(21)

Die Unsicherheit bei uns allen, wenn jemand in der Bahn sitzt, der offensichtlich den Verstand verloren hat. Meine Hemmungen, darüber zu schreiben. Wie er an jeder Haltestelle aufsteht und zur Tür geht. Sobald die Bahn anfährt, setzt er sich wieder und singt bis zur nächsten Haltestelle. Wie er wohl vorher gewesen ist. Und was passiert ist, dass er verrückt geworden ist. Vielleicht hat er sich nicht erlaubt, Fehler zu machen und hat sich für jeden einzelnen Fehler, der ihm trotzdem unterlaufen ist, dermaßen verurteilt, dass es irgendwann nicht mehr auszuhalten war.

Und wir anderen, damit wir weiter funktionieren können, packen unser Leben handlich ein, in Träume und Angst. Eine stille, schüchterne Flucht. Vor dem Leben. Aber mehr noch vor sich selbst.

(17)

Ich fresse. Süßes, Salziges. Hauptsache nicht gesund. Weil ich Angst habe? Um die Unruhe zu betäuben? Weil ich immer noch nicht akzeptieren kann, dass es diese einfache Trennung in richtig und falsch nicht gibt? Oder dass es kein Ankommen gibt, nur die unaufhörliche Bewegung. Die Suche nach Haltung und ein ständig gefährdetes Gleichgewicht.

Dieser seltsame Zwang, immerzu Vorräte anzulegen. Der Schimmel, den die Zeit ansetzt, wenn sie nicht bewegt wird. Die Hälfte der Zeit. Und die andere Hälfte der Zeit. Was wir von uns wissen können. Und was von der Welt. Und dass zum Wissen immer Zweifel gehören, zum Glauben aber Gewissheit. Und wie sich die Haltung zwischen diesen beiden Polen austariert. Ein Gleichgewicht sucht. Und manchmal auch findet.

(14)

Die alleinerziehende Nacht.

Wir vertrauen uns unseren Ängsten an. Verbiegen (verbieten?) uns unter der Angst, die wir uns auferlegt haben. Unsere Angst machte dem Leben Angst. Es traute sich nicht an uns heran. Ich starb ihm unter den Händen weg, überwacht vom Schmerz, meinem ständigen Begleiter.

(12)

Es geht um Veränderung. Und wie sie zum Stillstand kommt. Wie das Leben kommt und geht, und nur die Angst bleibt. Die Erinnerung, die alles enger macht, kleiner, unklarer und begrenzter im Jetzt. Die Frage, wo die Gefühle geblieben sind, die Leidenschaft. Ein Jahr und noch ein Jahr. Noch mehr Vergangenheit. Noch weniger Gegenwart.

 

(23)

Ich lebte in einem großen Koffer voller Angst. Erstarrt in meinem Willen zur Flucht.

Die Freundlichkeiten eines humorlosen Tages und wie Espedals Texte immer wieder auf Goyas schwarze Bilder zulaufen.

(18)

Die Angst, allein zu sein mit seiner Geschichte. Und was kann man tun mit seiner Angst, außer sie aufzuschreiben, um sie zu überwinden.

Und vielleicht herausfinden, wo der Unterschied liegt zwischen Angst und Schmerz. Oder wie das eine das andere bewirkt. Wie alles zusammenhängt, auch wenn das eine das andere versteckt.

(13)

Ich wache auf und salutiere vor der Angst. Die Schmerzen segeln fast behutsam durch den Körper.

Hände und Köpfe, die geschüttelt werden. Die fortwährende Beschäftigung mit sich selbst. Das ganze Leben ausgerichtet als Wettbewerb.

(4)

Er habe eine Frau gefunden, sagt er, die nichts wegwerfen könne. Alles horte sie, es ist unmöglich, irgendeine Art von Ordnung aufrecht zu erhalten. Abends, oder an den Tagen, an denen er nicht unterwegs ist, erzählt er ihr Geschichten. Aber sie hört nicht zu. Sie hört nur, dass man ihr etwas wegnehmen will. Er versteht nicht, wovor sie Angst hat, aber er ist klug genug, um zu wissen, dass man mit Worten nichts ausrichten kann gegen diese Furcht. Sie spricht selten. Eigentlich klagt sie nur, beschwert sich. Er liebt sie trotzdem. Er weiß nicht warum.

„Was, wenn unsere guten Worte wachsen? Wenn sie den, dem sie gesagt wurden, begleiten, mit ihm reifen und älter werden?“ Er hat ihr diese Frage einmal gestellt, und sie hat geweint, bevor sie die Tür so ungewöhnlich leise geschlossen hat, dass er nicht wagte, ihr zu folgen.

Angst

Es ist gefährlich keine Angst zu haben.

Neulich auf dem Rückweg von B.O. auf der Autobahnabfahrt kam ein Wagen im Rückwärtsgang auf uns zu. Es dauerte beunruhigend lange, bis er auf M.´s anhaltendes Hupen reagierte, und vorwärts weiterfuhr. Trotzdem hatte ich keine Angst. Oder jedenfalls nur theoretisch. Ohne sie zu spüren.