Verachtung

Was ich – wenn es mir bewusst wird – an mir verachte, ist dieses mich-anbiedern. Immer noch dazugehören wollen. Es ist vollkommen okay, Menschen zu bewundern, weil sie Verknüpfungen herstellen, die ich noch nicht so herstellen konnte, weil sie Formen finden für Gedanken und Gefühle, die ich bisher unbenannt und formlos lediglich gespürt oder verdrängt habe. Etwas grundsätzlich anderes ist es die eigenen gekränkten Gefühle und Fragen zu zensieren, aus Angst damit erkennen zu geben, dass ich nicht dazu gehöre. Natürlich gehöre ich nicht dazu. Wie soll ich jemals irgendwo dazugehören, wenn ich mir nicht das Recht zugestehe, in erster Linie zu mir selbst zu gehören?

Ausnahmezustand und Aufmerksamkeit

Inzwischen weiß ich nicht mehr, im wie vielten Tag des Ausnahmezustands wir uns eigentlich befinden. Ich leide nicht mehr wirklich darunter, aber ich bin auch weit entfernt, mich daran gewöhnt zu haben. Ein ganz vorzüglicher Beitrag, zu dem, was ich über weite Strecken genauso empfinde, aber nicht so gut in Worte fassen kann, findet sich hier.

Überall herrscht helle Aufregung über Till Lindemanns Vergewaltigungsgedicht. Schade, dass die Texte, die eine Auseinandersetzung wert wären, nie so in den Fokus rücken.

Pausentaste

Das Anstrengenste neben der Angst (die noch gut unterdrückt, aber trotzdem ständig da ist), ist diese Beobachtung und irgendwie auch der Anspruch, dass da jetzt ganz viel Zeitgewinn sein müsste. Zeit, um in sich zu gehen, um kreativ zu werden, endlich die monströs dicken Bücher zu lesen, aufzuräumen und zu renovieren. Ich erlebe das nicht so. Obwohl ich seit gestern offiziell zur ständig wachsenden Herde von Kurzarbeiter*innen gehöre, lese ich nicht mehr und auch für all das andere bleibt mir nicht mehr Zeit. Ich bin vielmehr auf seltsame unerklärliche Weise ständig erschöpft. Erschöpft und ratlos und hin- und hergeworfen und noch unsicherer als ohnehin schon.

Von jedem Artikel, den ich lese, erwarte ich Erkenntnisgewinn. Einfache Hingabe an einen Text, oder gar an den Moment, scheint nicht mehr möglich. Als würde das aus Leistungsansprüchen bestehende Hamsterrad sich umso schneller (und verzweifelter) drehen, je länger die Pausentaste gedrückt bleibt.

Bild

Gestern abseits aller Besorgnis und Ungewissheit, ein wirklich schönes Bild. Auf einem großen geplasterten Platz, ein Paar, das Tango tanzt, in einer anderen Ecke ein junger Sportler, der formvollendet Seil springt. Und am Rand ein Kind, das Skateboard fährt. Über allem blauer Himmel und Sonne.

Bücher hamstern, Erkenntnisse sammeln

Bücher hamstern ist ja nichts, was ich jetzt entdecke, um den Buchhandel zu retten, sondern eher mein Alltag, solange das Geld reicht, decke ich mich mit Büchern ein. Gestern kam unter anderen Benjamin Maacks „Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein“ an.

Und es hat wirklich eine Weile gedauert, bis ich verstanden habe, dass die Zahlen, die Überschriften aus ausgeschriebenen Zahlen, die Tage bezeichnen, von denen Maack erzählt. Von denen er manchmal nicht mehr als eine an ihn gerichtete Frage erzählt, und ein anderes Mal mehr.

Immer fühle ich mich ertappt, und gleichzeitig verstanden. Da steht plötzlich, was ich vor vielen Jahren bei der Gruppentherapie in der psychosomatischen Klinik gedacht habe:

„Ich habe keine Gründe, nur Wehwehchen. Ich dürfte gar nicht hier sein. […] Ich wünschte, ich hätte ein richtiges Problem. Aber irgendwie habe ich ein falsches.“

In der Gruppentherapie war eine Mutter, deren Sohn verunglückt war, eine Frau, die mit einem Alkoholiker verheiratet war, und als wäre das nicht schwer genug, hatte sich ihre Mutter gerade umgebracht. Und ich. Mit meinen falschen Problemen. Mit meinen unspezifischen, nicht verschwindenden Schmerzen, für die die Ärzte aber keine körperlichen Ursachen finden konnten. Ein Jahr später haben sie dann doch die Ursachen gefunden, ich wurde operiert und das Problem war gelöst.

Depressiv war ich immer mal wieder, aber damals in der Klinik vermutlich so wenig wie selten. Auf jeden Fall zu wenig, um mich nicht heute noch zu schämen, wenn ich mich im Stuhlkreis sehe, mit denen, die wirkliche Probleme hatten. Richtige Probleme.

Durcheinander, Bedenkenträger, hin- und her…

Ich hätte diese Einträge einfach mit Zahlen versehen sollen, dann müsste ich nicht ständig wieder meist doch höchstens halb passende Überschriften erfinden.

Die Stimmen, die das Herunterfahren des wirtschaftlichen und sozialen Lebens als Chance sehen, werden leiser, während sich (noch) alle Bürger*innen relativ klaglos an die Beschränkungen halten. Aber die Besorgnis wächst, wie die gerade noch auf unbestimmte Zeit geltenden Maßnahmen alles, was vorher normal gewesen ist, verändern, wenn nicht gar zerstören werden. Die Zahl der Infizierten wächst weiter rasant.

Sven Opitz spricht in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung sinngemäß von der Machtlosigkeit gegenüber der Angst. Geld, Wissenschaft, all diese sonst hochgradig wirksamen Instrumente versagen angesichts der aktuellen Pandemie. Das erklärt ein bisschen die Stimmung. Meine eigene und die sogenannte gesamtgesellschaftliche. Aber eigentlich wünsche ich mir gar keine Erklärungen, sondern eine Vision. Jemanden, der schreibt, wie danach alles ganz anders werden kann, statt immer wieder zu betonen, dass es lange dauern wird, wieder zur Normalität zurückzukehren. Sondern eine ganz neue Normalität heraufbeschwört, eine, die sich auf das wirklich Notwendige konzentriert, eine, die nicht länger um das goldene Kalb Geld herumtanzt. Eine, die eine echte Alternative zum Wachstum aufzeigen kann. Aber dieser Wunsch wird mir nicht erfüllt.

Rückbesinnung, Beobachtungen

Die Unmengen an Fitnessgeräten auf der dem Büro gegenüberliegenden Straßenseite, das etwas stumpf gewordene Orange des in festen Abständen piepsenden Gabelstaplers, den ich die Stunden, die ich im Büro verbringe durch das gekippte Fenster höre.

Auf dem Rückweg am geschlossenen Tanzstudio vorbeigefahren, in dem ein einzelnes Paar leidenschaftlich übt.

Das Leben ohne nennenswerte Außenaktivitäten gewinnt ein bisschen Normalität, die Angst ist kleiner geworden, die Sucht, mich fortwährend informieren zu müssen, fast ganz verschwunden.

Heute zum ersten Mal den Plan umgesetzt, mich jetzt wirklich einem der brach liegenden Projekte zu widmen. Als würde es jetzt endlich gelingen, den Mangel an außen mit einer produktiven Rückbesinnung auf mich selbst auszugleichen.

Widersprüche

Alles scheint gerade widersprüchlich zu sein.

Ich verliere mich immer wieder in dieser Schlucht zwischen dem, was nicht (mehr) ist, und dem, was (eigentlich) sein sollte.

Meine Söhne arrangieren sich so gut sie können mit der Situation. Später werden sie vielleicht sagen, dass ich so eine enge Bindung zu meinem Bruder habe, liegt auch an dieser verrückten Zeit der Pandemie, damals, 2020.

Was mir gerade zu schaffen macht ist, dass alles, was ich tue offensichtlich auf eine Zukunft ausgerichtet sein muss, nur so ergibt es Sinn für mich, nur auf diese Weise konnte ich bislang ein Ziel verfolgen. Da aber momentan jegliche Art von Zukunft vollkommen unklar und unsicher ist, gelingt es mir nur sehr schwer, mich für etwas zu motivieren. Stattdessen verwahrlose ich. Siehe oben.

Andererseits ist es vielleicht gleichzeitig die Begründung dafür, dass mich die Verlustängste kaum selbst berühren. Ich mache mir Sorgen um all die wunderbaren kleinen Verlage, um die kleinen unabhängigen Theater und natürlich um die Künstler selbst, für die all das, was gerade geschieht, eine unvergleichliche Katastrophe sein muss. Aber die Tatsache, dass die Regale jetzt häufiger leer sind, dass gestern als ich zur Arbeit gekommen bin, ein Zettel an der Tür hing, auf dem stand, die Geschäftsstelle sei bis Ende April geschlossen, das verwirrt mich kurz, aber es erschüttert mich nicht. Scheinbar habe ich dieses Thema völlig an M. abgegeben, der immer wieder kurze Krisen der Existenzangst durchlebt.

Die leeren Straßen, die ungewohnte Ruhe, die – gerade jetzt im Frühling – sonst überfüllten Parks, in der man jetzt kaum Menschen sieht, all das könnte sehr schön sein, man könnte es geradezu genießen, wenn es gelingt auszublenden, warum das alles gerade so ist, wie es ist.

22.03. 2020

Jetzt also ein Versammlungsverbot für mehr als zwei Personen.

Ich habe seit ewigen Zeiten nicht mehr so viel Radio gehört und Zeitung gelesen. Nur dass sich die Zeitung und das Radio jetzt meistens auf dem Smartphone befinden. Überhaupt bin ich gerade ziemlich dankbar für all die sozialen Medien, für den ganzen technischen Fortschritt. Es tut mir gut, immer wieder lesen zu können, wie unterschiedlich Menschen jetzt dieser Krise begegnen, was sie denken und empfinden.

Während mir die offiziellen Zahlen große Angst machen, 800 Todesfälle gestern in Italien, 600 Todesfälle in Spanien in nur 24 Stunden.

Unheimlich auch, wie viele Parallelen es zum Ausbruch der Pest im Mittelalter gibt, auch damals ein Verbot von Gottesdiensten, die Empfehlung Abstand zu wahren, Errichtung von Spitälern, um die Familien zu entlasten und zu schützen, die Hoffnung, die damals im Glauben lag und nicht in der Wissenschaft.

Auch heute wieder ein langer Spaziergang. Der Wald belebter als sonst. Die Menschen halten Abstand und suchen Blickkontakt.

Langsam kommt so etwas wie erholsame Entschleunigung bei mir an. Ideen sammeln sich, und ich gebe ihnen Zeit, damit sie entscheiden können, ob sie sich entwickeln wollen, oder wieder verschwinden.

Mal sehen, was sich ändert, wenn ich morgen wieder zur Arbeit muss. M. ist seit Donnerstag im Homeoffice, ich muss ins Büro. Noch.