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Die wenig geöffneten Augen, und wie das Licht hinein fällt. Fällt und fällt, ohne jemals anzukommen, bevor es dumpf aufschlägt auf einem Boden, der alles schluckt und nichts reflektiert

Schuhe zieht sie nachts nie an

Sie weint nicht. Manchmal stelle ich mir vor, sie täte es doch. Dann sehe ich Eiskristalle über ihr Gesicht rollen. So kalt ist sie, blaugrau die Haut, violett dort, wo die Adern durchschimmern. Ihre Venen, ihre Arterien, jede einzelne Blutbahn kann man sehen in diesem durchsichtigen Körper.

Schuhe zieht sie nachts nie an.“ Wenn ich sie sehe, muss ich diesen Satz denken. Diesen Satz aus einer traurigen, schwarz und weiß gekachelten Geschichte. Und ihre lila Lippen zittern, ganz kurz sieht man die weißen Zähne, wie Spitzen von schneebedeckten Bergen. Ihre Haare sind weiß. Ein merkwürdiges Weiß. Ein Weiß, das nichts anderes ist, als die Behauptung, dass es keine Farben gibt.

Sie weint nicht. Ihre Augen sind stumpf, ihre Haare sind stumpf. Weiß und stumpf. Ihre langen Finger legt sie in den Schnee, bis sie blau anlaufen.

Schuhe zieht sie nachts nie an.“ Und sie hat nichts aus den Trümmern gerettet. Nicht einmal ihre Haare, die man ihr kurzgeschoren hat. So kurz, dass ihre blassrosa Kopfhaut durchschimmert.

Ihre Augen sind stumpf. Aber sie sehen. Nach innen. Das ist das Schlimmste, sagt sie, obwohl sie nie spricht. Zu sehen, immer noch zu sehen, was andere längst überschrieben haben, begraben unter berghohen Akten.

17. Dezember

Mit ziemlicher Sicherheit bezieht sich Knausgard auf dieses Bild Rembrandts, wenn er schreibt: „[…] dieses eine Bild in der National Gallery ist einen Hauch klassisch realistischer und wirklichkeitsnäher gemalt, steht dem Ausdruck des jungen Rembrandt näher. Was das Bild jedoch darstellt, ist der Alte. Es ist das Alter. […] Doch die Augen sind klar, wenn auch nicht jung, so doch außerhalb der Zeit stehend, die dieses Gesicht ansonsten prägt.“

Natürlich muss ich sofort an Peter Kurzeck denken, der ein großer Verehrer Rembrandts war, immer wieder taucht Rembrandt in seinen Büchern auf. Und die Sache mit den Augen erinnert mich an dieses Video, das ich im Heinz Nixdorf Museum gesehen habe, in dem ein Mensch im Zeitraffer gealtert ist, und wie ich da dachte, dass es eigentlich nur die Augen sind, die mich erkennen lassen, dass es derselbe Mensch ist, alle Altersstufen hindurch. Knausgard geht noch weiter, er behauptet: „Das im Menschen, was die Zeit nicht anrührt und woher das Licht in den Augen kommt“, sei eben die „Seele“.

Ich habe es natürlich nicht durchgehalten, „Sterben“ erst in Berlin anzufangen, erst wenn die ausstehenden Arbeiten erledigt sind. Und ich könnte jetzt noch seitenlang schreiben, über diese Lektüre, darüber wie er den Kampf beschreibt, der das Leben ist, von dem vielleicht nur die Augen unberührt bleiben. Aber das verschiebe ich auf morgen.

Blick zurück

Wir liegen in unseren Vergleichen. Wir liegen daneben. Neben den Vergleichen. Zwischen den Zeiten. Bilden uns ein, wir möchten uns halten. (einander halten, das muss Liebe sein und loslassen nur ein Los, das wir den anderen überlassen)

Dann aber kommt dieser Moment. Kein Augenblick, denn deine Augen hast du längst verschluckt. In deinen Briefen steht, sie hängen in den Ästen und warten nur auf mich. Dabei weißt du so gut wie ich, dass du nur über sie stolpern würdest.

Wie setzt man die Schritte dorthin, wo es keinen Weg gibt. Und, siehst du, das ist das Unglück, dass immerzu Fragen zwischen uns stehen und Gedanken. All das versperrt uns den Blick. Und vielleicht war es das Klügste, was du tun konntest, als du deine Augen verschluckt hast. Und mir, ohne deine Augen, bleibt der Blick zurück.