Geheimnis

Anne Carson schreibt über die Rolle des Schweigens, der Reduktion und Auslassung beim Erzählen. Klischees als Fragen und die Katastrophe als Antwort. Wenn sie Francis Bacon zitiert, der zu einem Interviewer sagt: „Sehen Sie, das ist der Punkt, an dem sich über das Malen absolut nicht sprechen lässt. Es liegt im Prozess“, denke ich unwillkürlich an Olga Martynovas kluge Antwort auf die Frage, wie sie das macht, ihren Roman zu schreiben. Es ist als würden die Uneingeweihten hinter ein Geheimnis kommen wollen, es aufdecken wollen, von dem sie glauben, die Künstler würden es sorgfältig hüten. Dabei gibt es dieses Geheimnis nicht. Oder es liegt einfach darin, dass niemand davon sprechen kann. Dass etwas geschieht, wenn man nicht nur die richtigen Fragen stellt, sondern sich diesen Fragen stellt, mit allen Zweifeln und Unsicherheiten und der Beharrlichkeit dennoch Antworten zu finden. Und das was während dieser Auseinandersetzung geschieht, ist dann vielleicht Literatur, Kunst, etwas, das etwas bedeutet, was nicht genauer übersetzbar ist. Eine Verbindung herstellt zum Urtext mit dem wir alle verbunden sind, ohne es klar ausdrücken zu können.

 

Bücher besprechen

Vielleicht ist es das, was mich so müde macht; dass ich immer noch denke, es müsste ein „Fertigwerden“ geben. Auf einmal weiß man, was das ist: ein Gedicht. Auf einmal, weiß man, wie Sprache funktioniert, was Literaturkritik soll und kann. Als käme man irgendwann zu dieser einen alles erklärenden allgemeingültigen Antwort.

Dabei ist es ja – zum Glück – ganz anders. Man lernt nicht aus, weil sich alles ständig verändert, weil jede Antwort nur vorläufig sein kann, jeder Text eine neue Herausforderung ist, der man sich stellen muss, alles andere ist eine Kapitulation. Weil es kein Ankommen gibt, höchstens Pausen im Unterwegssein. Und das ist gut so, sogar sehr gut. Auch wenn es manchmal furchtbar müde macht.

06. Dezember 2014

Ich beobachte gerade eine Welle der Auseinandersetzung mit Tagebüchern im Netz.

Während ich selbst aus Mangel an Texten, die ich veröffentlichen kann und möchte und aus gleichzeitiger Unfähigkeit, einfach mal ein paar Tage still und unsichtbar zu bleiben, in den Archiven meines eigenen Blogs nachlese, was ich in den Dezembermonaten der letzten Jahre geschrieben habe, und dann feststelle, dass ich scheinbar keinen Schritt weitergekommen bin: die selben Fragen, die selben fadenscheinigen Antworten. Stillstand oder Beharrlichkeit?

Fragen

Es ist mir gar nicht bewusst gewesen, aber scheinbar habe ich mich schon seit Tagen mit dem Wesen der „Fragen“ beschäftigt.

Vor einiger Zeit schon habe ich folgendes notiert: Es gibt unterschiedliche Arten von Fragen, die, die mit ihrer Neugier und Anteilnahme, Türen öffnen, und die anderen, die dich bloßstellen, weil sie nichts wissen wollen [über dich], nur ein längst fertiges Bild von dir abgleichen wollen.

Und gestern dann in diesem Gespräch von Uljana Wolf, Alexander Gumz und Karla Reimert mit Anne Carson. Die Eingangsfrage von Wolf zielt gleich auf das Wesen der Frage ab. Was ist eine Frage? Und Carson antwortet, dass die wichtigste Frage die ist, was die Frage ist.

Sich Material und Informationen zu verschaffen ist heute vielleicht so leicht, wie niemals zuvor, und umso schwerer wiegt ja die Frage, worum es eigentlich geht, was eigentlich die Frage ist.

Und hier gleich wieder ein Einschub, denn wiederum vor ein paar Tagen, habe ich etwas von Maurice Blanchot gelesen. Blanchot schreibt: „Die Frage ist der Wunsch des Gedankens. Die Antwort ist das Unglück der Frage.“

 

Ich weiß nicht, ob ich Blanchot mit dem zweiten Satz folgen kann. Und will. Ich denke auch hier kommt es auf die Antwort an. Da gibt es solche, die weitere Fragen zulassen, und die anderen, die einengen, Räume schließen.

 

Carson sagt weiter: „Ich meine, man kann kein Gedicht schreiben, wenn man keine Frage hat. Man kann keinen Gedichtband zusammenstellen, wenn man keine Frage hat. Also – was ist eine Frage? Ist die Frage.“

 

Ehrlich gesagt, überfordert mich das ein wenig. Ich nehme es Carson fast übel, dass sie mich so allein lässt mit der Frage nach dem Wesen der Frage, der Beschaffenheit, wie auch immer. Dass sie mir keinen Weg zeigt, wie ich vielleicht keine Antwort, aber den Weg zu einer Antwort finden kann. Oder übersehe ich den Hinweis, den sie vielleicht doch gibt?

 

 

Carson, Aufklärung

Ich komme nicht los von Anne Carson. Davon mir Gedanken zu machen, über Ihre Sätze.

Wie ist das zu verstehen, das ständig wiederholte „Aufklärung bringt nichts“ in der Anthropologie des Wassers, und das absolute Wagnis, ein die Grenzen des Ichs überschreitendes Wissen zu erlangen in Decreation?

Ich weiß, dass es kein Widerspruch ist, vielmehr zwei Möglichkeiten, Erfahrungen zu machen, die Wahrheit zu umkreisen, wobei Aufklärung vermutlich in zu engen (fremdbestimmten) Grenzen bleibt, und deswegen „nichts bringt“, keine wirkliche Belichtung, nur ein Licht, das sofort absorbiert wird von einem Boden, der aus Konventionen besteht, aus Selbstverständlichkeiten, die besser nicht hinterfragt werden. Insofern wäre Anthropologie das Gegenteil von Aufklärung? Eine andere Art, zu fragen, vielleicht sogar ohne Schlüsse zu ziehen, so etwas wie der von der Hoffnung der Pilger getragene Weg:

„Seit uralten Zeiten pilgern die Menschen von Ort zu Ort in dem festen Glauben, dass eine Frage aufbrechen kann in eine Antwort wie Wasser in Durst.“

 

Vier mal zwei

Die Gedanken in Paaren am Ziel vorbei lenken. Das Ziel ist die Antwort, die trifft.

 

Das eine und das andere, ein Ding und sein Gegenteil, so entsteht Gleichgewicht, so entsteht Fehlen. Das ist Bewegung.

 

 

Ein Schritt vor den anderen, auch das ist Bewegung. Sagt aber nicht wohin.

 

 

Wir haben zwei Augen, zwei Ohren, zwei Beine, aber nur ein Leben und einen Mund.

 

 

Ein Gedicht

Ein Gedicht, schreibt Ulla Hahn,

 

ist die Antwort auf eine Frage,

 

die sich der Dichter stellt.

 

Ich, keine Dichterin, würde die Antwort

 

in Zweifel ziehen.

 

Ich würde schreiben:

 

Ein Gedicht ist das

 

was passieren kann,

 

wenn sich der Dichter

 

einer Frage stellt.

 

Wenn er sich ins Abseits stellt

 

an den Rand,

 

um von dort den Marktplatz

 

wo Worte als Beruhigung und Bestätigung

 

feilgeboten werden, beobachtet.

 

Der nicht handelt,

 

nicht zugreift

 

und die weitreichendsten Worte

 

zum bestmöglichen Preis

 

(am besten en gros und mit Mengenrabatt)

 

ersteht.

 

Einer der abwartet,

 

die Worte aufliest,

 

die unbeachtet (ungeschätzt)

 

unter den Tisch fallen.

 

Sein einziger Wettbewerbsvorteil:

 

Geduld. Und der nicht nachlassende

 

Versuch, unvoreingenommen zu sein.

 

 

 

Fortschritt

Sie dachte zu viel, zu vorsichtig (nicht nachsichtig, das wäre gut gewesen), zu ängstlich und auf eine Art misstrauisch, die niemandem zu Gute kam, nur gegen sie selbst arbeitete.

Sie dachte an einen kleinen Mann in ausgefallenen Kleidern, der an einer Straßenkreuzung stand, den Schirm aufgespannt, weil beharrlich Enttäuschungen auf ihn herab regneten. Alle anderen, dachte der Mann, bleiben trocken und er weinte nur deshalb nicht, weil er ein Mann war und sich Tränen für Männer nicht gehören.

Ein anderes Mal (er stand immer noch an dieser Ampel), dachte der kleine Mann über die Wissenschaften nach. Über Kopernikus und Keppler, über das Mechanische der Welt und dass diese Mechanik auch mit Elektrizität nicht zu durchbrechen sei. An den kleinen Gauß dachte er, und an die mathematischen Gesetze, an all das Wissen und dann fragte er sich, wem es nützt. Die einen würden antworten: der Aufklärung, die andere: der Aufrechterhaltung der Zustände und wieder andere würden sagen, dass in der Wissenschaft und ihren Erkenntnissen der Fortschritt liegt und das glaubte der kleine Mann auch. Nur manchmal fürchtet er eine Antwort darauf zu finden, wovon wir beständig fortschreiten.