IV

Vielleicht besteht Kunst im Wesentlichen in der Entscheidung auf eindeutige Antworten, auf richtig und falsch, zu verzichten.

Wenn Anne Carson davon spricht, dass die Frage ist, was die Frage ist, wenn diejenigen, die die Odysee gelesen und verstanden haben, davon sprechen, dass es sich im wesentlichen um eine Reise zu sich selbst handelt, wie überhaupt jede große Literatur sich dieser Frage stellt, auf die es keine Antwort gibt, liegt möglicherweise darin die Antwort (die wir ja trotz allem brauchen), wie gut eine das aushält, dass es keine Antworten gibt. Wie gut man das hinbekommt, das was ist, erst einmal sein zu lassen, ohne sofort nach Lösungen zu suchen.

Hörst du drei oder vier Lieder mit mir – Die Geschichte eines Scheiterns

Als ich von Asals Projekt las, und kurz darauf all die sehr gelungenen Beiträge lesen konnte, dachte ich noch, ich müsste auch etwas beisteuern können zu diesem Thema. Von diesem Konzert von Blumfeld im Forum erzählen, als sie noch so klein und unbekannt waren, dass sie in diesem Jugendzentrum in Enger gespielt haben, oder von Minimal Compact genau dort, ein großartiges Konzert vor gerade mal einer Handvoll Menschen, oder von diesem Lied, das ich noch heute gerne höre

. Als ich das hörte, war ich 17 und (wieder einmal) verliebt. Der Typ passte überhaupt nicht zu mir, und eigentlich sah er nicht einmal im Entferntesten so aus, wie die Jungs aussahen, die mir gefielen, und dementsprechend mies habe ich ihn behandelt, als mir das klar wurde. Nur hat das ja nichts mit dem Lied von The The zu tun. Ich kaufte mir die Soul Mining damals nur wegen dieses Liedes, das ich den ganzen Tag lang hören konnte, ohne es über zu bekommen, aber natürlich auch, ohne dass es mein Leben veränderte, obwohl ziemlich indirekt auch an dem Tag, als sich mein Leben wirklich änderte, Musik eine Rolle spielte. Als die Wehen einsetzten guckte ich gerade MTV. Und während ich versuche, daraus eine Geschichte zu machen, springen meine Gedanken zu dem Lied, das auf meiner Beerdigung gespielt werden soll:

Wayfaring stranger, natürlich von Johnny Cash.

Oder zu Hänschen Klein, dem Lied, mit dem sich mein zweiter Sohn nach vielen, unendlich vielen erfolglosen Versuchen mit anderen Liedern, endlich beruhigen ließ. Ein Lied, das daraufhin das Lied wurde, das ich ihm beinahe täglich vorsang, so dass ich nach und nach alle Strophe auswendig konnte, und unwillkürlich begann, mir Gedanken über die Geschichte des Liedes zu machen, so dass ein paar Jahre später diese Geschichte daraus entstand.

Zum Abschluss könnte ich noch von meiner großen Verehrung für Jack White und von „Der Leiermann“ aus der „Winterreise“ erzählen. Und mir zum Abschluss die Frage stellen, ob es für oder gegen eine Bedeutung von Musik in meinem Leben spricht, dass es mir partout nicht gelungen ist, mich auf ein oder zwei Lieder zu konzentrieren, und eine Geschichte dazu zu erzählen.

Alles hat seine Zeit – Karl Ove Knausgård

(6)

Dieser ständige Kampf zwischen dem, was ich sein will, und dem was ich bin. Unstet, ruhelos, zum Leben verdammt, wie Kain (der immer der Zweite, der minderwertige war, beim Vater, vor Gott, der sich erklärt, leidet und sich windet, ohne aus seiner Haut, seiner Rolle, seinen eigenen Grenzen zu können), der sich ablehnt und hinterfragt, während Abel von vornherein sich, sein Denken und seine Sehnsucht auf etwas, das außerhalb von ihm selbst liegt, ausrichtet.

Dieses Böse, das immer wieder aufblitzt in meinen Gedanken. Gehässig, kränkend, abwertend.

Alles, woran man glaubt, beginnt zu existieren. Andererseits kann man Dinge nur überwinden, indem man sich ihnen stellt. Sie wahrnimmt.

 

Mut zum Versagen. Das Beste geben, auch wenn man von Vornherein denkt, es wird nicht genügen. Vielleicht gelingt so eine Überwindung der Eitelkeit.

 

Was Knausgard in „Alles hat seine Zeit“ vorwegnimmt, vorbereitet, ist die Auseinandersetzung mit den „männlichen Tugenden“, mit diesem Ethos, niemals Schwäche zeigen zu dürfen, mit Stolz und Macht und Ehre.

 

(1)

Es gibt keine Eindeutigkeiten. Das Selbst muss man loslassen, um frei zu sein. Sich selbst darf man nicht aus der Hand geben, um sich nicht zu verlieren. Beides ist wahr.

Ebenso verhält es sich mit der Gleichgültigkeit. Die mir das Gefühl von Freiheit gibt, die gleichzeitig das Schlimmste ist, was passieren kann. Ein Ende der Gefühle, ein Ende der Ambivalenz.

Ebenso hier im Blog. Das Exhibitionistische immerzu von sich zu reden, wahrgenommen werden zu wollen, während doch andererseits die Notwendigkeit besteht, unbeeinflusst von außen ernsthaft zu arbeiten. Abgeschlossen und geduldig.

 

Anfangen und dranbleiben. Weil alles da ist, und es nur darum geht, dran zu kommen, zu graben und dann den Staub, den Dreck abzuklopfen, bis das, was eigentlich ist, der Kern, sichtbar wird. Das Überflüssige entfernen, ohne den Kern zu beschädigen. Darum geht es beim Schreiben.

 

Das Leben ist irgendwo da draußen, wo einem die Überheblichkeit nicht in jeder Pore steckt.

Dezember

Wie alt wir geworden sind

Denken die Tage

Grau bis weiß

Langsam und sorgfältig

Neigen sie sich dem Ende zu

Diesem Ende das nicht laut

Und bunt genug sein kann

Um zu glauben

Etwas Neues beginnt

Leise und unschuldig

 

 

 

 

 

„Ohne Autoren kein Verlag.“ SteglitzMind stellt Barbara Miklaw mit dem Mirabilis Verlag vor

Eine außergewöhnliche Frau mit einem außergewöhnlichen Verlag!

SteglitzMind

Es heißt ja, dass die Kleineren unter den Verlagen zwar oho, aber viel zu wenig bekannt sind. Wer und wo sind sie? Wie behält man die immer größer werdende Kleinverlegerszene im Blick? Was treibt junge Verleger an und um? Welche Strategien verfolgen sie, um auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen? Was packen sie anders an als die Etablierten? Wie definieren sie ihre Zielgruppe, wo finden sie ihre Nische? Welche Risiken sehen sie und wo verorten sie ihre Chancen?

Fragen, die in einer losen Gesprächsreihe mit Verlegern und Verlegerinnen aufgegriffen werden. Ich freue mich sehr, dass Barbara Miklaw, die den Mirabilis Verlag verantwortet,  heute Rede und Antwort steht.

Seit wann gibt es Ihren Verlag?

Den Mirabilis Verlag gibt es seit 2011, Verlagssitz ist Miltitz bei Meißen. Das erste Buch ist im August 2012 erschienen: „Unsere Sache“, Erzählungen von Rainer Rabowski. Pro Jahr soll es künftig etwa vier bis sechs Bücher geben…

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Namen

Wir legten uns über das Vergnügen und vergaßen die Richtung auf eine ungute Art. Sie führte uns ins Gebirge. Wir glaubten an die Heilkraft der Steine, der Luft. Manchmal hielten wir uns für Vögel und wollten zurück. Dorthin wo uns niemand kannte und jeder den anderen beim Namen nennt, so selbstverständlich als wäre sogar die Wüste benennbar.

Alter

„Alt sein heißt auch, sich selbst nicht wiederzuerkennen“. (Priya Basil)

Was für ein Satz. Der zunächst durchaus treffend zu sein scheint. Zutreffend.

Auf den ersten Blick. Und trostlos in seinem Beharren auf ein feststehendes Bild auf den zweiten Blick.

Ich erinnere mich an eine Frau, die sagte, jedes Mal wenn sie in den Spiegel sehe, wenn sie Fotos von sich, die gerade gemacht wurden, anschaue, erschrecke sie, weil ihre Vorstellung von sich im Alter von vierzig Jahren stehen geblieben sei.

Und in der Bibel steht: Du sollst Dir kein Bildnis machen. Wer sagt denn, dass das kein Gleichnis ist, auch wenn es im alten Testament steht? Wer ein Bild hat, hat einen Rahmen. Das verleiht Sicherheit, aber es bedeutet auch Beschränkung. Stillstand.

Auf Herrn Schnecks vielgeschätztem Blog fand ich kürzlich diesen Satz: Die alte Dame, die geht. Die Kirschkern, die beginnt, zu leben. 

Und ich hatte unmittelbar das Bedürfnis mich einzuordnen, zwischen diese Standpunkte und fand das „Dazwischen“.

Vielleicht ist dieser Ort eine Möglichkeit sich zugleich wiederzuerkennen und ständig neu zu erfinden. Eine versöhnlichere Definition des Alters.