Ein unvollständiger Text über Zugvögel, Bananenröcke und das Schuhebinden

Es ist ein wohlbekanntes Phänomen, dass man, sobald man eine Fragestellung im Hinterkopf hat, Verbindungen findet, Hinweise. Einfach weil sich der Blick öffnet für Dinge, die mit der Frage zu tun haben. So ist es sicher kein Wunder, dass ich diesen Text entdeckt habe, der nicht nur wunderschön ist, sondern auch ganz wunderbar in das Heimatprojekt passt, dass ich vor einiger Zeit hier begonnen habe.
Herzlichen Dank noch einmal an Asallime, dass ich hier auf ihn hinweisen darf.

Heimat

Cézanne - Das Haus mit geborstenen Wänden
Cézanne – Das Haus mit geborstenen Wänden

 

Das Haus mit geborstenen Wänden

(ein Gemälde von Paul Cézanne)

 

Am Ende stehst du mit leeren Händen

vor dir – und ringsum rauscht,

was doch so einziglich, am offnen Fenster:

Der Brief, den du wirst nie beenden,

von Laub umwunden. – Du lauscht,

lauscht dem Duft, der je dich trug,

und brichst in deine Augen ein:

Dort zirpt ein Land, alt und geheim,

und du… und du bist endlich daheim

im Haus mit den geborstenen Wänden.

 

 

(Ralf Harner)

 

 

 

 

Was Heimat sei.

Wir kauften uns Plastikmuscheln am Büdchen und leckten den Honig- oder Waldmeistergeschmack aus ihnen heraus, trafen uns später, viel später, im „Café Kummer“, tranken Earl Grey Tee, gingen danach in die Innenstadt und kauften Räucherstäbchen und in kleinen Fläschchen Vanille-Öl. Das rieben wir uns innen auf die Handgelenke und in die lilagefärbte Windel, die wir um unseren Hals gebunden trugen. Wir erfanden Geburtstage für unsere Wellensittiche. Bubi, Kuki und Kiki. Im Zooladen in der Stadt kauften wir die Geschenke: Kolbenhirse und kleine Spiegel mit Glöckchen dran. An der Kasse starrten wir in die Kiste mit Mehlwürmern, die krümmten und schlängelten sich, tauchten ab und wieder auf, bildeten einen Klumpen, dann wieder Wellen. Der Mann an der Kasse schaufelte einen Haufen von ihnen in eine Tüte. Als sie auf dem Verkaufstresen lag, bewegte sie sich. Ich stellte mir die Tiere vor, von denen sie gefressen werden würden. Später, als es keine Wellensittiche mehr gab und wir auch das Wiesenschaumkraut nicht mehr pflückten, nicht mehr mit dem Rad fuhren, uns nicht mehr stritten und nicht mehr vermissten, wurde das Haus in unserer Stadt angezündet. Starben Menschen, verloren Menschen alles, was sie hatten. Ich dachte an Wiesenschaumkraut, an Muscheln, aus denen man Waldmeister- und Honiggeschmack lecken kann. Ich dachte daran, dass es eine Heimat geben kann, die keine ist. Oder die verloren gehen kann, für immer. Später, als ich noch viel mehr mit den Menschen dort zu tun hatte, mehr, als mir lieb war … als jeder wusste, wer ich zu sein hätte … erinnerte mich Pfingsten ausnahmslos an diese Brandnacht in meiner Stadt, in Solingen. Manchmal rieche ich noch an dem leeren Fläschchen, es riecht nach Vanille, Honig und Waldmeister. Nach meiner Freundin. Aber nicht mehr nach Heimat.

[Herzlichen Dank an mb vom Haushundhirsch-Blog, die mir diesen Text für das Heimat-Projekt zur Verfügung gestellt hat.]

Heimat (Sherry)

 

Obst und frische Kräuter

 

Mama und ich sind alleine in Deutschland. Irgendwo. Die Menschen sind fremd und reden nicht so viel mit einem wie in der Heimat. Und wenn, dann verstehen wir sie nicht. Ich bin drei Jahre alt. Ich habe Angst, weil Mama Angst hat. Wo ist Papa und wann wird er wieder bei uns sein? Papa ist stark, er kann uns beschützen. Er soll hier sein. Bitte lieber Gott. In der Heimat hörten wir Sirenen und laute Knalle, aber hier hatte ich die meiste Angst. Erst, wenn ich die Augen schließe, weint Mama, damit ich nichts merke. Ich kralle meine kleinen Hände in ihre Brust und schlafe ein. Nachts träume ich von einem Erschießungskommando, das uns die Augen verbindet und an die Wand stellt. Dann erschießen sie uns. Aber wir fallen auf eine Matratze, das tut nicht so weh. So tut das Sterben weniger weh. Cut.

 

Ich bin vier Jahre alt. Ich kritzele immer wieder alles voll. Die weißen Blätter in unserer ersten kleinen Ein-Zimmer-Wohnung sind alle voll. Mal mit dem blauen, mal mit dem schwarzen Kugelschreiber. Der Bleistift hat mich nie interessiert. Er ist so unverbindlich. Man kann ja alles wegradieren. Ich laufe zu Papa und zeige ihm, was ich gemalt habe. Er schaut mich lächelnd aber traurig an: „Schon wieder Khomeini gemalt, Dokhtaram? (pers. meine Tochter)“ – Ich schaue ihn mit großen Augen an, nehme das Blatt Papier zurück und kritzele wieder etwas drauf, damit er nicht mehr traurig guckt. Ich laufe zurück zu ihm und sage: „Unser Haus in Teheran. Da sind Oma und Opa drin.“ – Doch trotzdem bleibt sein Lächeln traurig. Cut.

 

Komm‘ Azizam (pers. mein Liebstes), Oma und Opa wollen mit Dir reden. Sie sind am Telefon und vermissen Dich.“ Ich hopse zum Telefon und sage leise „Allo?“ Oma redet überschwänglich, sie redet und redet – und ich frage mich, warum sie so schnell und so viel redet. Und sie schafft es doch nicht, ihre brechende Stimme aufzuhalten. „Azizam, wir vermissen Dich so. Wir vermissen Dich so sehr.“ – Sie weint und gibt Opa das Telefon in die Hand ohne sich zu verabschieden. Opas Azari-Akzent beim Persischsprechen ist das Schönste, was ich je gehört habe, deshalb achte ich nicht darauf, was er sagt, sondern wie er es sagt. Erst, als seine Stimme bricht, sage ich: „Bitte nicht weinen, bitte nicht weinen Opa. Ich liebe Euch doch! Bald sind wir zusammen. Papa hat das versprochen.“ Cut.

 

Ich bin fünf Jahre alt. Opa und Oma wohnen bei uns in unserer ersten Ein-Zimmer-Wohnung. Wir sind glücklich. Sie kocht – und es schmeckt wie zu Hause, denn sie hat viel von dort mitgebracht. In Deutschland schmecken das Obst und die Kräuter wie Wasser. Daran müssen wir uns gewöhnen. Wir gewöhnen uns daran, denn hier – merken wir erst langsam – sind wir sicher. Zwei Jahre später ist fast die ganze Familie in Deutschland. Es ist laut bei uns, aber dafür sind wir nie allein. Es ist alles in Ordnung. Unsere neue Wohnung hat ganze drei Zimmer, aber sie wird anfangs von fünfzehn Familienmitgliedern besetzt. Meine Hausaufgaben mache ich im Treppenhaus, weil ich dazu Ruhe brauche. Aber nichts ist schöner, als als Einzelkind mit duzenden Cousins und Cousinen aufzuwachen und einzuschlafen, die man über alles liebt und behütet wie zerbrechliches Porzellan.

 

Heute. Wir sind erwachsen und versuchen die Opfer unserer Eltern zu würdigen, indem wir lernen und studieren, arbeiten und erfolgreich sind. Wir zeigen unseren Eltern, dass ihre Entscheidung, die Heimat für immer zu verlassen und sich niemals zu Hause zu fühlen, die Richtige war. Unser Heimweh behalten wir für uns. Auch das schlechte Gewissen, das uns immer wieder überfällt, wenn wir sehen, wie schwer es jene haben, die damals nicht geflohen sind, schlucken wir mit Shoppingtouren und vielen Feierlichkeiten runter. Manchmal schmecken das Obst und die frischen Kräuter hier immer noch wie Wasser. Aber es ist seltener geworden. Und obwohl wir der deutschen Sprache mächtig sind, gibt es Tage, an denen wir die deutschen Mitbürger einfach nicht verstehen. Wir sind jetzt nicht nur dankbar, sondern kennen auch unsere Stärken, denn wir wissen, dass auch wir mit unserem Fleiß und unseren ur-eigenen Eigenschaften dieser Gesellschaft viel zu bieten haben. Beim Versuch, auf Augenhöhe zu kommunizieren, stecken wir noch immer viel ein.

 

Der Geruch der iranischen Erde fehlt mir noch immer – und noch immer vermischt er sich mit dem Schrecken der alten Bilder nach der Revolution. Aber eines Tages kehren wir zurück. Und sei es auch nur deshalb, um ein einziges Mal mitten auf der Straße mit irgendjemandem Persisch zu sprechen und mit einem erleichterten Lächeln zu erkennen, dass er uns versteht. Persisch. Die Sprache meiner Liebe und Heimatlosigkeit.

[Herzlichen Dank an Sherry, die mir diesen Beitrag für das Heimatprojekt zur Verfügung gestellt hat]

Heimat

 

Ob es einen Unterschied gibt zwischen dem Verzetteln, dem Zuviel an Projekten und der Unfähigkeit zur Konzentration und der Unterbrechung. 

Trotzdem gibt es die Notwendigkeit, nein zu sagen, und die Unfähigkeit es wirklich zu tun.

Das Heimat Projekt zum Beispiel.

Aber vielleicht läuft es einfach so mit, parallel. Und was wie Verzetteln aussieht, ist Ergänzung. Das Zusammenfügen von Teilen, die nur scheinbar nichts miteinander zu tun haben, nicht zueinander passen.

Was, wenn Heimat so ein Begriff ist? Etwas, das sich aus dem Zusammenspiel vieler, scheinbar disparater Begriffe ergibt?

Abweisung und Absorption.

Zusammengehörigkeit und Einsamkeit.

Innen und außen.

Sehnsucht und Angst.

Heimweh und Fernweh.

 

 

Vom Sinn der Erinnerung

 

In ihrem Essay „Vom Sinn, ein Notizbuch zu besitzen“, schreibt Joan Didion: „Sich daran erinnern, wie es war, ich zu sein: Darin liegt der Sinn.“

Wenn darin also der Sinn besteht, ein Notizbuch zu haben und zu führen, tut sich eine neue Frage auf: Was macht es für einen Sinn, mich zu erinnern, wie ich gewesen bin?

Dient diese Erinnerung dazu die Vergänglichkeit zu begreifen, die Verluste, das Fortschreiten, das man sich so wenig vorstellen konnte, wie es Möglichkeiten gab, es zu verhindern? Mir die Unmöglichkeit, mich selbst zu vergessen, vorzuführen?

Ich ändere mich. Meine Eitelkeit bleibt. Die Möglichkeit mir im Jetzt eine Heimat zu schaffen aber auch.*

*Diesen Gedanke verdanke (im Gedanken steckt das Wort Danke, das fällt mir jetzt beim Schreiben zum ersten Mal auf!) ich der Auseinandersetzung mit mir und dem, was mich beschäftigt, aber auch den vielen wunderbaren Kommentaren, die ich hier bekomme. 

 

Erinnerung

 

Erinnerung, mein nicht selbst gewähltes Thema. Ich wollte ja etwas über Heimat herausfinden. Was Heimat ist, wo dieser Ort liegt und wie unterschiedlich er sich anfühlen kann.

Die Hinweise, dass erinnern und Heimat nicht unbedingt zwei wirklich getrennte Dinge sein müssen, gab es schon früh. Schon bei der Lektüre von Valeria Luisellis Essays. Dieser Satz, dass es vielleicht nur zwei Orte gibt, an denen der Mensch wirklich zu Hause ist: Kindheit und Grab. Und dazwischen die Erinnerung. Die Vorstellung und die Erinnerung. Das Anglichen und Abgleichen. Rückschau.

Es gibt sehr eindringliche Geschichten über die Gefahr des Zurückblickens, Orpheus verliert Eurydike durch den Blick zurück, Lots Frau erstarrt zur Salzsäule. Die Geschichten leuchten mir ein. Ich begreife, dass sie etwas Weiterreichendes ausdrücken, dass sie etwas mit mir zu tun haben.

Was in diesen Geschichten fehlt, ist der Hinweis darauf, wie man es verhindert, wie man es schafft, diesem Impuls zu widerstehen, sich allen Warnungen zum Trotz umzudrehen, zurück zu blicken.

 

Heimat lexikalisch

 „Die Sprache wühlt im Müll, und auf den Gassen entdeckt sie (Ratte!), was wir übersehen.“ (J. Brodsky)

Heimat und die damit verbundenen Worte: heimlich, Heimsuchung, Heim… Das sind keine Worte, die Wohlbefinden versprechen, Geborgenheit, etwas, in dem man sich aufgehoben fühlen kann und darf. Woher kommt dieser Widerspruch zwischen dem, was wir von Heimat verlangen, mit Heimat verbinden, und diesen mit Heimat verwandten Worten?