Das Kind

Vielleicht bin ich verwechselt worden, dachte das Kind, und seine Mutter erzählte ihm Geschichten des eigenen Fremdseins als Kind unter den Geschwistern, um ihm nah zu sein, um Gemeinschaft zu schaffen. Von der Überwindung des Fremdseins, davon, wie es geht ein Zuhause zu finden, eine Heimat, einen Platz und Menschen zu denen man gehört, davon erzählte sie nie. Dem Kind ist das nie aufgefallen. Oder vielleicht hat es das sehr wohl bemerkt, nur nicht mit dem Bewusstsein mit dem man Fragen stellt, und Widersprüche oder Bedürfnisse ausspricht, erfasst, aber mit dem Unbewussten. So dass es diese Tatsache jetzt, viele, viele Jahre später, zu Papier bringen kann. Immer noch mit der Frage beschäftigt, wer es ist.

(10)

Sie fürchtet sich. Sie will gefallen. Aber sie spürt, wie ihr das immer weniger gelingt. Es ist nicht möglich, anderen zu gefallen, solange man sich selbst nicht gefällt, dieser Satz geht ihr durch den Kopf, ohne wirklich in ihr Bewusstsein zu dringen.

 

Wenn ich schreibe bin ich bei den Menschen, nicht im Gefängnis,

schreibt der seit Jahrzehnten zu Unrecht Inhaftierte. Was fängt man an mit Sätzen, die man versteht, ohne sie zu begreifen?

 

Auf einmal wird ihr Herz weit, sie spürt ihr Blut pulsieren. Sie sieht den blauen Himmel, spürt die klare kalte Luft und für einen kurzen Moment spürt sie wirklich, dass nichts fehlt, dass alles in Überfülle vorhanden ist. Es ist nur ihr Denken, das die maßlose Freude und Lebenslust begrenzt, zusammenstutzt, und zu etwas Unbedeutendem werden lässt. Zu einer Leere, die nur durch Leistung gefüllt werden kann.

Sechster Tag

Die Details der Beerdigung. Alles ist wieder da. Von diesen Stunden habe ich seltsamerweise eine lückenlose Erinnerung. Als wäre ich in dem Moment erwacht und hätte begriffen, dass der Albtraum real war, die einzige Realität, die ich hatte.

Der zweite Teil: das Buch der Erinnerung. Das Herantasten. Das Umkreisen des Themas. Wie ein Raubtier. Das Bild eines Raubtiers, der geschmeidige Gang, die Bereitschaft jeden Moment anzugreifen, ist da, obwohl auch das Gefühl von Unsicherheit aus dem Gelesenen hervortritt. Was natürlich mit mir zu tun hat. Darum mag ich solche Bücher, die gleichzeitig in Frage stellen, was sie schreiben. Die sich herantasten. Unsicher. Und auf diese Art angreifen. Wie Demokratie von Joan Didion, wie Das Buch von Blanche und Marie von Per Olov Enquist, wie Die Erfindung der Einsamkeit.

„Angesichts außerordentlicher Wirklichkeit nimmt das Bewußtsein den Platz der Phantasie ein.“ (Wallace Stevens)

Ich versuche den Satz zu verstehen; die Fantasie braucht den geschützten Raum der Normalität, oder die Wirklichkeit in der das Bewusstsein den Platz der Fantasie einnimmt, ist derart außerordentlich, dass sie die Möglichkeiten der Fantasie überschreitet und nur mit Hilfe des Bewusstseins (was immer das ist) bewältigt werden kann. Indem es sich trübt, indem es alles ausblendet, was nicht unmittelbar zur Lösung des Problems, zur Bewältigung eben dieser außerordentlichen Wirklichkeit beiträgt. Weiter reicht mein Verständnis nicht. Meine Fantasie auch nicht.