Alter

Eine nicht unbedeutende Frage ist ja auch, was Alter für den Einzelnen (Betroffenen?) ist, eine Zuschreibung, oder etwas, womit er sich identifiziert, dem er vielleicht sogar etwas abgewinnen kann. Weniger Abgrenzung als vielmehr Kompetenz?

Und vielleicht auch die Frage, was Alter mit Risiko zu tun hat.

Monika Rinck zitiert in ihrem sehr lesenswerten Essayband „Risiko und Idiotie“ Laura Riding: „Was ist ein Gedicht? Ein Gedicht ist nichts. Durch Beharrlichkeit kann aus einem Gedicht etwas werden, aber dann ist es etwas und nicht ein Gedicht. Warum ist es nichts? Weil es nicht angeschaut, gehört, berührt oder gelesen werden kann (was gelesen werden kann, ist Prosa). Es ist kein Ergebnis von Erfahrung, sei sie gewöhnlich oder ungewöhnlich, es ist das Resultat der Fähigkeit, innerhalb der Erfahrung ein Vakuum zu schaffen – es ist ein Vakuum und daher ist es nichts.“ Vielleicht ist das „Alter“ ein ähnlich diffuser und einem eindeutigen Gegenstand entbehrender Begriff.

Heimat

 

Ob es einen Unterschied gibt zwischen dem Verzetteln, dem Zuviel an Projekten und der Unfähigkeit zur Konzentration und der Unterbrechung. 

Trotzdem gibt es die Notwendigkeit, nein zu sagen, und die Unfähigkeit es wirklich zu tun.

Das Heimat Projekt zum Beispiel.

Aber vielleicht läuft es einfach so mit, parallel. Und was wie Verzetteln aussieht, ist Ergänzung. Das Zusammenfügen von Teilen, die nur scheinbar nichts miteinander zu tun haben, nicht zueinander passen.

Was, wenn Heimat so ein Begriff ist? Etwas, das sich aus dem Zusammenspiel vieler, scheinbar disparater Begriffe ergibt?

Abweisung und Absorption.

Zusammengehörigkeit und Einsamkeit.

Innen und außen.

Sehnsucht und Angst.

Heimweh und Fernweh.

 

 

Gewebe

Unterscheidung.

Wo beginnt die Wertung und wo die Gleichgültigkeit?

Was kann man wissen, ohne ein Verständnis für die Begriffe?

Ist das Schweigen die Wunde der Sprache, oder die Sprache die Wunde des Schweigens?

Und wie verhält es sich mit den Narben?

Gewebe, wohin man blickt.

Nachgiebiges, elastisches Gewebe.

Punkt

Eine seltsam, mich entwürdigende Zeit (die Welle, die nichts vom Wasser weiß).

Die Einbildungskraft der Naiven (was man verliert, wenn man Vernunft gewinnt; Verstand, Läuterung).

All diese (leeren) Begriffe, an denen ich festhalte (weil ich meine Ratlosigkeit darin verbergen kann).

Begegnungen und Gespräche, die abbrechen, noch ehe sie eigentlich begonnen haben (weil wir auch daran glauben: an Anfang und Ende und die Winkel der Zeit).

Die Ratlosigkeit, die ein Leben annimmt, weil die Zeit verrinnt und doch nichts vergeht. Weil die Verluste wachsen mit dem verminderten Abstand vom Tod.

Weil es nicht Anfang, noch Ende gibt. Nur Kreise, die sich zusammenziehen auf einen Punkt.

Die Vertreibung aus dem Paradies

Wie werden sich Adam und Eva gefühlt haben, nachdem sie das Paradies verlassen mussten, nachdem sie aufgetaucht waren aus den stillen Gewässern der Unmündigkeit? Und sich unversehens im ausufernden Raum der restlichen Welt wiederfanden. Wenn die Grenzen aufgehoben sind, verschwindet der Raum im Unbestimmten. Um sich zurechtzufinden wird eine neue Ordnung notwendig.

Adam und Eva mussten lernen, sich zu konzentrieren, auszublenden, was nicht wichtig war für den Moment, für das Ziel, das sie sich gesetzt hatten. Sie mussten lernen nur das wahrzunehmen, was diesem Ziel diente. Eine neue Grenze wurde gezogen, diesmal zwischen Natur und Mensch, Tier und Mensch und schließlich zwischen den Menschen selbst. Neue Begriffe entstanden, um Abgrenzungen deutlich zu machen, um Räume zu definieren: Zeit, Wahrheit, Pflicht, Erfolg, Vernunft. Und andere, um sie erträglicher zu machen: Lüge, Gedanken, Traum, Scheitern, Glauben. Kleine Hilfswerkzeuge um aus dem unendlichen, gewaltigen Chaos etwas auszuwählen, es aus dem reißenden Strom zu schöpfen, nur so viel davon, wie in ein Gefäß passt, so viel wie der Raum fassen kann, ohne zu bersten, ohne auseinander zu brechen. Um darauf aufzubauen, anzubauen, behutsam zu erweitern, damit neue Räume entstehen können*, Lebensräume, Gedankenräume, Spielräume.

Und die Frage, wie man sich sein Leben einrichten soll, wie man sich einen eigenen Raum schafft und bewahrt. Wie muss der eigene Schreibraum beschaffen sein?

Ein Blick aus dem Fenster. Ein Schritt vor die Tür. Das muss ebenso gewährleistet sein, wie die Möglichkeit, die Tür wieder zu schließen, nichts und niemanden herein zu lassen. Die Möglichkeit allein zu sein mit sich und seinem beschränkten Blick auf die Welt draußen vor dieser Tür. In einem begrenzten Raum, in einem eigenen Zimmer. Im eigenen selbstgeschaffenen Paradies.

* Wie das Wort „überlegen“ darauf hindeutet, darauf verweist, dass man sich auf mehrere Schichten bezieht, die übereinander liegen, die das Fundament bilden, auf dem die eigenen Gedanken fußen, der Boden, auf dem sie stehen, der Ausgangspunkt, der die Richtung vorgibt, begrenzt und ermöglicht.