Warten

Du musst die Träume von den Bäumen pflücken, sagte ihr Vater. Aber du darfst sie nicht anschauen. Lege sie in einen gläsernen Sarg und begrabe sie unter dem Laub des Lebens.
Dann musst du warten, sagte er. Ein ganzes Leben lang haben wir dir beigebracht, wie Warten geht. Das Warten ist der einzige Weg, den jeder betreten kann.
Deine Mutter, sagte ihr Vater, die glaubt an Flügel, an Engel, an den Wind. Aber das sind nur andere Namen für das Warten, glaub mir.
Es ist wichtig, dass eine glaubt, wenn sie wartet. Dann verlieren die Träume die Farbe und ergeben ein Bild.

Kind

Kinder. Was bedeutet das: Kind? Bilder überlagern sich. Ich mit Schultüte und Zahnlücke, neben mir der Großvater (lachend) mit Hut, zu Hause (nicht auf dem Bild), die Großmutter, allein, wartend, am Fenster. Geduldig wie der Tod. Der sie warten lässt. Ein paar Jahre noch. Und ich, mit dem schönsten Baby der Welt, das ich stolz dem Sommer präsentiere. Dann bricht alles ab und ein. Eine Tür quietscht, eine andere fällt ins Schloss. Ich könnte beide Türen deuten, aber sie einfach offen zu lassen, fällt mir schwer.

Alte Fotos

Mutterbilder

Ich kann diese alten Fotografien nicht unbearbeitet lassen. Nur das Spiel, die Schatten, der Blätter auf ihrem weißen Mantel schärfer zeichnen, und alles übrige für sich sprechen lassen. Diese Bilder müssen überzeichnet sein, so wie meine Erinnerung alles überzeichnet, die Fakten, die ich nicht kenne, die Momente, die immer nur demjenigen gehören, der sich an sie erinnert.

 

Vierter Tag

Ich erkenne mich wieder in diesem Bild. Vielleicht ist es ein Bild des modernen Menschen an sich; durch Vervielfältigung zum Verschwinden gebracht. Und gleichzeitig eingegrenzt, getrieben von den Erwartungen jeden einzelnen Bildes, das dasjenige, das man gerade „Ich“ nennt, bedingt.

Ich weiß, dass dieses Bild in diesem Buch eine besondere Geschichte hat, eine Genese, die nur mit der besonderen Geschichte zu tun hat, mit der Ermordung des Vaters und dem Zusammenhalt der Brüder. Trotzdem ist es auch ein Stück weit universal, so wie es wohl immer ist bei richtig guter Literatur; dass sie die Balance findet zwischen persönlichen Bekenntnissen und universeller Gültigkeit.

Dritter Tag

Während die Apfelpfannkuchen in der Pfanne bruzzeln, komme ich endlich wieder dazu, in der Erfindung der Einsamkeit zu lesen. Einsamkeit, schrieb mir Blinky in einem Kommentar, sei etwas, mit dem wir uns zu wenig beschäftigen. Ich denke, sie hat Recht. Vielleicht auch deshalb dieses Buch. Immer wieder.

Die Wehmut, die mich beim lesen der sehr detaillierten Erinnerungen an diesen Vater überkommt. Weil meine Erinnerungen längst verblasst sind. Weil ich nicht schnell genug aufgeschrieben habe, wer meine Mutter war. Und wie. Meinen Vater kenne ich ohnehin fast nur aus Erzählungen. Ich war fünf als er starb.
Ihre Hände, ihre Gesten, ihre Stimme. An all das kann ich mich nur noch mit Mühe erinnern und was dann erscheint (als angebliche Erinnerung), sagt mehr über meine Erfindungen aus, als über sie. Nicht einmal, wie ich sie damals gesehen habe. Nur wie ich mir vorstelle, dass ich sie gesehen habe.

Eine der Schlüsselszenen im Buch, von dem auch das Cover meiner Ausgabe inspiriert ist, ist diese:

Aus einer Tüte mit ungeordneten Bildern: eine Trickphotographie, aufgenommen in einem Studio in Atlantic City irgendwann in den vierziger Jahren. Er sitzt gleich mehrmals um einen Tisch, jedesmal aus einem anderen Blickwinkel abgelichtet, so daß man es anfangs mit einer Gruppe verschiedener Männer zu tun haben glaubt. Da sie im Dustern und vollkommen reglos sitzen, machen sie den Eindruck, als seien sie zu einer Séance zusammengekommen. Und wenn man das Bild genauer betrachtet, erkennt man allmählich, daß alle diese Männer immer derselbe Mann sind. Die Séance wird zu einer echten Séance, so, als säße er dort nur, um sich selbst zu beschwören, sich selbst von den Toten zurückzuholen, als habe er sich durch seine Vervielfältigung versehentlich selbst zum Verschwinden gebracht. Er sitzt fünfmal dort, doch liegt es im Wesen der Trickphotographie, daß die verschiedenen Ausgaben seiner selbst keinen Blickkontakt miteinander haben können. Jede einzelne ist dazu verurteilt, immerzu ins Leere zu starren, als lasteten die Blicke der anderen auf ihm, doch ohne etwas zu sehen, ohne je etwas sehen zu können. Es ist ein Bild des Todes, das Porträt eines Unsichtbaren.

Zeitung lesen

Eine Frau im hellen Kostüm, umringt von vielen dunkel gekleideten Männern, das ist das Foto, das mir entgegenspringt, sobald ich die Zeitung aus dem Briefkasten geholt habe.

Irgendwie habe ich das Gefühl, dieses Bild könnte einiges aussagen, über uns, unsere Zeit und Kultur. Ich komme nur gerade nicht darauf was.