Verluste und Gewinne, Veränderungen

Ich habe jetzt wirklich wieder das Bedürfnis, hier zu schreiben. Das ist lange her.

Die Bilder aus Italien gestern Abend waren erschreckend. Gefühlt schreibt jetzt alle Welt Corona Tagebücher. Eine Kollegin sagte gestern: wir erleben gerade ein kollektives Trauma. Einige können damit besser umgehen als andere. Alles ist weit entfernt von irgendeiner Art von Entspannung. Vielmehr spitzen sich die Dinge weiter zu. Das Wetter scheint sich der Stimmung anzupassen. Gestern nur bewölkt, heute feinster Nieselregen.

Mich irritieren die Menschen, die weitermachen als hätte sich nicht innerhalb weniger Tage alles geändert, und diese Menschen sind wiederum vermutlich irritiert von mir. Ich will jetzt keine Tagungen, und Begegnungen schränke ich auf das absolut notwendige ein. Mir fehlen die Begegnungen, der Austausch, aber ich habe auch Angst vor der Entwicklung, wenn nicht jeder einzelne von uns seinen Teil der Verantwortung übernimmt.

Die gemeinsamen Mahlzeiten dauern jetzt von Abend zu Abend länger. Die Kinder, die längst keine Kinder mehr sind, rücken wieder enger zusammen.

Was mir wirklich fehlt, ist die Leichtigkeit, die zuvor so selbstverständlich gewesen ist.

Eine Stärke der Weichheit zu entwickeln

Überwachen und Strafen, statt hinsehen und unterstützen. Bei Hartz IV, bei Depressionen. Warum gelingt es uns nicht, den Wohlstand zu teilen, den Neid zu überwinden? Das Bekenntnis zu unserer Bedürftigkeit, der Angst, abgelehnt zu werden, entgegen zu setzen. Eine Stärke der Weichheit zu entwickeln? Aufzuhören zu fragen warum, hinzunehmen, sich einzulassen? Den Selbstdarstellern keine Bühne zu geben. Aufhören durchzuhalten, auszuhalten. Lieber auszubrechen. Aus uns selbst? Unserer Angst? Keine Lösungen anzubieten, aber Begleitung. Aufhören ein anderer sein zu wollen. Anfangen sich selbst zu entwickeln.

 

(21)

Die Unsicherheit bei uns allen, wenn jemand in der Bahn sitzt, der offensichtlich den Verstand verloren hat. Meine Hemmungen, darüber zu schreiben. Wie er an jeder Haltestelle aufsteht und zur Tür geht. Sobald die Bahn anfährt, setzt er sich wieder und singt bis zur nächsten Haltestelle. Wie er wohl vorher gewesen ist. Und was passiert ist, dass er verrückt geworden ist. Vielleicht hat er sich nicht erlaubt, Fehler zu machen und hat sich für jeden einzelnen Fehler, der ihm trotzdem unterlaufen ist, dermaßen verurteilt, dass es irgendwann nicht mehr auszuhalten war.

Und wir anderen, damit wir weiter funktionieren können, packen unser Leben handlich ein, in Träume und Angst. Eine stille, schüchterne Flucht. Vor dem Leben. Aber mehr noch vor sich selbst.

(17)

Ich fresse. Süßes, Salziges. Hauptsache nicht gesund. Weil ich Angst habe? Um die Unruhe zu betäuben? Weil ich immer noch nicht akzeptieren kann, dass es diese einfache Trennung in richtig und falsch nicht gibt? Oder dass es kein Ankommen gibt, nur die unaufhörliche Bewegung. Die Suche nach Haltung und ein ständig gefährdetes Gleichgewicht.

Dieser seltsame Zwang, immerzu Vorräte anzulegen. Der Schimmel, den die Zeit ansetzt, wenn sie nicht bewegt wird. Die Hälfte der Zeit. Und die andere Hälfte der Zeit. Was wir von uns wissen können. Und was von der Welt. Und dass zum Wissen immer Zweifel gehören, zum Glauben aber Gewissheit. Und wie sich die Haltung zwischen diesen beiden Polen austariert. Ein Gleichgewicht sucht. Und manchmal auch findet.

(14)

Die alleinerziehende Nacht.

Wir vertrauen uns unseren Ängsten an. Verbiegen (verbieten?) uns unter der Angst, die wir uns auferlegt haben. Unsere Angst machte dem Leben Angst. Es traute sich nicht an uns heran. Ich starb ihm unter den Händen weg, überwacht vom Schmerz, meinem ständigen Begleiter.

(12)

Es geht um Veränderung. Und wie sie zum Stillstand kommt. Wie das Leben kommt und geht, und nur die Angst bleibt. Die Erinnerung, die alles enger macht, kleiner, unklarer und begrenzter im Jetzt. Die Frage, wo die Gefühle geblieben sind, die Leidenschaft. Ein Jahr und noch ein Jahr. Noch mehr Vergangenheit. Noch weniger Gegenwart.

 

(23)

Ich lebte in einem großen Koffer voller Angst. Erstarrt in meinem Willen zur Flucht.

Die Freundlichkeiten eines humorlosen Tages und wie Espedals Texte immer wieder auf Goyas schwarze Bilder zulaufen.

(18)

Die Angst, allein zu sein mit seiner Geschichte. Und was kann man tun mit seiner Angst, außer sie aufzuschreiben, um sie zu überwinden.

Und vielleicht herausfinden, wo der Unterschied liegt zwischen Angst und Schmerz. Oder wie das eine das andere bewirkt. Wie alles zusammenhängt, auch wenn das eine das andere versteckt.