Fragen

Es ist mir gar nicht bewusst gewesen, aber scheinbar habe ich mich schon seit Tagen mit dem Wesen der „Fragen“ beschäftigt.

Vor einiger Zeit schon habe ich folgendes notiert: Es gibt unterschiedliche Arten von Fragen, die, die mit ihrer Neugier und Anteilnahme, Türen öffnen, und die anderen, die dich bloßstellen, weil sie nichts wissen wollen [über dich], nur ein längst fertiges Bild von dir abgleichen wollen.

Und gestern dann in diesem Gespräch von Uljana Wolf, Alexander Gumz und Karla Reimert mit Anne Carson. Die Eingangsfrage von Wolf zielt gleich auf das Wesen der Frage ab. Was ist eine Frage? Und Carson antwortet, dass die wichtigste Frage die ist, was die Frage ist.

Sich Material und Informationen zu verschaffen ist heute vielleicht so leicht, wie niemals zuvor, und umso schwerer wiegt ja die Frage, worum es eigentlich geht, was eigentlich die Frage ist.

Und hier gleich wieder ein Einschub, denn wiederum vor ein paar Tagen, habe ich etwas von Maurice Blanchot gelesen. Blanchot schreibt: „Die Frage ist der Wunsch des Gedankens. Die Antwort ist das Unglück der Frage.“

 

Ich weiß nicht, ob ich Blanchot mit dem zweiten Satz folgen kann. Und will. Ich denke auch hier kommt es auf die Antwort an. Da gibt es solche, die weitere Fragen zulassen, und die anderen, die einengen, Räume schließen.

 

Carson sagt weiter: „Ich meine, man kann kein Gedicht schreiben, wenn man keine Frage hat. Man kann keinen Gedichtband zusammenstellen, wenn man keine Frage hat. Also – was ist eine Frage? Ist die Frage.“

 

Ehrlich gesagt, überfordert mich das ein wenig. Ich nehme es Carson fast übel, dass sie mich so allein lässt mit der Frage nach dem Wesen der Frage, der Beschaffenheit, wie auch immer. Dass sie mir keinen Weg zeigt, wie ich vielleicht keine Antwort, aber den Weg zu einer Antwort finden kann. Oder übersehe ich den Hinweis, den sie vielleicht doch gibt?

 

 

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November

Der November ist so eine Zeit, sagte sie, eine Zeit, in der man anfängt zu verstehen, was verlieren ist. Man schmeckt es beinah. Während man gegen den rauen Wind gestemmt durch das bunte Laub stapft und nicht viel mehr als dieses „beinah“ hat, um sich daran festzuhalten.

Geduld, Geschichten, Alphabet

Die Geschichten, die fern bleiben, die Umrisse, die ich verwische, die Sehnsucht nach dem Meer, an dem der Horizont mit dem Wasser verschmilzt. Das Feststehende mit dem Beweglichen.

Es ist nur der Körper, so sagt man, der stirbt. Das Fleisch, das immer haltloser wird, verfällt und verfault. Die Energie, die sich schließlich ganz vom Körper gelöst hat (oder ist es der Körper, der sich mit Hilfe des Alters Stück für Stück von der Energie entfernt hat?), überlebt. Befreit wird sie wieder Teil einer großen allumfassenden Energie, in der es all diese beschwerlichen Unterscheidungen nicht gibt (jung und alt, männlich und weiblich, gesund und krank).

 

Was aber, und diese Frage taucht immer wieder auf, hat Geduld mit all dem zu tun? Oder ist Geduld nichts anderes als die Kraft, die man benötigt, um die Widerstände auszuhalten?

Dranbleiben, weitermachen, das eigene Scheitern immer wieder überwinden, sich auf Anfang und Ende einlassen, statt sich immer tiefer verschlingen zu lassen von den Spiralen, die immer tiefer in das Zentrum eines undefinierbaren Kreises führen. Weil die Antworten mit dem ersten Buchstaben des Alphabets am Anfang stehen und am Ende, mit Z, die Zweifel (der Zorn?).

 

Angst

Im Spanischen klingt das Wort für Angst weich, melodisch. Miedo erinnert an miel – Honig.
Was sagt der Klang eines Begriffs aus über das Verhältnis einer Nation zu diesem Begriff?

Die Angst, die scheinbar noch vor jedem Anfang da ist. Als Antwort. Aber vielleicht auch als Möglichkeit des Widerstandes. Annahme statt Abwehr.
Die Angst, die dafür sorgt, dass wir die Dinge umkreisen, ohne in das Innerste vorzudringen.
Wovor hast Du Angst fragen und meinen: Wie lautet die Wahrheit hinter deiner Lüge?
Worte, die sich aneinander reihen, aufgrund meiner Unfähigkeit zu schweigen.
Worte gegen die Angst.
Oder Worte als Atem der Angst?

Alphabet

Vor einiger Zeit habe ich von jemandem gehört, der ein Wörterbuch las, Wort für Wort, und bei jedem Wort innehielt, um sich zu erinnern. Es war ein spanisches Wörterbuch und er beschrieb, wie das Wort aceitunas (Oliven) Erinnerungen an seine Heimat, seine Kindheit, hervorriefen.
Mir hat diese Geschichte sehr gefallen. Die Geschichte und die Vorstellung jedem einzelnen Wort Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken.

Noch vor dieser Geschichte, das war 2012, habe ich schon einmal ein Alphabet geschrieben. Wobei Inger Christensen und ihr Alphabet den Anstoß gab.
Vielleicht schließt der Versuch, den ich jetzt mache daran an, vielleicht entsteht etwas vollkommen anderes, etwas, das nichts mehr damit zu tun hat. Vielleicht ist es nur Werbung, Marguerite Duras hat einmal geschrieben: „Wenn das Schreiben nicht jedes Mal alle Dinge zu einem einzigem, seinem Wesen nach Unbestimmbaren vereint, so ist es nichts weiter als Werbung.“

Möglicherweise entsteht aber auch eine Verbindung. Eine Verbindung zwischen der Geschichte von dem Mann mit dem Wörterbuch und dem alten Alphabet, vielleicht kann dieser Versuch die Möglichkeit einlösen, die in jedem Schreiben steckt, nämlich Ausdruck von Zärtlichkeit zu sein.