manifest, 1924)

Obwohl der Surrealismus seine Wurzeln im Dadaismus hat, versuchten sich die Surrealisten bald von DADA abzugrenzen. Dada war für sie lediglich Protest, Nihilismus, der Surrealismus hingegen wollte mehr: die Erschaffung einer freien, revolutionären und unabhängigen Kunst. Man will nicht nur hinter die Grenzen der Realität gelangen, sondern gleichzeitig die Gesellschaft verändern.

1919 entstand das erste Werk, das auf der automatischen Schreibweise basierte; Die magnetischen Felder von André Breton und Phillipe Soupault. Breton schreibt dazu:

Es handelt sich um die erste surrealistische (und keineswegs dadaistische) Arbeit, ist sie doch das Resultat der ersten systematischen Anwendung der Ecriture automatique.“ (André Breton, Entretiens 1913-1952 avec André Parinand, Paris, 1952).

Und Soupault ergänzt:

Bei unseren Studien haben wir festgestellt, dass der Geist, wenn er sich vom Druck der Kritik und der schulischen Gewohnheiten befreit hat, keine logischen Sätze, sondern Bilder hervorbringt.“ (Philippe Soupault, profils perdus, Paris, 1963).

1922 erschein der Gedichtband Les Malheurs des immortels (Die Unglücksfälle der Unsterblichen) von Paul Èlurad und Max Ernst, mit Collagen von Max Ernst. Das automatische Schreiben der magnetischen Felder hatte sich hier zu einem Dialog zwischen Text und Bild erweitert. Die Zusammenarbeit der Künstler stand wiederum unter einem Motto, das Lautréamont beigesteuert hatte: „Die Poesie muss von allen, nicht von einem gemacht werden.“

Der Weg von der literarischen zur malerischen Bewegung schien geebnet.

Collage von Max Ernst für den Gedichtband Die Unglücksfälle der Unsterblichen