Entscheidung

Egal, wie weh es tut, wie widrig, gemein und scheinbar aussichtslos die Umstände gerade sind, es ist immer unsere Entscheidung, wie wir damit umgehen, oder wie S.M. es sehr schön formuliert: „Vielleicht gibt es nur zwei Möglichkeiten: man treibt mit seiner Erinnerung ins Schweigen, wird ihr Knecht, dimmt das Herz herunter. Oder man betritt die Erinnerung wie einen Traum. Gräbt sich mit Helm und Stirnlampe durchs Dunkel, nimmt alles mit, was trösten kann. Jedes Buch, jedes Stück Musik, jedes herzwarme Wort. Und dann schreibt man alles neu, erschreibt sich einen Anfang. So lange, bis man an ihn glauben kann.“

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Die traurige Vertrautheit sämtlicher heimlicher Leben. Am Ende liegt doch wieder ein Anfang, der Faden, an dem du dich aufhängen kannst, oder mit dem du andere einwickelst. Und dass es allein deine Entscheidung ist, macht die Sache nicht leichter

Punkt

Eine seltsam, mich entwürdigende Zeit (die Welle, die nichts vom Wasser weiß).

Die Einbildungskraft der Naiven (was man verliert, wenn man Vernunft gewinnt; Verstand, Läuterung).

All diese (leeren) Begriffe, an denen ich festhalte (weil ich meine Ratlosigkeit darin verbergen kann).

Begegnungen und Gespräche, die abbrechen, noch ehe sie eigentlich begonnen haben (weil wir auch daran glauben: an Anfang und Ende und die Winkel der Zeit).

Die Ratlosigkeit, die ein Leben annimmt, weil die Zeit verrinnt und doch nichts vergeht. Weil die Verluste wachsen mit dem verminderten Abstand vom Tod.

Weil es nicht Anfang, noch Ende gibt. Nur Kreise, die sich zusammenziehen auf einen Punkt.

Textrecyling

Es ist nicht der Vergleich, der glänzt. Nicht das Gold, das blendet. Ausblendet, was wirklich ist. „Erfolg ist für Looser. Sie nennen es Quote.“ (Rainald Goetz).

Die Sache mit den Bildern, mit den Stricken. Mit dem loslassen (sowieso). Und Licht. Belichtung und wie sich dann alles umkehrt. Ist das ein Märchen? (ihre goldenen Häarchen). Also wegtauschen? Bis nichts mehr da ist, außer einem unbeschwerten Weg?

Was wäre, wenn Rapunzel Hans im Glück begegnet wäre? Nicht dem einfaltslosen, treuen Beamten Prinz, sondern Hans, diesem Typ, der alles fallen lässt. Der Meister im Loslassen. Bei mir (mit mir!) bist du immer frei. (Keine Verwandlung. Keine böse Überraschung.)

„Das beschädigte Leben, das sich in unsere Bedürfnisse verheddert hat.“ (Jörg Albrecht). Die verwunschenen Trampelpfade. Über Stock und Stein. So ähnlich hatte sie sich das vorgestellt. Ging das jetzt besser mit einem Prinzen oder mit einem, der von einem Reinfall in den nächsten taumelt, aber immerhin jedes Mal wieder aufsteht. (Die Geschichten. Und wo sie hingehören.) Die Anfänge, die niemand zu Ende bringt. Eine Geschichte aus lauter Anfängen. Das wäre es, was sie mit ihm erleben würde. Anfangen. Und dann loslassen. Die einzige Bedingung: niemals diese Frage zu stellen: Und dann?

Die Gedanken loslassen und schweigen. Auf diese Art darüber reden; mit Bildern, mit Gesten, mit einer Berührung vielleicht.

Ein ereignisarmes Leben. Aber glücklich. (Die Ereignisse eingetauscht gegen das Glück.)

[Dank an die Gebrüder Grimm, Jörg Albrecht, Rainald Goetz]

Ich

Ich bin ein Rettungsring aus dünnen Wolken. Die schmecken wie Esspapier. Ich zergehe auf der Zunge, sobald man mich ausspuckt bin ich ausgelassen wie schmelzende Butter. Mich findet der Anfang nie vor dem Ende.

Anfänge ohne Ende

Anfang und Ende. Die Punkte zwischen denen sich eine Geschichte entspinnt. Für den Leser. Im besten Fall.

 

Doch wie fängt man an? Beginnt man mit dem Jahr, wenn man nach dem Moment sucht, in dem alles angefangen hat? Oder muss man genauer sein und den Monat kennen, besser den Tag? Vielleicht ist es viel wichtiger, sich an die Jahreszeit zu erinnern, ob die Sonne geschienen hat. Oder ob damals die Katze noch jeden Morgen kam, um ihre Schüssel Milch zu trinken.

Und wenn man sich solche Fragen stellt, wird man dann überhaupt anfangen können?

Die Nacht geht nicht, bevor der Tag kommt, ohne Anfang nur Ende, keine Geschichte dazwischen. In den Zwischenräumen spielt die Geschichte, mit der man etwas einfangen muss, um anfangen zu können.

Der Anfang als Ursprung. Kein Schritt, sondern ein Sprung. Der Sprung ins Ungewisse, ins kalte Wasser. Der Mut, Grenzen zu sprengen, damit etwas beginnen kann, statt einfach nur weiterzugehen.

Am Anfang war das Wort.

Man müsste es erzählen, als wenn es gerade erst losginge. Jetzt, in diesem Moment, und das Ende wäre offen, noch alles möglich… Und trotzdem ein richtiger Anfang. Einer vor dem nichts mehr liegt. So gewaltig und unumstößlich wie in der Bibel.

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“

Am Anfang war das Wort.

 

Und am Ende. Und dazwischen die Bedeutung der Worte. Die Bedeutung des Wortes Bedeutung. Ein roter Faden, dem der Leser folgen kann, eine Schnur, an der die Worte aufgereiht werden. Eine ganz eigene Spur, damit die Worte, die nicht neu sind, mehr sind als die Wiederholung des bereits da gewesenen. Denn das Neue entsteht, indem wir das Alte anders, auf unsere ganz eigene Weise zusammenfügen.

 

Und das Ende? Wie muss das Ende beschaffen sein?

Hinter dem letzten Wort ein Fragezeichen oder ein Ausrufezeichen?

Ein Rahmen, der die Geschichte hält, oder eine dünne, zarte Linie, über die die Geschichte hinausgeht? Das Ende als Möglichkeit weiterzuträumen, oder als das Ufer, an dem man auftaucht aus dem Meer der Fantasie? Zurück in das Nichts, aus dem das erste Wort zu schöpfen war.

Oder ein Ende, das dazu führt, alles sofort neu anfangen zu wollen. Ganz anders, viel besser diesmal. Die Geschichte umschreiben, bis das Ende zum Anfang passt, sich Hoffnungen erfüllen, statt sich in Enttäuschungen zu verwandeln.

 

Gibt es ein Ende? Oder nur immer wieder den Anfang? Das Wort, das andere nach sich zieht, bis eine Geschichte entsteht, die nicht zu Ende geht, wenn das letzte Wort geschrieben ist, die vielmehr der Anfang einer neuen Geschichte ist. Der Geschichte des Lesers, dem ein Faden in die Hand gegeben wird, den er weiterwebt.