Recherchen im Reich der Sinne

Während meiner Recherchen über Frauen im Surrealismus begegnet mir immer wieder der weibliche Blick, der sich grundlegend vom männlichen unterscheidet. Die Umsetzung von Ideen, Geschlechtsbildern ist direkter und auch eindimensionaler bei den männlichen Künstlern. Es scheint als fehle ihnen die Fähigkeit (oder auch nur die Bereitschaft) zur Kommunikation. Der männliche Surrealismus strebt nach einer Kommunikation mit dem Irrationalen, nicht nach Verständnis.

Beispielgebend dafür erscheinen mir die von André Breton 1928 eröffneten Recherches sur la sexualité. Diese Gespräche, die dazu dienen sollten, den weiblichen Orgasmus zu erkennen, fanden zunächst unter Ausschluss der Frauen statt. Aber auch als im achten und neunten Gespräch Frauen anwesend waren, fand kein Austausch statt. Die Frauen mussten ebenso wie die anwesenden Männer lediglich genau definierte (und von Männern formulierte) Fragen beantworten.

[Insgesamt fanden 12 Gespräche statt, die alle vollständig protokolliert wurden. siehe dazu: José Pierre (Hg.) Recherchen im Reich der Sinne. Die zwölf Gespräche der Surrealisten über Sexualität 1928 – 1932. München, 1996)

Lee Miller

Lee Miller wurde am 23. April 1907 in Poughkeepsie in New York geboren. Dort begann sie auch Malerei zu studieren und wurde als Fotomodell entdeckt. Weder die Arbeit als Modell noch die Malerei füllten Lee aus und so stand sie im Sommer 1929 mit einem Empfehlungsschreiben von Streichen in Man Rays Atelier in Paris und sagte: Ich bin Ihre neue Schülerin“. Die erfolgreichste Erfindung des Arbeits- und Liebespaares war das fototechnische Verfahren der Solarisation. Schon bald trennt sich Lee von Man Ray. Wer noch mehr über die Beziehung der beiden und über Lee Miller aus anderer Quelle erfahren möchte, sei hier auf Bersarin verwiesen, der kürzlich anläßlich der letzten documenta lesenswertes über Lee Miller schrieb.

„Ich habe den Eindruck, daß Frauen größere Erfolgschancen in der Photographie haben als Männer. Frauen sind schneller und anpassungsfähiger als Männer. Und ich glaube, sie haben eine Intuition, mit denen sie Persönlichkeiten schneller erfassen als Männer.“ (Lee Miller)

Als Fotografin spielt Lee Miller mittels ungewöhnlicher Perspektiven und Kamerawinkel mit der Realität. Alles was ihre Bilder surreal machte, fand Miller in der STadt und den Landschaften selbst, erst ihr Kamerablick machte das Gewöhnliche zu etwas Magischem.

Nach einer Affäre mit Aziz Eloui Bey, die mit dem Selbstmord dessen Ehefrau tragisch endet, flieht Miller nach New York, wo sie ein Studio eröffnet. Als Aziz zwei Jahre später in Manhattan auftaucht, löst sie das erfolgreiche Studio auf, um mit ihm nach Kairo zu gehen.

1937 kehrt sie nach Paris zurück, wo sie Roland Penrose kennen lernt. 1939 verlässt Miller Aziz endgültig und zieht zu Penrose nach London. Im Juli 1945 erschien in der Vogue die Aufnahme von Lee Miller in Hitlers Badewanne, von der bei Bersarin die Rede ist. Seit 1942 arbeitete Miller als Kriegskorrespondentin. Nach Kriegsende wurde Miller depressiv, vagabundierte durch Osteuropa, von wo sie 1946 krank nach London zurückkkehrte. Ein Jahr später wird sie schwanger und heiratet Penrose. Lee Miller stirbt am 27. Juli 1977 an Krebs. 1986 wird in London eine erste Retrospektive ihrer Bilder gezeigt.

Claude Cahun

Caude Cahun wurde am 25. Oktober 1894 als Lucy Schwob in Nantes geboren.

Während sie sich als Schriftstellerin einen Namen machte, wussten die wenigsten von ihren Fotografien. Ihre Selbstbildnisse waren für sie eine ganz private Angelegenheit, die sie nie öffentlich gezeigt hat. In jeder ihrer Fotografien benutzte sie den eigenen Körper als Projektionsfläche, um kulturelle Stereotypen, besonders die geschlechtlichen Zuschreibungen,  zu unterlaufen.

1925 erklärte sie über die Anordnung zur Zwangsschließung der homosexuell orientierten Zeitschrift Inversions: Meine Meinung über die Homosexualität und die Homosexuellen ist genau die selbe wie meine Meinung über die Heterosexualität und die Heterosexuellen; Alles hängt von den Individuen und den Umständen ab. Ich verteidige das Recht der Leute, sich zu verhalten wie sie wollen.

Claude Cahun Selbstportrait um 1929

„Männlich, weiblich? aber das kommt auf den jeweiligen Fall an. Neutrum ist das einzige Geschlecht, das mir immer entspricht, schreibt sie in ihren „Nichtigen Bekenntnissen“.

1932 tritt sie in die kommunistische Partei ein und beteiligt sich in den folgenden Jahren an den politischen Aktivitäten der Surrealisten.

Als die Nazitruppen 1940 die englische Insel Jersey besetzen, formiert sich umgehend Widerstand. Flugblätter und Plakate mit Antikriegsparolen tauchen auf, vom Kirchturm weht eine Fahne mit der Aufschrift „Jesus starb für die Menschen, doch die Menschen sterben für Hitler“. Bis die Gestapo die Urheber dingfest machen kann, vergehen vier Jahre. Im Juli 1944 werden Claude Cahun und ihre Freundin Suzsanne Malherbe verhaftet und zum Tode verurteilt. Das Todesurteil wird schließlich aufgehoben, aber während der Zeit der Inhaftierung wird in Cahuns Landgut eingebrochen und zahlreiche Manuskripte werden vernichtet.

Claude Cahun stirbt am 8. Dezember 1954 auf Jersey.

Surrealistinnen

Spätestens mit der neuen Beschäftigung mit Elisabeth Masé ist mir nochmals deutlich geworden, wie faszinierend ich surrealistische Bilder finde. Vielleicht auch, weil in keiner mir bekannten anderen Richtung Malerei und Literatur ein so enges Bündnis eingegangen sind.

Während die surrealistischen Maler sehr bekannt sind, weiß man jedoch allgemein wenig über die surrealistischen Künsterlinen, die ebenfalls eine wichtige Rolle gespielt haben.

Der Surrealismus war eine männliche Domäne. Frauen hatten bestenfalls als Geliebte und Muse Zutritt zu diesem Zirkel, der sie naturgemäß besonders ansprach. Nicht der Männer, sondern der Thematik wegen.

Eine Thematik, die sich vielleicht am besten in einem Zitat von Lautréamont zusammenfassen lässt, das längst zum geflügelten Wort innerhalb surrealistischer Kreise geworden ist:

„wie die Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“ (Lautréamont, die Gesänge des Maldoror, 6. Gesang)

Die Zwänge der Logik, der Kontrolle, des Folgerichtigen sind hier außer Kraft gesetzt. Die Vorherrschaft des Intellektes über das Unbewusste gilt nicht länger.

Man Ray war der erste, der die Quintesenz, die die Surrealisten aus Lautréamonts Schriften zogen, in ein Bild übersetzte, mit The Enigma of Isidore Ducase (dem bürgerlichen Namen Lautréamonts)

 

Frauen spielten als Musen, als Bild für Schönheit, als Geliebte und als Sinnbild für das Geheimnisvolle der Natur eine Rolle, aber immer unter Beibehaltung der männlichen Dominanz. Das Weibliche spielte eine große Rolle im Surrealismus, die Frau selbst jedoch nicht.

Spiele waren von zentraler Bedeutung für die Surrealisten. Eines der beliebtesten (und vermutlich auch bekanntesten) Spiele stammte von Yves Tanguy und nannte sich „Cadavre exquis“, die köstliche Leiche. Gemeinsam wurde eine Figur gezeichnet, wobei der Nachfolger nicht sehen konnte, was sein Vorgänger gezeichnet hatte, das das Blatt an dieser Stelle gefaltet wurde.

Die Surrealistinen spielten die Spiele der Männer eine Zeit lang mit, indem sie sich als Traumfiguren und Fantasiegeschöpfe malten. Dann jedoch emanzipierten sie sich von den männlichen Vorgaben.

Fortschritt

Sie dachte zu viel, zu vorsichtig (nicht nachsichtig, das wäre gut gewesen), zu ängstlich und auf eine Art misstrauisch, die niemandem zu Gute kam, nur gegen sie selbst arbeitete.

Sie dachte an einen kleinen Mann in ausgefallenen Kleidern, der an einer Straßenkreuzung stand, den Schirm aufgespannt, weil beharrlich Enttäuschungen auf ihn herab regneten. Alle anderen, dachte der Mann, bleiben trocken und er weinte nur deshalb nicht, weil er ein Mann war und sich Tränen für Männer nicht gehören.

Ein anderes Mal (er stand immer noch an dieser Ampel), dachte der kleine Mann über die Wissenschaften nach. Über Kopernikus und Keppler, über das Mechanische der Welt und dass diese Mechanik auch mit Elektrizität nicht zu durchbrechen sei. An den kleinen Gauß dachte er, und an die mathematischen Gesetze, an all das Wissen und dann fragte er sich, wem es nützt. Die einen würden antworten: der Aufklärung, die andere: der Aufrechterhaltung der Zustände und wieder andere würden sagen, dass in der Wissenschaft und ihren Erkenntnissen der Fortschritt liegt und das glaubte der kleine Mann auch. Nur manchmal fürchtet er eine Antwort darauf zu finden, wovon wir beständig fortschreiten.