Stefanie Golisch – Anstelle des Mondes

Vielleicht ist das, wofür wir Menschen uns am meisten schämen, das was jeder Scham zugrunde liegt, unsere unüberwindbare Einsamkeit, diese tiefe Unmöglichkeit, einander zu verstehen. Und vielleicht ist das der Kern jeder Literatur, die über den bloßen Unterhaltungswert hinausgeht. Und über den Unterhaltungswert geht Stefanie Golisch Buch in jeder Hinsicht hinaus; in den Höhen ihres sprachlichen Vermögens ebenso wie in der Tiefe der Einsicht in die menschlichen Beweggründe.

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Sag alles ab! Plädoyers für den lebenslangen Generalstreik – Lesetagebuch

Während ich einige Beiträge aus dem vom Haus Bartleby herausgegebenen Buch „Sag alles ab“ las, machte ich mir Gedanken darüber, wie sehr ich eigentlich selbst funktioniere, und wo ich vielleicht auch „streiken“ könnte. Zunächst dachte ich, dass ich tatsächlich nur funktioniere, aber dann wurde mir klar, dass ich in einigen Punkten mittlerweile in ein klein bisschen weniger eingetreten bin. Nicht als Streik. Und sowieso in einem viel zu privilegierten Rahmen, um mitreden zu können, aber so weit weg von all dem eben auch nicht.

Meine Besprechungen z.B. Was war das für ein großartiges Gefühl und Geschenk, auf einmal wieder eigenes Geld zu verdienen. Noch dazu mit einer Arbeit, die ich liebte und von zu Hause aus erledigen konnte, bei freier Zeiteinteilung, also ohne mich jemals zwischen Arbeit und Dasein für die Kinder entscheiden zu müssen. Und dann wurde ich ehrgeizig, wollte die Grenze dessen, was ich steuerfrei dazu verdienen durfte, ausschöpfen, und schrieb nur noch Besprechungen. Ich las Bücher, die mich nicht wirklich interessierten. Ich las so lange und so viel, immerzu mit dem Ziel, eine Besprechung dazu zu schreiben, dass ich letztendlich die Lust am Lesen verlor. Ich konnte mich nicht mehr in einem Buch verlieren, konnte mich dem Lesen nicht mehr hingeben, ganz abgesehen davon, dass ich längst nichts eigenes mehr schrieb. Ich wollte dazugehören, zu den „angesehenen“, „richtigen“ Kritikern, wollte es richtig machen und gelesen werden. Ich wollte wenigstens auf dem Gebiet der Kritik (auch wenn der Stundenlohn niemals reichen würde, um auch nur ein Existenzminimum zu verdienen) Karriere machen. Das, so glaube ich, geht am ehesten mit Quantität. Selbstausbeutung. Das war der Grund, warum ich scheitern musste. Eine Weile hörte ich ganz auf, Besprechungen zu schreiben. Eine Pause, die notwendig war, um das Lesen wieder zu lernen. Ganz viel Selbstzweifel war notwendig, um meinen eigenen Anspruch zu suchen (ob ich ihn gefunden habe, weiß ich nicht, aber ich bin auf einem Weg, der zunehmend zu meinem Weg wird). Ich schreibe jetzt in vollem Bewusstsein, und entgegen der Regeln der klassischen Feuilleton Kritiken, subjektiv, schreibe von meinem Leseerlebnis. Wobei ich immer versuche, respektvoll zu bleiben, erst einmal zu versuchen, zu verstehen, was die Autorin vorhatte, bevor ich erzähle, was bei mir angekommen ist und warum. Ich versuche in einen Dialog zu treten mit dem Buch, das ich lese. Das muss nicht immer harmonisch sein, aber eben respektvoll. Respekt bedeutet für mich in diesem Fall die Mühe auf mich zu nehmen, den anderen zu verstehen, und das erfordert Zeit. Ich habe Quantität gegen Qualität getauscht, Zugriffszahlen und Geld gegen eine für mich lohnende Auseinandersetzung, das möglichst effiziente Funktionieren in fremdbestimmten Zusammenhängen gegen Selbstbestimmung.

07. Februar

Vedran Smajlović in der zerstörten Nationalbibliothek, 1992.
Vedran Smajlović in der zerstörten Nationalbibliothek, 1992.

 

Seit meine Rezensionstätigkeit bedenklich gegen Null tendiert, habe ich wieder richtige naive Freude am lesen, entdecke solche Schätze wie „Das Konzert“ von Hartmut Lange, von dem ich tatsächlich bis zu dieser Lektüre nichts gehört habe. Ein Buch, von dem Monika Maron schreibt: „Das Konzert ist eine unglaubliche Geschichte, nicht weil sie im Phantastischen angesiedelt ist, sondern weil sie überhaupt gelungen ist.“

 

Das Konzert könnte auch die Konfrontation heißen.

In erster Linie geht es um die Kraft der Kunst, oder vielmehr um die Kraft der Versöhnung und Vergebung. Aber wirklich erstaunlich, wirklich bewundernswert ist, wie viele der großen schweren und letzten Fragen auf diesen wenigen Seiten verhandelt werden, ohne dass etwas überladen wirkt (oder gewollt), aber auch ohne dass etwas im Dunklen bleibt, nicht konsequent seinem Ende zugeführt wird. Vielleicht ist es in erster Linie der Mut, die Überlegungen derart konsequent zu ihrem Ende zu führen, der das Buch ausmacht.

 

Was für ein Motiv; ein Mann, der sich wünscht, mit seinem Mörder einig zu sein. Es ist nicht der eigentliche „Held“, der diesen Wunsch hegt, vielmehr der heimliche zweite Held des Buches, ein gewisser Schulze-Bethmann, der diese Haltung einnimmt: „Es heißt doch, sagte er, im Tode wären wir alle gleich, und wer seinen Mörder empfängt, um ihm zu verzeihen, tja… Warum sollten wir die Eigenschaft der Lebenden, die ihrer Unverträglichkeit keine Grenze geben können, beibehalten?“

Ich will gar nicht so viel erzählen, weil das auch gar nicht möglich ist ein Buch wie „Das Konzert“ nachzuerzählen, aber neben diesem erwähnten Schulze-Bethmann, spielt ein junger Pianist eine wichtige Rolle und eine Frau in mittleren Jahren, die ihm die Laufbahn, die sein früher, gewaltsamer Tod verhindert hat, nun im Nachhinein ermöglichen will. Alle Protagonisten sind bereits tot, alle sind sie während des Nationalsozialismus umgekommen. Sie alle haben eine ganz besondere Perspektive, in Langes Novelle heißt es dazu: „Aber er hatte auch, und dies ist das Geheimnis der toten, den Blick für das Gegenwärtige, und so sah er gleichzeitig, dass es dieses Schloß nicht mehr gab und dass man an eben jenem Platz, auf den er sich zubewegte, eine Monstrosität aus Glas und Beton errichtet hatte.“

Den Pianisten jedenfalls, der immer wieder mit seinem Talent hadert, mit seinem Talent und seinem Schicksal, führt seine Kunst, sein Ehrgeiz es zur Meisterschaft in der Musik zu bringen zu einer Versöhnung, die er sich so niemals hätte vorstellen können. Eine Versöhnung, die aus Entschuldigung und Anklage besteht, in der die Anklage zu einer Klage geworden ist.

Es gibt andere Formen, sich mit dem Unbegreiflichen auseinander zu setzen, und jede davon hat ihre ganz eigenen Konsequenzen. Nur eines gibt es nicht: einen einfachen, allgemeingültigen Weg der Erlösung, kein einfaches richtig und falsch, an das wir immer wieder so gerne glauben möchten.

 

Eine weitere großartige Auseinandersetzung mit Schuld und Sühne, ganz anders als im gleichnamigen Roman von Dostojewski, aber nicht weniger erschütternd und vermeintliche Gewissheiten in Frage stellend.

Was Lange mit dieser Novelle gelingt, ist nicht weniger als das Unaussprechliche zu Gehör zu bringen. 102 Seiten, die Räume öffnen, gerade weil sie sich einfachen Antworten verweigern.

 

 

 

 

 

 

Heinz Bude – Gesellschaft der Angst

Als ich das erste Mal von Heinz Budes „Gesellschaft der Angst“ hörte, habe ich erwartet mit Hilfe dieses Buches zu erfahren, wie Angst strategisch als Machtinstrument sowohl im wirtschaftlichen als auch im politischen Bereich genutzt wird.

Die erhofften Hintergründe dazu, wie Wirtschaft und Politik sich die Existenzangst des Einzelnen zunutze machen, um Arbeitnehmer und Bürger unmündig in ihrer Ohnmacht zu halten, ist mir das Buch schuldig geblieben. Bude liefert stattdessen eine gründliche Analyse vom Umgang mit der Angst in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen. Das Prinzip Angst ist kein Machtinstrument bestimmter Klassen mehr, es ist längst zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem geworden.

Fünfundzwanzig Jahre nach dem Massaker fällt der Schrei der Getöteten und bis heute Verfolgten, in China nicht nur auf taube, sondern auf verwunderte Ohren

Gestern abend habe ich versucht Thai Chi zu lernen. Die „Lehrerin“ war eine Chinesin, die auch immer wieder viel zu der Bedeutung der einzelnen Bewegungen und darüberhinaus zur Weisheit der chinesischen Medizin erzählt hat. Dass dieses Land so voller Widersprüche ist, auf der einen Seite eine große Weisheit, von der wir noch weit entfernt sind, und auf der anderen eine grausame politische Haltung, ist schwer zu begreifen, aber nicht weniger wahr. Bis heute werden Menschen weggesperrt, wenn sie versuchen an das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens 1989 zu erinnern. Davon handelt das Buch von Liao Yiwu, das ich für Fixpoetry besprochen habe.