(65)

Was setze ich dem Alter entgegen? Kommt Zittern, Langsamkeit, Verfall. Was tut eine damit? Eine, die immer funktionieren wollte.

Der Körper als Verzeichnis. Oder überhaupt Mutmaßungen über den Körper (über die Zeitfenster, die er öffnet und schließt).

Ich hatte mir das vorgenommen, ganz fest. Ins Alter hineinzuwachsen. Aber plötzlich zwickt und kneift es überall.

(56)

Eine Prozession Busse zieht an der Straßenbahn vorbei. Jemand spielt „spiel mir das Lied vom Tod“ ab. Ich sitze eingekeilt zwischen einem alten Paar. Zugewandt. Tapfer. Mehr kann ich zu ihnen nicht schreiben. Mir fehlt der zärtliche Blick, den ich bei anderen Autor:innen bewundere. „Ist alles von Doktor Oetker“, sagt sie mit einer ausladenden Geste nach draußen. Und er schweigt.

(54)

Das Haus an der Haltestelle, das seit Jahren still vor sich hin verfällt. Unsere Angst, die uns nicht erst seit dieser vierten Welle der Pandemie zerfrisst. Die Frage, ob es mir möglich ist, etwas anderes in mir zu sehen als eine alte Frau. Die Frage was das ändern würde. Die Vermutung, dass es besser wäre mich zu sehen, statt Attribute, die mich beschreiben könnten, oder eben auch nicht.

(53)

Es gibt mich nicht mehr. Ich arbeite ab.

Jahre vergehen.

Dann gibt es mich nicht mehr,

weil es nichts mehr abzuarbeiten gibt.

Die Haben – und Sollseiten des Lebens. Sorgfältig darauf achtend, dass es nicht zum Ausgleich kommt.

Ausschnitte von Träumen aneinander reihen, bis träumen nicht mehr möglich ist. Bis nichts mehr möglich ist.

Man muss sich Zeit nehmen, um den Dingen Zeit zu lassen. Ich lebe ein beschauliches Leben zwischen Hitze- und Kältewellen. Wenn ich dem Wasser entsteige, bin ich eine alte Frau. Eine letzte Etappe auf dem Weg beginnt. Ich mag Anfänge.

(47)

Ich weiß nicht, wie der Hase läuft. Das Gute ist, je älter ich werde, umso weniger verstehe ich. Die Falten werden tiefer, die Knochen werden morscher. Die Fragen werden fragloser. Immer seltener ficht mich das an. Ich war, ich bin, ich werde. Um diesen Sachverhalt zu begreifen, braucht es Zeit. Vielleicht bin ich noch nicht ganz so weit. Aber sicher auf dem Weg. Was soll mich da kümmern, wie der Hase läuft?

I

Ich werde jetzt sehr deutlich (unübersehbar) alt. Man bemerkt es an den Fotos. Wie die Haut immer weniger Spannkraft hat, wie die Falten sich unaufhörlich vermehren. Läge in jeder dieser Falten ein wenig Weisheit, oder wenigstens Erkenntnis, das ganze Gesicht sähe anders aus.

kleinwüchsige Apfelbäume

„Der Zweck der Erzählung besteht nicht darin, das Problem zu lösen. Ihr Zweck ist es, das Problem abzubilden, es zu erkennen, es vollständig zu bewohnen, und eine Verbindung herzustellen zwischen dir und allen anderen, die jemals darunter gelitten haben.“ (Jonathan Franzen).

Die Einsamkeit eines kleinwüchsigen Apfelbaums auf einer Wiese mit Streuobst . Alles ist genauso halb richtig wie halb falsch. Von draußen weht der Duft nach frisch gebackenem Brot in die Küche und vermischt sich dort mit dem Geruch der kochenden Hafermilch. Ich werde älter, so lange schon. Und immer noch, ohne zu wissen, wie es geht.

(37)

Das Alter. Die Melancholie. Die Wiederholungen.

Und letztendlich geht es doch nur immer wieder darum, die Angst zu überwinden, und den eigenen Weg zu finden. Den Weg, und den Mut, ihn zu gehen. Immer wieder.

All die Zeit, die ich nicht habe, solange sie mich hat. Bedeutungslos: entweder die Zeit oder ich. Oder letztendlich – wir beide?