Großvater

Ich sitze in der Straßenbahn und überlege, wie eine Geschichte über meinen Großvater anfangen könnte. Diesen Mann, der der Partei (sag es: NSDAP) beigetreten ist, um das Haus für seine Familie zu retten (so geht die Erzählung). Und ich habe nicht gefragt, ob die einfache Parteimitgliedschaft vor Enteignung schütze, weiß nicht einmal, ob er selbst seine Parteizugehörigkeit so begründet hat, oder ob diese Begründung etwas ist, das später dazu gekommen ist. Dabei hätte ich mit ihm darüber reden können. Offene Gespräche konnte ich immer mit ihm führen. Als ich in der Pubertät war, gab es kaum jemanden, der mir so vorurteilsfrei und aufmerksam zuhörte wie er. Dieser Mann, der meine kranke und sterbende Großmutter immer wieder tagelang allein ließ. Derselbe, der die alten Kinderfotos so liebevoll und zärtlich beschriftet hat, dass mir beinahe die Tränen kommen, als mein Onkel sie mir zeigte. (lange nach dem Tod des Großvaters). Ein Patriarch, der für seinen Sohn vor Gericht gezogen ist, weil den ein Nachbar geschlagen hatte. Diese widersprüchliche Fiktion, mit der ich groß geworden, in den Urlaub gefahren und immer wieder lange Gespräche geführt habe, an deren Inhalt ich mich nicht erinnere, aber daran, dass ich stets das Gefühl hatte, ernst genommen zu werden, in all meiner Widersprüchlichkeit.

Werbeanzeigen

(19)

Ich schrieb mich ein in die Gesichter der Nachwelt (vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun). Die Erde ist ein Kreis, und es geht immerzu darum, zu verlieren. Jeder Verlust, ein Schritt auf das große Nichts zu, das es zu erreichen gilt.

(18)

Der Aberglaube, der mich einschränkt. Und wie ich mir selbst genüge. Scheinbar.

Ja. Nein. Vielleicht. Die fehlende Ruhe. Vertrauen. Sicherheit auch.

Immerzu will ich mehr sein, als ich bin. Also weniger. Und mein Geist füllt sich mit Leere. Bis er platzt.

Dann verliere ich den Überblick und gebe auf.

(16)

Dass ich mir niemals zutraute, etwas anderes zu zeichnen als Bilder und Fotos abzumalen, sagt sicher mehr über mich, als ich selbst verstehe. Ich habe ohnehin wenig Ahnung von mir. Am ehesten davon was ich besser und was ich weniger gut nachahmen kann.

Die Geheimnisse der Welt hinter der Welt, oder mich einfach nur lebendig fühlen, das war nichts für mich. Das überstieg meinen Horizont. Das war der Drachen, der niemals abhob, egal wie schnell ich rannte, wie fest ich am Seil zog. Dem bunt verzierten Seil.

II

Die Begriffsgeschichte, oder einfach nur die Geschichte eines Wortes. Wie es sich vermischt mit anderen Worten. Von einer Sprache in eine andere wandert. Fäden bereitstellt, aus denen Geschichten gewoben werden können.

Eine große Egalheit breitet sich aus in mir. Macht mich friedlich. Unangreifbar dort, wo ich noch vor kurzem leicht verwundbar gewesen bin.

Ein Tropfen, der Sprechfaden, an dem alles hängt. Aufs Spiel setzen, woran wir hängen. Die Verschiedenheiten verschieben.

I

Sie tischten mir mehrere Mahlzeiten Unverdauliches auf. Und ich aß. Kaute. Würgte. Schluckte. Schlug die heiligen Hefte der Einfalt auf, um zu Ende zu führen, was vorzeitig abgebrochen worden war.

Ein Tropfen, der Sprachfaden, an dem alles hängt. Aufs Spiel setzen. Aufs Spiel aber setzen wir. Die Verschiebungen.