I Champagner Lesetagebuch

Inzwischen ist viel Zeit vergangen, die ersten Rezensionen sind da. Darunter eine sehr schöne, gewohnt fundierte, von Michael Braun in der Zeit.

Trotzdem ein paar eigene Gedanken. Zur Frage der Notwendigkeit des „Neuen“, mit denen sich zwei Veranstaltungen (die zweite war so ernüchternd und banal, dass ich verzichte darüber zu schreiben), die ich letzte Woche besucht habe, mit einer sehr unterschiedlichen Haltung beschäftigt haben, lese ich bei Rinck ein Zitat von Hans-Christian Dany

„Was sich in Bewegung setzt, muss die Vorstellung von dem, was kommen wird, aufgeben, um sich dorthin zu bewegen, wo es noch nicht war.“

Das ist sicher ebenso richtig wie eben nicht vorstellbar. Denn wie könnte ein noch nie betretener Raum vorstellbar sein? Stellen wir uns nicht immer nur Dinge vor, die in irgendeiner Weise schon gewesen, schon angelegt sind? Andererseits wäre so sämtliche Science Fiction nie geschrieben worden. Scheinbar habe ich mich gerade selbst widerlegt. Fortschritt meint für mich in erster Linie Bewegung, Beweglichkeit. Das muss nicht unbedingt in Richtung Zukunft sein. Könnten sich nicht auch völlig neue Perspektiven eröffnen, indem man die Vergangenheit anders betrachtet, auf bisher nicht gesehene Weise erschließt? Ich denke an den Verlagsabend am letzten Dienstag, aber auch an eine sehr gute Besprechung von Eric Vuillards “ 14. Juli

Also den erwartungsvollen Blick ins Künftige getrost auch in die Vergangenheit richten?

Unabhängig davon, in welche Richtung die Blicke gelenkt werden, die Feststellung Rincks, das Bilder (Vorstellungen) und Begriffe einander wechselseitig als Filter dienen, die die Wahrnehmung verzögern, behält Bestand.

Diesen „Filter“ führt Rinck als Denkfigur des Gedichts ein. Ein poetischer Filter, der die Aktualität anders behandeln kann. Rinck schreibt, die poetische Sprache verfüge über die Quailtiät „[…] die Veränderlichkeit der Dinge in ihrer Beschreibung aufzubewahren […]“ Das Gegenteil von Festschreiben, eher eine Öffnung der Perspektive. So eine Beschreibung schließt ein „Verstehen“ dem Wort nach aus, weil es sich eine bewegliche Haltung einschreibt.

Und es spricht für die ganz wunderbar gelungene Zusammenstellung dieses Lesebuchs, wie das Gedicht „Vom Fernbleiben der Umarmung“ an diese Gedanken anknüpft. Insbesondere diese Zeile: „[…] ihnen half das nicht mehr, aber ihm half es, dem verbesserten menschen.“ Wie dort das individuelle Scheitern zu etwas nutzbringendem für die Gemeinschaft werden kann, weil allem, was beschrieben werden kann, auch die Veränderung eingeschrieben ist.

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Zeit

Ich fürchte die Zeit. Ihren Stempel aus unumkehrbar und unwiederbringlich verloren, zu spät, nie wieder. Aber dann denke ich an das siebte Geißlein, das sich in der Standuhr versteckt, und so sein Leben gerettet hat. Ich verstehe, sogar die Zeit hat zwei Seiten. Ist verbunden mit allem, ist grenzenlos und begrenzt. Auch die Zeit ist Bewegung. Während mein Denken noch immer vom Stillstand ausgeht.

Bewegung

Auf einmal konnte sie wieder gehen. Einfach weil sie darauf vertraute, dass ihre Schritte gut genug sein würden für den Boden, der sie nicht nur ertrug, sondern trug. Und ihr Widerstand entgegen setzte, wo es notwendig war, und sie weich auffing, wenn sie stolperte und fiel. Denn das Gegenteil von Angst ist nicht Mut, sondern Vertrauen.

Stolpern, Scheitern, weitergehen…

Irgendwann habe ich angefangen zu glauben, ich hätte meine Zähne verloren. Ich fing an nur noch diesen Brei aus Verständlichkeit zu kochen. Und je mehr ich verstand, um so mehr fürchtete ich mich vor unverständlichen Resten. Das, was Literatur schließlich ausmacht. Ich verlernte meine Zähne zu benutzen und verlor den Geschmack an allem, was ich nicht mehr durchdringen konnte, vor lauter Verstand, Verstehen. Weil dieses Verstehen lähmt, weil es dich festhält auf einem Standpunkt, den jede Frage, jede unbedachte Bewegung ins Wanken bringen könnte, zum Einsturz.

Und dann kam dieses Experiment. Express. Und ich war gezwungen, mich wieder zu bewegen. Das war mühsam und anstrengend, am Anfang bin ich ständig gestolpert. Aber ich glaube, es lohnt sich. Ich werde versuchen weiter zu gehen.

 

06. Februar

Immer noch nicht begonnen, die Odysee zu lesen. Bzw. schon begonnen, mehrmals bereits, aber ohne in irgend eine Art von Lesefluss zu kommen, so lange tauchen nur ständig neue Namen auf, es geschieht nichts.

Seit zwei Tagen blauer Himmel und strahlender Sonnenschein. Gestern morgen beim Frühstück mit P. beobachtet, wie der Mond immer wieder durch die Wolkendecke brach und dabei bizarre Muster zeichnete.

 

Als wenn man vom Glück reden könnte. Als wenn man von etwas reden könnte, das feststeht, um es so in Bewegung zu bringen. Als wenn die Worte wüssten, wohin sie gehören, und nur wir sind es, die sich ihnen immer wieder in den Weg stellen. Und nennen das Zeit. Und Geschmack. Stolz und Gewinn.

Ohne Worte über das Schweigen nachdenken. Was ist Schweigen? Und wie dumm bin ich, wenn ich behaupte, das Schweigen ernst zu nehmen, es aber nicht verstehe? So ein kleines Ego, das das Leben verschweigt.

Es war einmal ein Glück. D.h. es war einmal ein Blick zurück. Und dieser Blick hat nichts zu tun mit dem, was man vorfindet, wenn man irrtümlicherweise wirklich zurückkehrt nach Hause. Zum Ursprung. Der Kerl mit dem Strick und der Kuh. Mag sein, dass wir alle etwas suchen. Um so besser, wenn es das nicht gibt. Was sind erfüllte Wünsche gegen die Sehnsucht?

Hauptsache wir bleiben in Bewegung. Hauptsache, die Schritte, die sich in sieben Jahren ansammeln können, sind lang und im Bett liegt Dornröschen (schon wieder) und sucht nach der Erbse, mit der sie ihre Existenzberechtigung beweisen kann.

Fisch

Fisch - Isla volante
Fisch – Isla volante

Durch Kiemen atmen und statt Haut Schuppen. Sich niemals im Spiegel sehen, vielmehr die Spiegel zerstören, die eine ruhige Wasserfläche bereitstellt für die, die immer und überall ihr eigenes Gesicht suchen. Keine Füße haben und keine Stimme. Aber immer in Bewegung sein und schwerelos.

Die Hände meines Vaters, ein bretonischer Küstenort und Hauptsache bewegt

Deine Hände waren ein Hafen, den ich viel zu jung und viel zu überstürzt verlassen habe, und in den ich erst kurz vor deinem Tod zurückgekehrt bin. Große schwere Hände. Sensibel genug, um feine Bleistiftlinien zu zeichnen und aus Papierbögen Schiffchen zu falten. Stark genug, um Eisen zu schmieden und um mich hoch in die Luft zu werfen und wieder aufzufangen. Zärtlich genug, um mein aufgeschürftes Knie zu verarzten und mir das Haar aus der Stirn zu streichen. Brutal genug, um deinem Zorn Ausdruck zu verleihen auf entsetzter Haut. Nicht auf meiner. Trotzdem schmerzte es. Als ich nicht mehr wegsehen konnte, verließ ich den Hafen. Da war ich zwölf. Erst an deinem Sterbebett steuerte ich ihn wieder an, hielt deine Hand, die kaum noch Gewicht hatte, keinen Widerstand mehr bot. Leicht wie ein Vogel ruhte sie in meinen Händen. Nur warm war sie noch.

 

*

 

Ich habe immer eine Sehnsucht in mir gehabt. Selten wusste ich sie zu benennen. Ein Gefühl wie Heimweh und Fernweh zugleich. Meistens wünschte ich mich woanders hin. Immer sehnte ich mich nach einem beständigen Ort. Ich bin bisher vierzehn mal in meinem Leben umgezogen, am häufigsten in der Kindheit. Ich habe Grundschulen in drei verschiedenen Städten besucht. Inzwischen sind die Abstände größer geworden, nicht zuletzt meinen eigenen Kindern zuliebe. Vor etwa achtzehn Jahren machte ich mit meiner kleinen Familie Urlaub in der Nordbretagne. Wir fanden einen Campingplatz mit Blick aufs Meer. Dort, in dem Hafenstädtchen Binic, hatte ich erstmals das Empfinden, als wären Heimweh und Fernweh zugleich gestillt. Als schlösse sich ein Kreis. Der Atlantik ist mir in dieser Bucht wie ein Geliebter, sanft tragend und Widerstand leistend zugleich. Wind, Möwen und Sonne sind mir dort vertrauter als anderswo. Dieser Ort ist mir ein inneres und äußeres Zuhause geworden. Schon viel zu lange war ich nicht mehr da. Manchmal habe ich mich gefragt, ob ich in irgendeiner Weise von dieser Küste stamme. Ob ich vielleicht keltische Ursprünge habe. Aber es nicht wichtig, das zu erforschen und zu wissen. Wichtig ist, was ich spüre, wenn ich dort bin: Zugehörigkeit. Das Gefühl, angekommen zu sein. Nichts, was man erklären muss.

 

*

 

Was ich seit vier, fünf Jahren zunehmend wahrnehme: Ein Gefühl des  Zuhauseseins im Schreiben und in der Bewegung. Beides hängt für mich zusammen; und mit Bewegung meine ich sowohl eine körperlich-räumliche als auch eine gedankliche. Reisen, Entwicklung, Lebendigsein. Ein Heimatfinden und -einrichten in mir und im Unterwegssein, in meiner Gangart, in meinem Tempo. Ich selbst als mein allereigenster Ort, egal wo, Hauptsache bewegt. Unterwegs und mit der Ahnung eines Hafens im Kopf.

 

 

Herzlichen Dank an Iris für diesen Text zum Thema Heimat.