30. Dezember 2016, Berlin

Das Gefühl, alles sofort aufschreiben zu müssen, weil es schon Minuten später nicht mehr verfügbar ist.

Der Mann, der aussieht wie eine Mischung aus P.´s Schulfreund und Mats Hummels, das Kleinkind, das seinen Blick nicht von P. abwenden kann, die junge Mutter, blonder Pony und Baby Björn, die sich mit dem großen dunkelhaarigen Mann unterhält. Alles sind auffallend freundlich und friedlich, was mir vielleicht nur deshalb auffällt, weil auf den Tafeln, die die Abfahrtszeiten der Züge anzeigen, auch der Hinweis erscheint, man solle den Notruf wählen, wenn man verlassene Gepäckstücke entdeckt.

Der Mann, der mit ungewöhnlich sanfter Stimme „Zurückbleiben bitte“, sagt, und die seltsame Beobachtung, dass es mir nicht mehr gelingt, etwas Erotisches in den Stimmen und Gesichtern zu erkennen. Das gehört zu einer anderen Zeit. Scheint, wie die Jugend, unwiederbringlich verloren zu sein.

Pascale Hugues – Ruhige Straße in guter Wohnlage

Pascale Hugues hat sich durch die Beschäftigung mit ihrer Straße und deren Bewohnern, die deutsche Geschichte ein wenig verständlicher gemacht und für deutsche Leser bekommt der Titel: „Die Geschichte meiner Nachbarn“, einen neuen Klang. Auf einmal sind es nicht nur die Nachbarn, denen man ab und an im Hausflur begegnet, sondern auch die deutschen Nachbarn einer Französin, die mittlerweile alten Zeitzeugen, die aus Deutschland fliehen mussten, die deutlich machen, wie sich Leid und Unrecht von Flucht und Vertreibung immer weiter wiederholen, als wären Fremdenhass und Selbstzentriertheit natürlicher, menschlicher als Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft. Und vielleicht ist das sogar so. Aber möglicherweise können Geschichten über die Nachbarn die Mauer der Vorurteile ein wenig durchlässiger machen, und die Ablehnung durch Neugier ersetzen. Damit wäre schon viel erreicht.

Parallelgeschichten (1)

In der Taschenbuchausgabe von Nádas Parallelgeschichten wird der Spiegel zitiert: „Ein Meisterwerk, das Worte für etwas findet, das keine Sprache hat: Sexualität.“ So dumm die meisten Klappentexte sind, fällt mir dieser wieder ein, während ich die ersten Seiten lese, von diesem leicht hysterischen Studenten, der bei seinem Morgenlauf die Leiche im Tierpark gefunden hat.

Der feinfühlige Polizist, der ihn mit nebensächlichen Fragen zum Schweigen bringt. Diese Beobachtungen, wie ohnmächtig man dem eigenen Körper gegenüber ist, wie dieser Körper, mit dem man sich selten eins fühlt, einen verrät und beschämt.

Vielleicht ist es sogar das, worum es in erster Linie geht in diesem Roman, um die unterschiedlichen Geschichten, die sich in einem Menschen abspielen. Die Geschichten des Körpers, der sich nicht mehr kontrollieren lässt. Der einen unübersehbaren Widerspruch zum alles kontrollierenden Geist darstellt. Und wie Nádas Parallen dazu findet, in einer anderen Zeit, in einem anderen Land, in eben dieser Geschichte, die parallel dazu erzählt wird, in Ungarn, Jahrzehnte zuvor:

Zum Beispiel gab es zwischen dem sogenannten Arbeitszimmer und dem sogenannten Esszimmer eine pièce de dégager, eine Art Durchgangszimmer, einstmals das Rauchzimmer, in dem sie nur einen antiken chinesischen Teppich gelassen hatte. Allerdings hing von der Decke ein riesiger barocker Lüster. Die beiden Gegenstände passten weder zueinander noch zu dem relativ kleinen Raum, hatten auch keine wirkliche Funktion, trotzdem wirkten sie nicht peinlich. Sie kamen miteinander aus, starrten sich aus unüberbrückbarer Distanz an, hatten nichts miteinander gemein, verkörperten nur unterschiedliche Weltanschauungen. Das entsprach völlig dem Zeitgeist.“

Wie Nádas mich dazu bringt, das nicht einfach als eine Beschreibung von Räumlichkeiten zu lesen, sondern als Entsprechung zu diesem Leib-Seele Dualismus, ist großartig.

Ich hatte das Buch ja bereits kurz nach seinem Erscheinen gelesen. Allerdings nur mittels eines geliehen Exemplars, 40 Euro für ein Buch waren einfach nicht drin, jetzt, als Taschenbuch kostet es die Hälfte, und natürlich ist es das Doppelte und viel mehr wert, aber manchmal ist einfach das Geld knapp, und die Möglichkeit es zu lesen gab es ja auch ohne diese Ausgabe, um so glücklicher war ich, als ich das Buch jetzt für 20 Euro als Taschenbuch kaufen konnte. Wie sehr ich dieses Buch schon damals geliebt habe, fällt mir erst jetzt, beim zweiten Lesen auf. Sofort fühle ich mich wieder zu Hause in der großbürgerlichen Wohnung in Budapest in der Gyöngyvér ein Fremdkörper ist.

Dieser Name; ein Teil Perle, der andere Blut, Schneewittchen und Aschenputtel, aber mit gebräunter Haut und einer Leidenschaft für den Gesang. Und der Mann, der sie nicht gerettet hat und sie auch nicht retten will, ist kein Prinz, aber trotz allem ein Sohn. Das alles weiß ich zu diesem Zeitpunkt aber lediglich dank der früheren Lektüre, zunächst lese ich die Geschichte des Hauses, in dem sich die Wohnung befindet, in der Gyöngyvér mit Agó, seiner Mutter, seinem Cousin und der Hausangestellten und ihrem vierjährigen Sohn, weniger lebt als geduldet wird.

Kein Wunder, dass von Architektur die Rede ist, weil dieser Roman eine perfekte Architektur hat, eine, die man nur mit äußerster Konzentration und frühestens beim zweiten Lesen entdeckt, wie sich der zerfallene Dachstuhl wiederfindet in der Geschichte von den plündernden Truppen zum Beispiel.

Silvester in Berlin (voriges Jahrhundert)

Es ist Silvester und kalt.

 

Wir sind zu fremd, um uns fremd zu fühlen und viel zu beschäftigt damit, dazu zu gehören, sprich einsam. (zu dünn angezogen auch. Und zu jung. Falls man zu jung sein kann. Zu jung für das Ende des Jahres. Aber daran denken wir nicht. Wir denken, falls wir überhaupt denken, dass wir verdammt noch Mal einen würdigen Platz finden müssen, um das neue Jahr zu begrüßen. Das Jahr, in das wir all unsere Hoffnung gelegt haben. Scheinbar von Anbeginn der Zeit. Es ist immer dieses unmittelbar bevorstehende Jahr und die nahezu unlösbare Aufgabe, den richtigen Ort zu finden, um es in Empfang zu nehmen, um sich in Empfang nehmen zu lassen von ihm.)

 

Wir hatten eine Adresse, die ins Nirgendwo führte und das stete Vergehen der Zeit. Schließlich landeten wir in einer Bar, in der uns ein Transvestit aus der Hand las.

 

Glücklicherweise waren wir zu diesem Zeitpunkt schon zu betrunken, um zu verstehen, was er sagte.

 

Und das Jahr begann, mit all dem, was längst vergangen war.

 

Tzveta Sofronieva – Gefangen im Licht

 

Das erste, was ich von ihr gelesen habe, war 2009 „Korrespondenz mit Kappus“ in der Manuskripte. Das genügte. Da war eine Stimme, die sich nicht im Rhythmus erschöpfte, sondern etwas zu sagen hatte. Etwas, das ich ganz sicher nicht verstand (schließlich habe ich mein Land und meine Sprache nie verlassen), was mich aber nicht nur neugierig machte, sondern regelrecht ergriff.

 

 

Wenig später hatte ich „Gefangen im Licht“ von Tzveta Sofronieva in der Hand, den ersten Gedichtband in bulgarischer und deutscher Sprache.

 

Listen carefully to her. She has something to say“, wird Joseph Brodsky auf dem Buchrücken zitiert. Seine Masterclass besuchte Sofronieva 1992.

 

 

Die Gedichte aus denen „Gefangen im Licht“ besteht, sind traurige Gedichte, die von der Sprachlosigkeit erzählen, von der „Gefangenschaft im Licht“, wenn ein Ich seinen Platz in der fremden Sprache nicht findet, wenn eine allein bleibt, mit ihrer Sprache:

 

 

„wir sind allein meine Sprache und ich und wir sind gefangen im Licht

 

ich wollte du könntest verstehen wie sehr ich ihre Freiheit vermisse

 

nach der Dunkelheit der Tiefen dürstet den Ertrinkenden.“ (Gefangen im Licht)

 

 

In ihrer Laudatio auf Tzveta Sofronieva anlässlich des Chamisso Preises, schreibt Ilma Rakusa, dass Tzveta Sofronieva sich inzwischen wohl fühle in den „Schatten von Wörtern“, dass sie den Sprachverlust, der der Zweisprachigkeit vorausgeht, als Möglichkeit der Freiheit empfindet.

 

 

Seit 1992 lebt Sofronieva, die 1963 in Sofia geboren wurde, als freie Autorin und Auslandskorrespondentin in Berlin, d.h. Zwischen den Welten und Sprachen, in einer Heimatlosigkeit zwischen dem Licht der neuen „Heimat“ und dem dunkel der Erinnerung und der Erwartung.

 

Wir erwarten, daß der Mensch aus der Erinnerung kommt“, heißt es in dem Gedicht „Unbewußt“.

 

 

In Sofronievas Gedichten geht es um Farben und Städte, um Erinnerungen und darum, was das „Ich“ ausmacht, aber unter all diesen Themen liegt die Frage danach, wie der Wechsel von einer Sprache in die andere, von einem Land in das nächste, Identität beeinflussen.

 

Dieses vorsichtige Herantasten an mögliche (vorläufige) Antworten, ist, was den besonderen Reiz von Sofronievas Gedichten für mich ausmacht. Ihre Gedichte werfen Fragen auf, Fragen wie diese:

 

 

„Ist Erinnerung das Altern von Zeit?“ („Zwischen)

 

 

Ihre Gedichte bestehen aus Zweifeln und strahlen diese Lebendigkeit aus, die sich schmerzhaft aber wach zwischen den Schnittpunkten bewegt, den Schnittpunkten zwischen den Generationen:

 

 

„Aber mein Kind schläft schon jetzt spät ein

 

zu wandern bestimmt zwischen den Welten

 

seiner Großmutter, seiner Mutter und seiner eigenen.“ (Schnittpunkte)

 

 

Nie, wirklich niemals zuvor, ist mir aufgefallen, was für ein schmerzhaftes Wort das ist; Schnittpunkt, nie habe ich den Schnitt so deutlich darin gehört. Die eigene Sprache neu erfahren und hören zu können, das verdanke ich dem Gedichtband „Gefangen im Licht“, und nicht nur das.

 

 

Terminologie

 

für Dolores wegen der Philosophie des Feminismus,

 

der nicht die Frauenbewegung meint, sondern

 

die Existenzberechtigung verschiedener Standpunkte

 

 

Wir erschaffen eine Killer-Zelle. Sie verbindet sich mit einem Peptid.Wir sind ganz in vitro eingepflanzt. Wirkt. Der Tumor wird kleiner. Wird dünnerStück um Stück. Stirbt. Wir haben eine Millionen Krankheitenbezwungen, die uns vernichten. Ein neuer Sieg im Krieg der Mikroben und Viren mit uns. Dem Krieg der Maschinen und Computer mit uns. Dem Krieg, den uns die Cyborgs erklärt haben. Egal, ob es die Götter des Meeres und der Jagd, Zauberwinde, Löwen und Tiger sind – immer Krieg. Wirklichkeiterschaffen den nächsten Mörder in der Reihe – Stein, Bogen, Schießpulver, Gift, Elektroschock, Zelle. Mörder von Tumoren. Dieses Mal Tumore. Damit wir überleben, die wir uns getötet haben durch das Ausdenken von Mördern.

 

 

Ich fragte die Immunologin, wie sie sich nach der Erfindung des Killers fühlt. Sie ist stolz. Meldet ein Patent an und verkauft es an eine pharmazeutische Firma. Mein Immungsystem hofft, nicht irgendwann an dem Krieg zwischenräumeeinem Tumor und seinem Killer teilnehmen zu müssen. Ich frage, gibt es keine nichtmilitärischen Begriffe im Leben. Haben wir keine anderen Worte im Wortschatz aller irdischen Sprachen, und werden alle Laute nur von männlichen Zähnen ausgesprochen? Auf dem Boden des Labors bewegt sich eine Krebsspinne. Kein Tumor. Ich würde ungern töten.“

 

 

Tzveta Sofronieva – Gefangen im Licht – Lyrik. Ins Deutsche übertragen von Gabi Tiemann. Biblion Verlag Marburg an der Lahn 1999.

 

Berlin

In der U-Bahn ein Mann, dem an der linken Hand die Fingerkuppen von Zeige- und Ringfinger fehlen. Eine Zeitung vor dem Gesicht. Die restlichen Mitfahrer fast gleichmäßig verteilt mit Büchern und I-Phones beschäftigt.

Den Roman, den ich kürzlich gelesen habe, spielt auch in Berlin, lässt aber eine Rechnung offen.

Ich empfehle stattdessen besser zum neusten Gedichtband von Thomas Kunst zu greifen: Die Arbeiterin auf dem Eis.

Machs gut und Danke für den Fisch

Keine Ahnung wohin der Beitrag verschwunden ist, den ich gerade geschrieben habe. Jedenfalls stand darin, dass die Mützen hier ruhen, weil die Falterin der Mützen sich in Berlin entfaltet, ein paar Tage lang, unter anderem während sie Taryn Simons Ausstellung ansieht. Euch lasse ich ein Lied von einem meiner Lieblingsgesangkünstler hier: