Kultur braucht Resonanzen

Eine Zeitlang habe ich hier für die lokale Presse geschrieben und eine kurze Weile war das auch eine gute Sache. Ich lernte Formate kennen, die ich vorher nicht beachtet hatte und setzte mich damit auseinander. Problematisch wurde es, als immer häufiger Veranstaltungen, die ich interessant und berichtenswert fand, generell abgelehnt wurden. Nicht relevant für die Zeitung. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Schließlich wurde die Kulturseite ganz gestrichen, das bisschen Kultur, über das man dann doch berichten musste wurde in die Lokalseiten ausgelagert, mit weniger Zeilen und noch weniger Bezahlung. Nach der Versammlung, in der all dies bekannt gegeben wurde, war der Unmut bei den freien Mitarbeitern sehr groß, und so wäre es vermutlich geblieben, Unmut, der irgendwann verflogen wäre oder auch nicht. Aber dass jetzt tatsächlich etwas Neues entstanden ist aus diesem Unmut, verdanken wir (die Gesellschafter von Resonanzen) und die Stadt Bielefeld in erster Linie Antje Doßmann, die ein Treffen anregte, ein Treffen derjenigen, die Lust hatten, sich zu überlegen, ob man diesem ausufernden Kulturdesinteresse nicht etwas entgegen setzen könnte. Nach fast einem Jahr, vielen vielen Treffen und Diskussionen, haben wir gestern unser neues Kulturportal für die Stadt präsentiert, und ich bin sehr stolz Teil dieser Bewegung zu sein.

Bestimmt werde ich weiterhin wenig hier schreiben, aber immer wieder gerne auf Artikel aufmerksam machen, die auf dieser Seite erscheinen. Wir freuen uns über jeden Besuch und jegliche Art von Unterstützung. Danke!

Saša Stanišić (und Tilman Rammstedt) in Bielefeld

 

Zu seiner ausverkauften Lesung in Bielefeld hatte Sasa Stanisic Tilmann Rammstedt mitgebracht. Oder jedenfalls seine Kommentare zu und Ratschläge bezüglich Bielefeld. So schützte eine von Rammstedts SMS Stanisic davor im „bösen“ (Rammstedt) Knigge einzukehren, und stattdessen zu beobachten, wie ein Mann mitgebrachte Trauben schälte und in sein Weinglas gab. Oder kurz, wie das eben so ist, wenn ein Nichtort zeitweise der Standort ist.

Wie dem auch sei, Stanisic hat diesen Ort jedenfalls einen Abend lang bereichert. Denn seine Lesung war eine von den Lesungen, die ein echter Zugewinn sind. Das lag nicht nur an seinem sehr professionellen Vortrag, bei dem er mit seinen Gesten die eigenen Worte dirigierte, sondern ganz besonders an der Art und Weise, wie er nach der Lesung auf die Fragen einging.

Natürlich wurde er nach seinem ersten Buch „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ gefragt, und wie es denn komme, dass dieses Buch „Vor dem Fest“ so anders sei, in Deutschland spiele und auch gar nichts mehr mit dem Krieg, mit Flucht und Vertreibung, nicht einmal mit der verlorenen Heimat zu tun habe.

Sein erstes Buch, erzählt Stanisic daraufhin, habe er aus einem inneren Archiv geschöpft, die Geschichten erzählt und aufgeschrieben, die sich in seine Träume schlichen und die Tage bedrückten. Schon nachdem das Buch beendet war, habe er ein ganz anderes Buch schreiben wollen, aus einer beobachtenden Perspektive. Und dann war da noch das Thema des Verschwindens. Vor vier Jahren habe er ein kleines Dorf in Bosnien besucht, in dem nur noch dreizehn Menschen lebten, und das einen engen Bezug zu seiner eigenen Familiengeschichte hat. Dieses verschwindende bosnische Dorf wurde das Vorbild für ein Dorf in Deutschland, das Stanisic mit Worten erschaffen und dennoch in der Realität verorten wollte. Auf diese Weise ist Fürstenfelde entstanden, ein Dorf mit einer ganz eigenen Mythologie, zusammengestellt aus alten Archiven der Uckermark und Geschichten aus Bosnien, ein Dorf, das eine Brücke zwischen den Nationen baut, weil es seine Wurzeln in zwei unterschiedlichen Kulturkreisen hat.

Stanisic jedenfalls ist wie seine Bücher: sprachgewaltig, humorvoll und liebenswert.

 

 

Ulrike Draesner

Ulrike Draesner am 13.02. im ZiF Bielefeld
Ulrike Draesner am 13.02. im ZiF Bielefeld

Gestern abend bei der Veranstaltung mit Ulrike Draesner im ZiF mal wieder begriffen, dass Konkurrenzdenken in der Literatur lediglich ein Zeichen von Eitelkeit ist, während es eigentlich darum geht zu verstehen, was Sprache kann, wie Literatur als Erkenntnisinstrument funktioniert. Oder wie Didion es ausdrückt, dass wir einander Geschichten erzählen, um zu leben.

Schönheit und Geheimnis

Die Kunsthalle trägt lila und verbreitet eine nahezu mythische Atmosphäre. „Schönheit und Geheimnis. Der deutsche Symbolismus. Die andere Moderne.“ heißt die Ausstellung, der die Kunsthalle ihr neues Kleid verdankt.

Der Symbolismus, der auch als andere Moderne bezeichnet wird, zeichnet sich weniger durch eine einheitliche Stilrichtung als eher durch die Thematik aus. Die unter diesen Ismus versammelten Künstler einte der Versuch eine Gegenwelt zur immer rationaler und entfremdeter empfundenen Welt der Industrialisierung zu erschaffen.

Die Ausstellung in der Kunsthalle hat sich auf den deutschen Symbolismus beschränkt, und versammelt Bilder aus dem Zeitraum von 1870 bis 1920 von Künstlern wie Max Klinger, dem ich in Berlin zum ersten Mal begegnet bin, und Franz von Stuck, Dora Hitz, Sascha Schneider, Lovis Corinht und Arnold Böcklin, um nur einige zu nennen.

Klar angeordnet ist die Ausstellung in neun unterschiedliche Kapitel untergleidert, von der Beseelten Natur, über die Landschaft als Symbol zur erhalbenen Natur, führt der Weg zu Kraft und Kontemplation, Bösen Frauen, Erotischen Grotesken, Guten Frauen, schließlich zu Tod und Mächten der Finsternis. Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit dem Symbolismus im Film.

Letzten Freitag konnte ich mir lediglich einen Überblick verschaffen. Aber ich habe die Ausstellung nicht zum letzten Mal besucht und werde weiter berichten.

Bahnhof Bielefeld

Hauptbahnhof Bielefeld
Hauptbahnhof Bielefeld

Ankommen, abreisen, unterwegs sein.

Mit dem Körper. Aber auch mit den Gedanken.

Drüben bei Postkultur läuft eine interessante Diskussion über das Lesen und Schreiben von Gedichten, über die Möglichkeit von Verstehen und Bildung, und wie das alles zusammenhängt.

Und in diesem Zusammenhang wiederum, wies Jan Kuhlbrodt auf ein außerordentliches Gedicht von Ben Lerner hin, übersetzt von Steffen Popp und nachzulesen in der neuen Edit.

Intention draws a bold, black line across an otherwise white field“… setzt dieses Gedicht an und tritt damit eine ganze Lawine von Gedanken, Beobachtungen und Fragen los. Weil Gedichte auch das sind; Reisen in eine offene Landschaft, im besten Fall nicht, um irgendwo anzukommen, sondern um die Reise zu genießen und sich überraschen zu lassen, wo man schließlich ankommen wird.