Tempo

Ich bin zu langsam. Und ich werde immer langsamer. Das macht mir manchmal Angst, manchmal finde ich es einfach nur schade, und fast die ganze Zeit wundere ich mich, warum das so ist. Wann das so geworden ist und ob es jetzt für immer so bleiben wird. Für eine Rezension, die gestern auf Signaturen erschienen ist, habe ich fast drei Monate gebraucht, ich habe den Band immer wieder gelesen, um doch noch irgendeinen Zugang zu finden, der über das Erkennen eines perfekt beherrschten Handwerks und einer großen intellektuellen Kraft hinaus geht. Es ist mir nicht gelungen. Was aber blöder ist als dass ich „Lehrgedichte“ nicht als solche erkenne, nachdem Daniela Seel diesen Begriff auf FB für Cojocarus Gedichte vorgeschlagen hatte, leuchtete dieses Etiket mir sofort ein, ist die Tatsache, dass ich die angeblichen „Fakten“, die ich in der Besprechung untergebracht hatte, nicht belegt habe. Das ist dumm und es wird mir eine Lehre sein.

Birgit Kreipe – Soma

In der sehr lesenswerten Zeitschrift „Mütze“ beschreibt Ron Winkler in einem Beitrag über Sebastian Häfner das Gedicht als Raum von Wahrnehmung und Wahrnehmungslücken, und genau nach dieser Definition verfährt Birgit Kreipe in ihrem überaus lesenswerten Gedichtband „Soma“.

Leslie Jamison – Die Empathie – Tests

Vielleicht ist Empathie die Fähigkeit, oder vielmehr die Bereitschaft, darauf zu verzichten, um jeden Preis Zusammenhänge herzustellen. Zu ertragen, dass Ursache und Wirkung im Dunklen bleiben, die sichtbaren Bruchstücke nicht zueinander passen, und nichts logisch aus dem anderen folgt, aber dennoch existiert. Dass es Dinge gibt, die es eigentlich nicht geben sollte. Und das alles, obwohl wir Gründe brauchen, um den ausgestellten Gefühlen zu folgen, damit wir Mitgefühl entwickeln können und nicht sofort auf Abstand gehen, uns nicht augenblicklich, unwillkürlich distanzieren… aus der Rezension von Leslie Jamisons großartigen Essays in „Die Empathie – Tests„.

Stefanie Golisch – Anstelle des Mondes

Vielleicht ist das, wofür wir Menschen uns am meisten schämen, das was jeder Scham zugrunde liegt, unsere unüberwindbare Einsamkeit, diese tiefe Unmöglichkeit, einander zu verstehen. Und vielleicht ist das der Kern jeder Literatur, die über den bloßen Unterhaltungswert hinausgeht. Und über den Unterhaltungswert geht Stefanie Golisch Buch in jeder Hinsicht hinaus; in den Höhen ihres sprachlichen Vermögens ebenso wie in der Tiefe der Einsicht in die menschlichen Beweggründe.