Form

Das, was mir zunächst als Erleichterung, als Öffnung für alles Mögliche, erschien, erweist sich zunehmend als Schwierigkeit. All die Eindrücke, Erlebnisse, Entdeckungen, Gedanken prasseln einfach so auf mich herein, ohne dass ich Zeit finde, sie nieder zu schreiben. Und das liegt nicht zuletzt daran, dass mir der Faden fehlt, an dem ich die Erlebnisse aufreihen könnte, die Form eben, die es mir ermöglichen könnte auszuwählen und anzuordnen, etwas zu erkennen in dem scheinbaren Chaos. Somit erweist sich wieder einmal, dass es Zufälle eigentlich nicht gibt, dass ich hier schon seit einiger Zeit über Form nachdenke, bevor ich realisiert habe, dass sie mir fehlt. Formen und Grenzen und die Bewegungen dazwischen.

Form ist ja nicht zuletzt eine Möglichkeit, den Zweifel in Schach zu halten. So weit jedenfalls, dass er Worte finden kann und sich nicht auf Lähmung und Angst beschränkt. Und die mir angemessene Form zu finden könnte helfen, diese lineare, funktionelle, ergebnisorientierte Denkweise zu ändern, wirklich zu begreifen, dass es nicht darum geht, Aufgaben zu erfüllen, Rätsel zu lösen, und dann bist du am Ziel, wirst belohnt, hast es geschafft. Es geht vielmehr darum, in Bewegung zu bleiben, ständig bereit, sich zu verändern. Dann kannst du alles loslassen und trotzdem damit in Verbindung bleiben.

Und eine Form ist nichts Feststehendes, nichts endgültig Unveränderliches, eher so etwas wie eine flexible Grenze innerhalb derer Entwicklung und Veränderung stattfinden kann.

Der Künstler bringt einen Gedanken, eine Idee, ein Gefühl, in eine bestimmte Form. Und dann lässt er los. Was der Betrachter sieht, was er fühlt, begreift und zu verstehen glaubt, entzieht sich dem Einfluss des Künstlers, die Form legt nicht fest, sie stellt vielmehr einen Raum zur Verfügung, in dem Entfaltung stattfinden kann.

 

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30. März

Vielleicht ist der Mensch auch nur ein vorübergehend in Form gebrachter Zweifel.

Louise Bourgeois

Man ist allein geboren. Man stirbt allein. Der Sinn des Zeitraums dazwischen ist Vertrauen und Liebe. Deshalb ist der Kreis, geometrisch gesprochen eine Eins. alles kommt zu dir vom Gegenüber. Man muss in der Lage sein, das Gegenüber zu erreichen. Wenn nicht, ist man allein.

(52)

Sebastião Salgado: „Schwarz-weiß ist eine Abstraktion, es erlaubt mir die Konzentration auf das, was ich Würde nenne, auf das Essenzielle.“

 

Ein Satz, den ich nur halb verstehe. Ästhetisch leuchtet mir das völlig ein, Abstraktion, keine Ablenkung durch Farben, nur Formen, Licht und Schatten. Aber wenn es um Würde geht, um das Essenzielle (was ist das Essenzielle?), sind da nicht gerade die Grautöne wichtig? Macht da eine reine Abstraktion nicht alles kaputt?

 

Spiegel

Sagen: es bricht mir das Herz, und dann einfach weitergehen. Weitermachen. Da ist kein Platz für mich. Diese Feststellung. Und wie man darüber hinweggeht. Ein Fehler vielleicht. Fehltritt und Stolpern. Weil der Schmerz ein Spiegel ist, die Ablehnung auch. Und der Spiegel spricht. Viel später dann auch zu Schneewittchen, was das Märchen verschweigt.

Perspektiven

http://www.saveellisisland.org/gallery/unframed-ellis-island-by-jr-photo-gallery/
http://www.saveellisisland.org/gallery/unframed-ellis-island-by-jr-photo-gallery/

Man müsste natürlich mehr dazu schreiben, zu Unframed von JR, zu Ellis Island und Uljana Wolf, und was das mit der Gegenwart zu tun hat. Mit dem Kosovo zum Beispiel, und der Entscheidung, Flüchtlinge, die „nur“ vor Armut und Perspektivlosigkeit flüchten, nicht zu akzeptieren. Überhaupt zu schreiben von dieser Gefahr der Perspektivlosigkeit. Der allergrößten Gefahr überhaupt für alle Gesellschaften. Viel größer als die des Terrorismus, der immer schon nur eine Folge fehlender Aussichten ist.

V

Nicht nach den Antworten suchen, aber eine Ordnung der Fragen entwickeln.

Oder einfach genau hinsehen. Diese Form von Widerstand.

 

Stattdessen lassen wir den Schlaf jubilieren, während wir einander beim Sterben zusehen. Wohin uns das führt, wie es uns verändert, das Wasser der Zeit, das Schicht um Schicht eine oberflächliche Schönheit abträgt, bis der Kern sichtbar wird. Das zerstörte Gesicht. Bis eine sagt: Ich habe ein zerstörtes Gesicht. Sich weniger damit abfindet, als dass sie sich vielmehr selbst findet in dieser Behauptung, diesem Satz. So wahrhaftig findet, dass es nicht mehr notwendig ist, sich zu erfinden.

 

III

Irgendwann muss ich damit angefangen haben, mir einzureden von jetzt an sei alles, was ich erlebe, banal, die Zeit der Abenteuer, Umbrüche und Entdeckungen sei vorbei. Ich lernte sehr gründlich, die sich nach wie vor ereignenden Glücksmomente zu übersehen. So gründlich und gewissenhaft, dass ich schließlich den Reichtum meiner Erfahrungen nur noch als Last empfand, als etwas, das alles andere verhinderte, außer mir dem sich stetig verringernden Abstand zum Tod immer bewusst zu sein.

 

II

Man versäumt sich, reißt die Ränder auf und vernäht die losen Flächen erneut. Andere sind vorsichtiger, behutsamer; lösen nur einzelne Fäden, weben sorgsam, darauf wartend, dass ein Muster entsteht.