(35)

Gesungen. Verstummen.

Und dann am immer dünner (fadenscheiniger) werdenden roten Faden der Unsicherheit folgen, an jeder Kreuzung ein Fragezeichen. Das Fragezeichen als Tür.

(34)

Beeindruckend wie Frank Witzel seinen Zweifeln nachgeht, Gedankengänge ausformuliert, die ich selbst nur im Ansatz kenne, weil ich sie vorschnell abbreche, aus Angst an ihnen verrückt zu werden.

Und wie er für Dinge, die ich nur ahne und fühle eine glasklare Formulierung findet, das Unbehagen, etwas aufzuschreiben z.B., über das er schreibt:

„Kaum aufgeschrieben, überfällt mich eine Scham gegenüber dem Notierten. Ich kann und will nichts notieren, will überhaupt nicht über mich und mein Leben nachdenken, geschweige denn etwas hinterlassen, das daran erinnert. Die Arbeit des Schreibens besteht bei mir vor allem darin, diese ganzen Widerstände zu überwinden. Ich habe nicht schreiben gelernt, sondern mir mühselig beigebracht, das Geschriebene stehen zu lassen.“

(30)

Manchmal ist es zu viel. Zu viel Leere, die mit intellektuellen Phrasen gefüllt wird. Mit Farben und Bildern und Klängen. Was dann entsteht sind Räume, in denen ein zu viel gegen ein anderes antritt.

(29)

Eine sehr disziplinierte Kindergartengruppe. Die Kinder sitzen um einen Tisch herum und malen eifrig. Sie verkörpern mit Leib und Seele den Satz, der ihnen vorgegeben wurde: ich bin da. Dieser Satz findet jetzt in ihren Bildern Gestalt. Bildern, die sie abends ihren Eltern überreichen werden, die erschrecken, bevor die Zeichnung unter einem Stapel anderer Papiere ganz unten in einer Schublade landet und schnell und gründlich vergessen wird.

(28)

Das Licht leuchtet in der Finsternis. Doch die Finsternis hats nicht begriffen. Das ist vielleicht der wahrste und allumfassendste Satz über die Depression.

II

Vielleicht könnte es heilsam sein, Tag für Tag etwas mehr zu hinterfragen. Sich zurück zu lassen mit den Antworten. Und dann auszutreiben wie ein Fragezeichen im Frühling.

(20)

„Dali ging in seiner Verfolgung der Suggestion des Unbewußten so weit, daß er seine Staffelei am Fuß des Bettes aufstellt, damit er sich vor dem Einschlafen auf das unvollendete Bild konzentrieren konnte, um seine Träume in die Richtung seiner Entwicklung zu lenken. Zu anderen Zeiten „wartete ich stundenlang auf solche Eingebungen. Dann verharrte ich ohne zu malen in großer Spannung…“; oder er versuchte mit allen Mitteln, Wahnsinn zu simulieren.“

Aus einem Buch des Taschen Verlags über Salvador Dalí herausgesucht, weil ein Kollege mich kürzlich an ihn erinnerte. Bzw. die Art, wie seine Gedichte traumhaft surreal Worte aneinander fügen, wie weit er sich scheinbar von jeglicher Realität löst, von jedem Impuls und Anlass, vielleicht sogar von jeder Art von Sinn, um dann, sobald man sich etwas länger, offener damit beschäftigt, eine erstaunliche und irgendwie tiefere Perspektive zu eröffnen.

Überhaupt bin ich gerade umgeben von Bildern, die letzten Artikel, die ich geschrieben habe, waren solche über „Fensterausstellungen“, das einzige, was derzeit möglich ist, wenn man als Künstlerin im Analogen bleiben will. Außerdem bin ich mit einer Fotokünstlerin ins Gespräch gekommen, und nicht zuletzt kam vor einigen Tagen „I love Women in Art“ von Bianca Kennedy und Janine Mackenroth hier an. Beim Durchblättern bin ich sofort bei der aufsehenerregenden Arbeit von Heji Shin hängen geblieben, darüber vielleicht morgen mehr.

Ich glaube ja nicht an Zufälle, und die Sache mit den Bildern ist sehr leicht zu erklären, weil ich mich seit Monaten mit einem Bild beschäftige, über das ich etwas schreiben soll und möchte. Die Tatsache, dass es ein dermaßen beeindruckendes, aber gleichzeitig unerschöpfliches Werk ist, und dass das Projekt schön und wichtig ist, macht es mir vielleicht schwerer als nötig. Weil ich dann wieder so hinderliche Dinge denke, wie dass ich es sehr sehr gut machen muss, dass ich auf keinen Fall das Ganze durch meine minderwertige Arbeit vermasseln darf, dass es ohnehin ein Irrtum ist, dass ausgerechnet ich dazu eingeladen worden bin, dass die Initiatoren, sobald ich etwas eingeschickt habe, die Hände über den Kopf zusammenschlagen werden. Und da kommt der Verweis, die Erinnerung an Dali sehr recht, weil es eine Möglichkeit darstellt, dieses dämliche Ego zu überlisten, und sich stattdessen auf die erstaunliche Kraft des Unbewussten zu besinnen.