Bahnhof 2014

Bahnhof
Bahnhof

Grau und grün.

Der Verlust der Erwartungslosigkeit und die Schwellen, an denen auf einmal alles schwierig scheint, voraussetzungsvoll ist, weh tut. Und die Liebe, die alles überwindet. Vielleicht sogar den Tod.

Die Kinder auf der Bank am Bahnhof. Bewegungslos. Still. Eines dick und ganz grau gekleidet, das andere schmal und bunt. Sommerkleider, die gegen den Regen antreten.

Die Frage für wen man schreibt und warum. Und dass das nie folgenlos bleibt.

Ein rosa Raunen, das dem Finger entschlüpft, überzeichnet das Alter – mein wahres Gesicht.

 

 

Das Kleid

Sie trug dieses Kleid. Ihre Großmutter hatte es ausgesucht. Es gefiel ihr nicht. Es war zu dunkel. Winter. Sie stellte sich die Schneeflocken vor. Das war die Art, wie sie aussehen wollte.

Sie glaubte nicht mehr an Drachen, das heißt, sie hatte daran geglaubt, wie alle, die nicht wirklich etwas zu fürchten haben, sich Dinge ausdenken, die sie fürchten können.

Der Keller.

Manche lebten im Keller. Sie wusste das. Sie wusste, wie es später sein würde.

Die Eltern erzählten manchmal von früher. Von Fehlern und Versäumnissen (von Fortsetzungsromanen, bei denen man das Interesse aufrecht erhalten musste). Was man heute anders machen würde und woran man schon damals hätte erkennen können, was Jahre später geschah. In diesen Jahren, sagten sie oft und sie spürte, dass die Zeit nichts Abgeschlossenes war, dass es Jahre gab, die lange zurücklagen und immer noch wuchsen und andere, die man sich vorzustellen versuchte, aber wenn sie drohten, sich einzulösen, schob man sie von sich, schob sie vor sich her.

Sie dachte an die Großmutter. Sie betastete das Kleid. Sie begann sich nicht nur an den Stoff zu gewöhnen, er fing an, ihr zu gefallen. Sie lehnte an der Scheibe, an die Dunkelheit hatte sie sich längst gewöhnt. Die Dunkelheit innen und außen, die damit verbundenen Geräusche, die Träume, die sich schließlich nicht mehr von der Wirklichkeit (Wachheit) unterscheiden ließen.

Kann man sich an die Angst gewöhnen, wie an ein fremdes Kleid, fragte sie sich. Die Großmutter hatte keinen Brief geschrieben. Sie hatte nur dieses Kleid geschickt, ohne ein Wort. Niemand verlor ein Wort darüber. Vielleicht wussten auch sie, was das bedeutete. Sie würde morgen zum Bahnhof gehen und dort erfahren, wann die Großmutter kommt. Sie würde in die Halle eintreten, die ihr ein wenig wie ein Palast erschien und die Tafeln mit den Ankunftszeiten studieren. Ihr kleiner Bruder weinte, die Stufen knarzten. Sie hörte Geflüster, das Rascheln der Bettdecke. Das Schreien hörte auf. An seine Stelle waren Schritte getreten. Schritte und leises Summen.

Hast du mir auch vorgesungen, als ich klein war?, hatte sie die Mutter gefragt, gestern und vorgestern und vor einer Woche, und sie hatte nur traurig und müde gelächelt, gesagt hatte sie nichts. Als gäbe es nur eine sehr begrenzte Anzahl von Worten, die für sie bestimmt war, so dass die Großmutter keinen Brief zum Kleid schicken konnte und die Mutter nur die notwendigsten Fragen beantwortete. Als würden sie sie sparen, die Worte, um später etwas Großes daraus errichten zu können. So groß und hell und hoch wie diese Bahnhofshalle, so voller Möglichkeiten, Ankünfte und Abfahrten.

[Dichtungsring 43]

 

 

Hingabe

 

Hingabe dachte sie, was für ein schönes, undurchsichtiges Wort. Undurchsichtig wie die Gesichter der Reisenden, der Wartenden. Nur die Kinder hatten klare Mienen, Gesichter, in denen man ohne weiteres lesen konnte. Weil die Kinder sich ganz dem Moment hingaben und nichts diese Hingabe störte. Sie erklärte sich dieses Phänomen mit einer Analogie. Ein Sender im Radio, der immun war gegen jegliche Störsignale. Aus der Vergangenheit, auf die Zukunft bezogen. Diese Wellen liefen durch die Köpfe der Erwachsenen. Das machte ihre Mienen so undurchsichtig.

Hingabe ist eine Fähigkeit, die man verlernt, dachte sie, und die Tatsache, dass sie mit diesem Gedanken das Wort „Hingabe“ ein wenig durchsichtiger gemacht hatte, erfüllte sie keineswegs mit Freude.

 

Erinnerungen

 

Zu dieser Zeit hatte sie sich längst abgewöhnt, aus dem Fenster zu sehen. Sie war zu ungeduldig für diese Art von Beschäftigung. Ihre Gedanken waren immer auf dem Sprung, und schließlich erschöpfte sie das so sehr, dass sie am liebsten ganz still in ihrem Bett lag, nahezu bewegungslos, mit geschlossenen Augen, um zu warten, bis keine Bilder mehr an ihr vorbeizogen, bis nur noch eine schwarze Wand zu sehen war. Beängstigend und beruhigend zugleich.

Wenn sie doch aufstehen und funktionieren musst, wenn sie beim Zähneputzen sorgfältig den Blick in den Spiegel vermied, war sie damit beschäftigt eine Antwort auf die Frage zu finden, wie man sich vor der Erinnerung schützen konnte. Wie sie sich wappnen könnte, gegen die ständigen Überfälle der Erinnerung, die ihre Gegenwart überschatteten. Von Zukunft gar nicht zu reden. Zukunft, das war vielleicht eine Zeit, ein Zustand, in dem sie eine Antwort auf diese Frage gefunden haben würde. Zukunft war die Hoffnung endlich eine Festung errichtet zu haben gegen die hinterhältigen und unentwegten Angriffe der Vergangenheit.

Zu dieser Zeit, der Zeit der unmöglichen Fenster und der zunehmenden Hoffnungslosigkeit, begann sie sich anzugewöhnen, ihre Zeit am Bahnhof zu verbringen. Zunächst ein, zwei Nachmittage in der Woche und dann immer häufiger. Sie stand an den zugigen Gleisen, sah Menschen ein- und aussteigen, und in guten Momenten gelang es ihr daran zu glauben, dass sie ihre Erinnerungen in eins der Abteile gesteckt hätte, dass sich die Tür schnell genug geschlossen hätte, bevor die Erinnerungen entwischen und zu ihr zurück kehren konnten.

 

Offene Kreise

Offene Kreise
Offene Kreise

Wir lecken uns die Tropfen der Zeit von der Haut, ohne die Netze zu zerstören, die uns der Herbst ins Gesicht gewebt hat. Die Verknüpfung der Zeitlinien, Formen, freischwebenden Brüche…

Die Tage am Bahnhof verbringen (nicht die Nächte, Nachts ist der Bahnhof ein anderer Ort, eine vollkommen andere Geschichte), und immer wieder aufs Neue verblüfft sein, dass es das gibt, Ankunft und Abfahrt, Abschied und Wiedersehen, dass dieser Kreis, in dem es keine Enden gibt und alles ineinander übergeht, solche Punkte absondert.

Ein Mensch, der den Zug besteigt, ein anderer, der am Bahnsteig bleibt, nur mit den Augen folgt. Ein Fenster, das geöffnet wird, ein Arm, der gehoben wird, ein Lächeln, das aufrecht erhalten wird. Mühsam. Bis der Zug außer Sichtweite ist.

Und vielleicht, denke ich jetzt, besteht der große Kreis aus lauter kleinen Kreisen, die sich schließen.

Abgrund

Ankommen, abreisen. Die Möglichkeit, sich selbst zu verlassen. All dieser Blödsinn. In den Gedanken.

Auf der anderen Seite, das was ich sehe: Ein weinendes Kind an der langfingrigen weißen Hand einer Frau, die Tafel mit den Abfahrtszeiten der Züge, inklusive Verspätungen.

Und auf einer Bank vor dem Zeitschriftenladen sitzen ein Mann und eine Frau. Sie reden sehr leise miteinander, schweigen lange, sehen sich an. Ich habe das Gefühl, sie bewegen sich mit entschiedener Zärtlichkeit auf einen Abgrund zu. Aber vermutlich denke ich das mit dem Abgrund nur, weil ich mich nicht erinnern kann, jemals gesehen zu haben, wie mein Großvater mit meiner Großmutter gesprochen hat. Sie hat das Wasser von ihren Beinen zum Herzen steigen lassen (geduldig), damit sich wenigstens irgendetwas auf sie zu bewegt.