Erinnerungen, Transformationen

Wir sind das Porzellan

das halb fahrlässig zerbricht

In der Küche teilen sich die

Frauen den Abwasch

Während die Männer im

Wohnzimmer rauchen und Schnaps trinken

Kindheitserinnerungen. Unvollständig. Und eher aus Vorurteilen als wirklichen Bildern bestehend. Vielleicht auch aus Wut. Die jetzt langsam kommt. Fast ein halbes Jahrhundert später. Weil Wut besser ist als Verbitterung. Weil Wut manchmal notwendig ist, um Dinge zu verändern, um die Kraft zu finden, sie anders zu betrachten, zu begreifen, dass das, was ist und was war, nicht auf immer so bleiben muss.

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Wie man sich immer wieder verläuft, zwischen geboren werden und sterben, weil man nichts besseres zu tun hat, als anderen hinterher zu laufen, ohne zu merken, man läuft immerzu nur weg von sich selbst. Das hat immer neue Sätze und Bilder und Farben und Töne. Aber es tut immer gleich weh.

Lost memories

Lost memories, das stimmt schon, ist kein vollkommen treffender Titel. Für einige der Fotos schon, diejenigen, die ich auf Flohmärkten gefunden, oder geschenkt bekommen habe, aber für viele andere eben nicht. An denen hängen sehr viele Erinnerungen, die dazu führen, dass ich mich verloren fühle, weil es häufig Erinnerungen sind, die ich nicht länger teilen kann. Weil mir schmerzlich bewusst ist, dass diese Momente endgültig vorbei sind. Manche (die meisten) der Menschen auf den Fotos leben nicht mehr, und all das ist etwas, das ich verloren habe. Die Fotos machen mir bewusst, wie viel fehlt. Die Zuversicht, der Übermut, dieser absolute Glaube an alles, mit denen man die Kindheit überlebt, die ja auch immer wieder von Enttäuschungen, von Ohnmachtsgefühlen bestimmt ist (nur dass wir das gerne vergessen). Kindheit, das ist das Leben in der magischen Welt, die irgendwann verloren geht. Und wenig später reiht sich ein Verlust an den nächsten. Als ich die Reihe begonnen habe, habe ich geschrieben, dass mich die Erinnerungen faszinieren, die in diese Bilder eingeschlossen sind, und weder geteilt werden noch dort heraus können. Sie sind Teil meiner Geschichte. Eine Geschichte, die gerade schmerzhaft ist, aber auch schön. Weil es immer darum geht, loszulassen, um würdigen zu könne, was man hat.

Bilder

Die Bilder. Und wie in den Bildern eine Andeutung des Geschehenen liegt, etwas, das analysiert werden kann, oder auch nur angedeutet. Mit dem Bild entsteht eine Vorstellung davon, was an die Oberfläche treten könnte, wenn man genauer hinsieht.

 

Das Kind

Das Kind fällt schwerelos in ein Loch aus Zeit. (es müsste ein Strudel sein, denkt es, der mich einsaugt, bis nichts mehr da ist. Nicht der Hauch einer Erinnerung.) Aber da ist nur die Schwerelosigkeit. Das Loch. Und die Zeit.

Die Zeiten kollidieren nicht, wenn sie aneinander vorbeirasen. Es ist ein heilloses Durcheinander.

Plötzlich hat das Kind wieder eine Mutter, im nächsten Moment liegt es als Greisin auf dem eigenen Sterbebett. Die Bilder wechseln so schnell und ungeordnet, dass das Kind das Bewusstsein verliert. Alles ist schwarz. Aber nur eine kurze Zeit lang. Dann sieht das Kind seinen großen weißen Körper, aufgebahrt auf einem Bett. Überall an den Armen, den Leisten, und den Außenseiten der Beine, sind Stricke befestigt. Taue, die von hässlich gemeinen Kreaturen festgehalten werden, die es daran hindern, sich zu bewegen.

Nur der Kopf ist frei. Das weiß das Kind, obwohl es kein Gesicht erkennen kann. Das des gefesselten Körpers ebenso wenig, wie das der winzig kleinen, aber ungeheuer kräftigen Kreaturen.

 

Ihr seid alle nur da, weil es mich gibt, sagt das Kind, das das Kind gern sein würde. Und dann ist alles still und dunkel. Aber das Gegenteil von friedlich.

Am nächsten Morgen hat das Kind Kopfweh und Fieber. Aber es steht trotzdem auf. Zu funktionieren hat es gründlich gelernt. Und zu funktionieren beruhigt das Kind so gut und zuverlässig, wie nichts sonst auf der Welt.

Wasser

Neue Puzzleteile auf der Suche nach der Antwort zur Frage, warum mich Wasser so sehr fasziniert

Christine Kappe schreibt: „Manchmal wusste ich nicht, ob eine Sache aus festem oder weichem Material bestand. Aber es war nicht so entscheidend, denn die weichen Dinge wurden auch hart mit der Zeit[…]“

Und dann sehe ich die Bilder von Nicole Tijoux, die ich bei Pagophila entdecken durfte, und lese bei der weiteren Recherche von ihr selbst folgende Erklärung zu diesen ihrer Bilder:

http://www.thejealouscurator.com/blog/wp-content/uploads/2016/03/nicoletijoux11.jpg
http://www.thejealouscurator.com/blog/wp-content/uploads/2016/03/nicoletijoux11.jpg

 

„So, my work studies visual transformations that a body has when interacting with water, how the figure actives the background with it. Also the way the shape vanishes in the vapor of the water, and the ghostly appearence of the body. I tried to explore different pictorial ways to solve the image, to splash paint, or dripping it, or many watercolur effects.“

Die Bilder stellen übrigens, das schreibt sie auch, Menschen dar, die mit Wasserwerfern der Polizei konfrontiert sind.

Stillstand

Das ist alles falsch. Es sind die falschen Gedanken, die zu den falschen Bildern und immer wieder zu fehlgeleiteten, nicht nur fehlerhaften Sätzen führen. Sätze, die in die Irre führen. Statt eine Richtung zu weisen.

Sätze, die mit all ihrer Fehlerhaftigkeit, Fehlbarkeit, feststehen, die zum Stillstand verführen. Dabei muss es doch weitergehen.

Es ist nicht so, als hätte man sich lediglich verschrieben, das könnte man ausstreichen, darüber könnte man hinweggehen. Hier jedoch liegt der Fall anders. Im wahrsten Sinne des Wortes: Hier liegt nichts mehr brach, worauf man aufbauen könnte. Hier liegt alles still. Still und lahm. Das nennt man Stillstand. Und wenn man daran zu glauben beginnt, ist es für alles zu spät.

Tot sein war leicht mit dir

Tot sein war leicht mit dir

Leben spielen auch

Wir waren gut im

So tun als ob

 

Du hellwach

Ich mausetot

 

Du hast die Rahmen

an die Wand gehängt

und ich sollte Bilder rein malen

Bilder von dir

Bilder nach deinem Geschmack

 

Wenn uns langweilig wurde

Brachtest du mich zum Weinen

Nur um mich trösten zu können

 

Du hast die Teller zerschlagen

um mir zu zeigen

wie man sie richtig zusammensetzt

 

Du hat mir ein schlechtes Gewissen geschenkt

damit du es mir vergeben konntest

 

Nur aufgeweckt hast du mich nicht

das hat das Gesicht im Spiegel gemacht

 

20. März

Terror in Tunesien scheint nicht sehr interessant zu sein, da regt man sich lieber über einen ausgestreckten Mittelfinger auf, oder lässt sich über die Sonnenfinsternis aus. Wenn es um die Ausschreitungen in Frankfurt geht, disqualifiziert man sich, wenn man die berechtigte Frage stellt, woher die Wut und Gewalt kommt, als würden sich diese Frage und die Distanzierung von Gewalt ausschließen. Die Macht der Medien und der Bilder und unsere eigene Ohnmacht, weil wir mehr und mehr verlernen selbst (oder sogar kritisch) zu denken.