Blau

Wir müssen jetzt alle kürzer treten und sparen
Uns überlegen mit wem wir etwas anfangen
Und wohin das führt
Vorsichtig lesen damit wir nicht allzu viel von allem verstehen
Und noch Raum bleibt
Für die Vorstellung
Die Vorstellung von der Nachstellung z.B.
Überhaupt sollten wir nicht alles so ernst nehmen
Sagen was wir niemals sagen wollten
Weil es so schön klingt
Im Traum wieder einmal den Schlüssel verlieren
Und der Tag liegt verschlossen vor uns
Und der Himmel ist wieder einmal zu blau
Um die Augen zu schliessen

April

Notizzettel meine gelbe Jacke
Und auf der Lehne vom Stuhl ein Stück Papier
Brotkrümel und Honigflecken
Vor dem Fenster lauert der Tag und will rein
Auf der Straße die Kinder mit ihren Rädern
Klingeln und singen und fallen hin
Sind wir denn auch jemals so verletzlich gewesen
Und unser Leben so voll
Ohne fragwürdige Antworten
Dafür jedes Wort immer wieder ganz neu
Und von weitem ein Aprilgewitter
Aber am Horizont zieht schon ein Regenbogen auf
Und geht wie die Zeit
Darüber hinweg

Und wenn sie nicht gestorben sind

Und wenn sie nicht gestorben sind

Dann leben sie noch heute

Das ist eine Drohung

Kein es war einmal

Kein Trost

Nur

Dieses Weiterleben

Immer weiter

Als wäre dahinter irgendetwas

Etwas besseres als der Tod

Aber das war ein anderes Märchen

In dem vier ausrangierte Kreaturen

Meinten mit Musik ließe sich was aufziehen

Und unterwegs könnte man etwas besseres finden

Als den Tod

Der sich nicht einmal die Mühe macht

Sich zu verstecken

Wenn man alt ist

Ist es besonders schlimm

So viel es war einmal

Und so viel dann leben sie noch heute

All die Märchen dazwischen

Sind längst Legenden

Geschichten die keiner mehr glaubt

Bis auf die eine

Und wenn sie nicht gestorben sind…

 

[aus: Bis der Schnee Gewicht hat]

Fliessen

Ich verlerne zu sprechen. Aber ich beobachte. Ich sehe:

 

Auf diesem Bild: der Rücken noch gesund, die Haare lang, schwarz, aber hinter der Stirn schon der Kummer um all die gerade noch Lebendigen. Das Auswachsen der Kindheit, in einem langen stetigen Fluss des für immer Unbegreifbaren.

 

Wir schlagen Brücken, oder wir brechen ab. Einige von uns ertrinken: In ihrem Gewissen. In ihrem Überfluss. In ihrer unerwiderten Liebe.

 

Die Zeit heilt Wunden, indem sie neue reißt.

 

Ein Mann (4)

Ein Mann

Es gibt einen Mann

Ich traf ihn im Wald.

Er hatte Hunger.

 

Du hast schöne Augen

sagte er.

Er meinte sein Spiegelbild.

Ich gab ihm mein Pausenbrot.

 

Lass uns Blumen pflücken

sagte er.

Ich fragte

Aber du bist nicht zufällig der böse Wolf?

Er lachte.

Das bildest du dir doch bloß ein

sagte er.

Das hier ist kein Wald

das ist der finnische Bahnhof.

Siehst du nicht Lenins Denkmal?

Aber ich sah nichts.

Nur einen Mann

der Hunger hatte.

Jesse Thoor

Ulrike Almut Sandig hatte auf der Veranstaltung in Detmold, von der ich unlängst berichtet habe: , als eines ihrer liebsten Gedichte „In einem Haus“  von Jesse Thoor gewählt. Ein scheinbar kindlich naives Gedicht. Vor allem aber ein Gedicht von überwältigender Schönheit. Ein wenig so wie die Bilder von Karin Kneffel, die eine große Schönheit zeigen, sich darin aber nicht erschöpfen. Außerdem gibt es noch diesen doppelten Boden, eine Verunsicherung, die Erinnerung daran, dass wohl nichts auf dieser Welt so ist, wie es auf den ersten Blick erscheint. Das das Sichtbare nur ein schwacher Abglanz von dem ist, was sich unter der Oberfläche verbirgt.

Thoors Gedichte sind Lieder einer Sprache, die sich nur der Worte bedient, die übrig bleiben, wenn einer so verzweifelt nach der Wahrheit sucht, dass es ihm gelingt, sämtliche Selbstliebe zu überwinden.

Glauben

Es gibt eine Art, sagt der Großvater, zu trinken, wie es sich gehört.

Es gibt, schreibt Jesse Thoor, die Berge der Verwunderung.

Und wer auf der Spitze steht, meint alles im Blick zu haben,

aber sieht den kleinen blonden Jungen nicht, der am Fuß des Massivs steht

und beklommene Blicke nach oben schickt. Wie soll man denn an sich glauben,

so unsichtbar? Und wie soll man auch nur einen Schritt gehen,

ohne den Glauben?