Begriffe und Haltung

„Wenn wir Angst vor Wörtern haben, wie sollen wir den Mut finden zu eigenen Gedanken?“, schließt Angelika Overath heute in der FAZ ihre Überlegungen dazu, was Sprache, was bestimmte Begriffe mit Diskriminierung zu tun haben. Ein sehr komplexes Thema, zu dem ich schon lange etwas schreiben will, und das tun sollte, gerade weil ich überhaupt nicht weiß, was richtig und was falsch ist. Und weil ich glaube, dass das eine angemessene Haltung ist; Fehler zu machen, Unsicherheit zu spüren, und trotzdem zu sprechen, falsch zu liegen und sich zu entschuldigen, seine Meinung zu bilden und zu überdenken. Eine Haltung zu suchen, die aufmerksam bleibt, mitfühlend und mutig. Sich angreifbar machen, ohne sich gleich angegriffen zu fühlen.

Hinaus

Bislang ist es uns nicht gelungen, dich aus dir heraus zu schreiben. Wir arbeiten daran. Mit nicht nachlassender Beharrlichkeit. Deine Treue zu dir kann unmöglich so unerschütterlich sein, wie du dir selbst weis zu machen versuchst. Wenn du dich in dich kehrst, was findest du dann? Ist dieser unsortierte Haufen aus Angst und Verzweiflung es wirklich wert, ihm die Treue zu halten? Über mehrere Jahre und jede Hoffnung hinaus?

Passolini

Die Gefahr, sich unbeliebt zu machen, jagte mehr Angst ein als die alte Gefahr, die Wahrheit zu sagen. Überhaupt war die spezialisierte Kultur ihrer Zeit würdig: ihre innere Organisation war längst zu etwas definitiv Pragmatischem geworden: intellektuelle Produkte waren wie alle anderen: sie definierten sich durch Erfolg oder Mißerfolg […] Die einzige Wirklichkeit, die mit dem Rhythmus und der Atemlosigkeit der Wahrheit pulsierte, war die – erbarmungslose – Wirklichkeit der Produktion, der Sicherung des Geldwerts, der Erhaltung der alteingesessenen und für die neue Macht unabdingbaren Institutionen.

(Pier Paolo Passolini)

Verwechslung

Wir verlegten die Angst, wenn uns alles zu viel wurde. Wir sind verlegen, sagten wir dann. Und wollten vielleicht auch gar nicht merken, wie wir uns mit unserem Verrat an uns selbst verwechselten. Wir wechselten dann einfach die Stadt, den Standort, den Freundeskreis

Durcheinander, Bedenkenträger, hin- und her…

Ich hätte diese Einträge einfach mit Zahlen versehen sollen, dann müsste ich nicht ständig wieder meist doch höchstens halb passende Überschriften erfinden.

Die Stimmen, die das Herunterfahren des wirtschaftlichen und sozialen Lebens als Chance sehen, werden leiser, während sich (noch) alle Bürger*innen relativ klaglos an die Beschränkungen halten. Aber die Besorgnis wächst, wie die gerade noch auf unbestimmte Zeit geltenden Maßnahmen alles, was vorher normal gewesen ist, verändern, wenn nicht gar zerstören werden. Die Zahl der Infizierten wächst weiter rasant.

Sven Opitz spricht in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung sinngemäß von der Machtlosigkeit gegenüber der Angst. Geld, Wissenschaft, all diese sonst hochgradig wirksamen Instrumente versagen angesichts der aktuellen Pandemie. Das erklärt ein bisschen die Stimmung. Meine eigene und die sogenannte gesamtgesellschaftliche. Aber eigentlich wünsche ich mir gar keine Erklärungen, sondern eine Vision. Jemanden, der schreibt, wie danach alles ganz anders werden kann, statt immer wieder zu betonen, dass es lange dauern wird, wieder zur Normalität zurückzukehren. Sondern eine ganz neue Normalität heraufbeschwört, eine, die sich auf das wirklich Notwendige konzentriert, eine, die nicht länger um das goldene Kalb Geld herumtanzt. Eine, die eine echte Alternative zum Wachstum aufzeigen kann. Aber dieser Wunsch wird mir nicht erfüllt.

Verluste und Gewinne, Veränderungen

Ich habe jetzt wirklich wieder das Bedürfnis, hier zu schreiben. Das ist lange her.

Die Bilder aus Italien gestern Abend waren erschreckend. Gefühlt schreibt jetzt alle Welt Corona Tagebücher. Eine Kollegin sagte gestern: wir erleben gerade ein kollektives Trauma. Einige können damit besser umgehen als andere. Alles ist weit entfernt von irgendeiner Art von Entspannung. Vielmehr spitzen sich die Dinge weiter zu. Das Wetter scheint sich der Stimmung anzupassen. Gestern nur bewölkt, heute feinster Nieselregen.

Mich irritieren die Menschen, die weitermachen als hätte sich nicht innerhalb weniger Tage alles geändert, und diese Menschen sind wiederum vermutlich irritiert von mir. Ich will jetzt keine Tagungen, und Begegnungen schränke ich auf das absolut notwendige ein. Mir fehlen die Begegnungen, der Austausch, aber ich habe auch Angst vor der Entwicklung, wenn nicht jeder einzelne von uns seinen Teil der Verantwortung übernimmt.

Die gemeinsamen Mahlzeiten dauern jetzt von Abend zu Abend länger. Die Kinder, die längst keine Kinder mehr sind, rücken wieder enger zusammen.

Was mir wirklich fehlt, ist die Leichtigkeit, die zuvor so selbstverständlich gewesen ist.

Eine Stärke der Weichheit zu entwickeln

Überwachen und Strafen, statt hinsehen und unterstützen. Bei Hartz IV, bei Depressionen. Warum gelingt es uns nicht, den Wohlstand zu teilen, den Neid zu überwinden? Das Bekenntnis zu unserer Bedürftigkeit, der Angst, abgelehnt zu werden, entgegen zu setzen. Eine Stärke der Weichheit zu entwickeln? Aufzuhören zu fragen warum, hinzunehmen, sich einzulassen? Den Selbstdarstellern keine Bühne zu geben. Aufhören durchzuhalten, auszuhalten. Lieber auszubrechen. Aus uns selbst? Unserer Angst? Keine Lösungen anzubieten, aber Begleitung. Aufhören ein anderer sein zu wollen. Anfangen sich selbst zu entwickeln.