Narbenschmerz

Sehr früh geht das Kind aus dem Haus. Das Kind, das das Gymnasium besucht, das ihr in vielen Bereich intellektuell längst überlegen ist. Das Kind, das immer wieder einmal einen Ausflug zurück in die Kindheit versucht, um dann festzustellen, es holpert und stolpert, da stimmt so vieles nicht, dass es bald ganz von allein damit aufhören wird. Und sie ist dieses „zurück“, das Zurück in die Kindheit, zurück in das Zuhause, das das Kind, das jeder Mensch, in jedem Alter, immer noch braucht.

Eine Zeitlang war diese Loslösung, dieses Abschied nehmen, eine offene Wunde. Es tat weh und sie wusste genau, warum. Und dass es so sein musste, wusste sie auch. Irgendwann hat sich eine zarte neue Haut gebildet über der Wunde. Was jetzt weh tut, ist eine Art Narbenschmerz, der vermutlich weder vergeht noch verheilt.

Sie hebt noch einmal die Hand. Das Kind verschwindet im frischen vielversprechenden Morgen, und sie trottet müde ins Haus zurück.

 

 

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Man muss es aushalten, um es aufzuhalten: Verschwinden als Essenz des Lebens. Wir nennen es gemeinhin lieber Veränderung, und das ist sicher nicht verkehrt, aber eben auch kein Widerspruch.

Begleitzustände. Wie wir versuchen, uns die Erkenntnisse höflich vom Leib zu halten.

Wenn es denn einen Sinn des Lebens gibt, besteht er darin, so lange zu lernen, Abschied zu nehmen, bis es man es endlich richtig hinbekommt.

Meine Mutter

Und tatsächlich wird mir erst jetzt, über zwanzig Jahre später, bewusst, dass sie ganz allein gestorben ist. Im sterilen Krankenhaus, in einem Operationssaal, wie, wiederum fast zwanzig Jahre zuvor, mein Vater. Allein, ohne jemanden, der ihre Hand hielt, denn ich durfte nicht zu ihr. Mich hatte man auf den Flur verbannt, wo ich versuchte mit dem Schicksal zu feilschen: ich werde keine einzige Zigarette mehr rauchen, wenn sie überlebt. Aber ich schaffte es nicht, und sie starb.

Sie war schon tot, sagten die Ärzte, als sie hier ankam. Hirntot (dieses furchtbare Wort). Und wieder ließ man mich nicht zu ihr.

Wie lange mag das gedauert haben? Das Warten. Die Erklärung. Meine Verwirrung.

Habe ich geweint? Geschrieen? Getobt?

Ich weiß nichts mehr. Nur, dass eine Krankenschwester mir eine Zigarette gab, dass ich nur einen Pullover trug (es war ein kalter Abend im November), und plötzlich meine Tante da war, die mich mitnahm zu sich, zu meiner Cousine, in deren Ehebett ich schlief, tief beschämt, nach all dem überhaupt schlafen zu können.

Die Zeit danach ist ein hellblaues Loch. Sehr kalt. Sehr leer. Ich funktionierte noch, aber sämtliches Leben in mir war abgestellt. Ich trauerte nicht, ich dachte nicht. Ich litt daran, zu sein. Zu atmen. Ich war nicht fähig, Abschied zu nehmen, als man mich zu ihr in die Totenhalle führte. Niemand begleitete mich. Niemand hielt mich fest, um mir zu sagen: Das ist das letzte Mal, dass du sie siehst.

Was wusste ich von letzten Malen? Von Abschied und Verantwortung? Ich wusste nur: ich war allein. Und diese Leiche in diesem Sarg hatte keine Sommersprossen und auch sonst erstaunlich wenig mit meiner Mutter gemein. Meine Mutter war zu diesem Moment schon nichts anderes mehr, als eine Erinnerung. Erinnerung an Sommersprossen und Lebendigkeit.

Ohne sie zu berühren, ohne mir Zeit zu geben, verließ ich sie und behauptete: das ist nicht meine Mutter.

Das eine und das andere

Eva Christina Zeller hat einen Gedichtzyklus geschrieben, über die Trauer, oder jedenfalls das Leben nachdem jemand gestorben ist, und Elisabeth Rank macht sich Gedanken über den Unterschied zwischen dieser tiefen (und sehr persönlichen) Trauer und dem, was so auf sozialen Netzwerken passiert, wenn z.B. ein Schauspieler stirbt.
Ich finde das sind wichtige Gedanken, deswegen möchte ich sie teilen.

15. April

Auf einem Blog, das ich sehr gern lese, nimmt gerade jemand Abschied von seinem Vater. Ob das real ist, oder fiktiv, spielt keine Rolle. Ich erinnere mich an „Die Erfindung der Einsamkeit“, das Buch, in dem Paul Auster Abschied nimmt von seinem Vater und ich überlege, warum ich das Buch, in dem Simone Beauvoir Abschied von ihrer Mutter nimmt, bis heute nicht gelesen habe, obwohl es sehr lange schon in meinem Regal steht.

Ich denke auch darüber nach, wie ich mich, viele Jahre nach dem Tod meiner Eltern, von denen ich nie richtig Abschied nehmen konnte, wissenschaftlich an diesem Thema abgearbeitet habe. Und kaum war die Arbeit beendet, bin ich schwanger geworden.

Ich denke daran, wie viel sich verändert hat, wirklich oder nur scheinbar, bezüglich der Auseinandersetzung mit Tod und Sterben.

Es bleibt unteilbar. Eine Passage, die jeder allein machen muss. Der, der geht, und der, der zurückbleibt.

Ich erzähl euch was, bevor ich geh…

ich kannte mal einen. er fuhr motorrad. er sagte: richtig schön ist es nur mit dir. er meinte das motorradfahren. ich sagte: ruf mich an. aber er rief mich nicht an. irgendwann traf ich ihn. seine augen leuchteten. sein mund hüpfte aufgeregt um seine finger. er war ganz außer sich vor freude, weil er mich wiedersah. warum hast du nicht angerufen? fragte ich. und er sagte: das telefon verändert die seele des menschen, so wie ein rock die beine einer frau.

Zaz – Je veux

 

(Bis Ende August werden keine Mützen mehr gefaltet)