Poetische Quellen – Uwe Kolbe

Uwe Kolbe hätte ich fast verpasst. Zu spät losgefahren, weil die Mannschaft der Kinder endlich einmal in Führung lag und ich das Gefühl hatte M. schießt auch noch ein Tor. Was er auch tat. So kam ich erst mitten in der Lesung von Kolbe an, an den Schuhe noch blaue Flecken vom Spielfelddünger.

Das, was Kolbe liest, nimmt mich nicht wirklich gefangen, vielleicht weil ich das Buch nicht kenne und nicht einmal die immer klugen Einführungsworte von Jürgen Keimer mitbekommen habe.

Im Gespräch danach aber schnell die schöne Erfahrung, wie eine Quelle angestoßen wird, wie durch eine richtige Frage, alles zum Heraussprudeln gebracht wird.

Kolbe sagt von seinem Buch „Die Lüge“, es sei eine Collage aus historischen Begebenheiten und eigenen Erlebnisse und natürlich nicht zuletzt auch eine Hommage an Franz Fühmann.

Im Gespräch mit Keimer merkt man sehr deutlich, dass Kolbe wirklich etwas will mit diesem Buch, ihm ist wichtig, eine Botschaft zu übermitteln, er wünscht sich, dass Buch möge vielen aufstoßen, die sich in dieser unaufrichtigen Welt eingerichtet hatten. Er will reden, ausführen, erklären, vermitteln. Häufig spricht er vom Spaß, den er beim Schreiben gehabt habe und man merkt, dass er den Rat seines Mentors Fühmann befolgt, der ihm einst gesagt hat: „Schreib nur, was du wirklich schreiben musst.“

 

 

Poetische Quellen John Burnside und Michael Krüger in der Auferstehungskirche in Bad Oeynhausen

Vier Männer zwischen zwei riesigen Kerzen. Den Gekreuzigten im Rücken.

Eine Kirche ist vermutlich nicht der schlechteste Ort, um über das Licht zu sprechen. Vom „inneren Licht“ das von den Gedichten John Burnsides ausgeht z.B. Das dazu geführt hat, dass Michael Krüger den Dichter Burnside sofort erkannt hat, durch seine Gedichte und ihn verlegt hat, im Hanser Verlag, dessen Leiter er noch bis vor kurzem gewesen ist. Später am Abend wird Krüger sich ereifern, dass die reichen (sic) Verlage sich so ablehnend Gedichten gegenüber verhalten, dass Übersetzungen aus den europäischen Nachbarländern viel zu wenig gefördert werden und, vielleicht um diesen Verlagen Mut zu machen, hinzufügen, dass Burnsides Gedichtband „Versuch über das Licht“ bereits in der dritten Auflage vorliegt.

Eigentlich erstaunlich, dass Krüger und Burnside miteinander korrespondieren, denke ich, nachdem ich gehört habe, wie unterschiedlich ihre Herangehensweise an Gedichte ist. An das Schreiben der Gedichte und vielleicht auch an den Glauben, was ein Gedicht ist und kann. Woher es kommt.

Während Burnside vom Reptilienhirn spricht, von prähistorischem Urschleim, aus Ursprungsort des Gedichtes und das Entstehen eines Gedichtes mit einem Unterwasserschwimmer illustriert, der nur selten und kurz auftaucht, um Luft zu holen, definiert Krüger das Gedicht als die letzte Form, die auf Vollkommenheit aus ist. „Jeder von uns ist eine kleine Familie“, zitiert Krüger Novalis, um für sein Verständnis vom Gedicht, den Schluss zu ziehen, dass der Dichter die Entscheidung für eines der Familienmitglieder trifft, um diesen dann zur Vollendung zu verhelfen. (ein gänzlich anderer Ansatz also, als Fernando Pessoa, der ja bekanntlich schrieb:

“Ich bin eine Anthologie.

Schreib in solcher Vielfalt,

Daß niemand, sei der Gedichte Wert

Groß oder gering, sagen wird,

Daß als Dichter ich nur einer bin.

So muß es sein – jedermann
Kann einer sein, weil er einer ist.
Ein Dichter muß mehr
Als einer sein, um einer sein zu können.“

Krüger las Burnsides Gedichte in der deutschen Übersetzung von Ian Galbraith, anschließend las Burnside seine Gedichte selbst im Original, zwei Versionen eines Gedichtes, die mindestens ebenso viel mit der unterschiedlichen Auffassung vom Gedicht zu tun hatten, wie mit der Sprache.

Burnside, der momentan ein Jahr lang in Berlin lebt, empfindet ohnehin eine große sprachliche Nähe zwischen dem schottischen Dialekt, mit dem er aufgewachsen ist, und dem Deutschen.

An dieser Stelle muss unbedingt Bernhard Robben erwähnt werden, der das Gespräch zwischen Jürgen Keimer und John Burnside dolmetschte, und von dem Burnside selbst sagt: „The writer´s life offers many disappointments [ask Samuel Beckett], a few real pleasures and one or two distinct privileges. Chief among the latter, for me, ist being translated by Bernard Robben, whose wisdom, integrity and astonishing linguistic gifts have rendered my work into a sublime German that all too frequently has readers queuing up, not to ask the usual questions, [where do you get your ideas? What is your next project?] but to demand, Who ist your translator? – a question that, ninety-nine times out of a hundred is followed by the rhetorical: I hope you realise how good he is! I do – and I am forever grateful, blessed and, yes, privileged to count him as both a friend and a colleague.”

Später las Krüger auch aus seinem eigenen Gedichtband „Umstellung der Zeit“, und wieder wird deutlich, wie unterschiedlich die beiden Männer die Welt und vielleicht nicht die Rolle, aber die Herkunft des Gedichtes in dieser sehen.

Burnsides Gedichte sind ganz erdnah, beschreiben Momente der Epiphanie in oberflächlich alltäglich erscheinenden Situationen, während Krügers Gedichte immer einige Meter über dem Boden schweben und dem Kopf sehr viel näher sind, als dem Unterwasserschwimmer.

 

 

Saša Stanišić (und Tilman Rammstedt) in Bielefeld

 

Zu seiner ausverkauften Lesung in Bielefeld hatte Sasa Stanisic Tilmann Rammstedt mitgebracht. Oder jedenfalls seine Kommentare zu und Ratschläge bezüglich Bielefeld. So schützte eine von Rammstedts SMS Stanisic davor im „bösen“ (Rammstedt) Knigge einzukehren, und stattdessen zu beobachten, wie ein Mann mitgebrachte Trauben schälte und in sein Weinglas gab. Oder kurz, wie das eben so ist, wenn ein Nichtort zeitweise der Standort ist.

Wie dem auch sei, Stanisic hat diesen Ort jedenfalls einen Abend lang bereichert. Denn seine Lesung war eine von den Lesungen, die ein echter Zugewinn sind. Das lag nicht nur an seinem sehr professionellen Vortrag, bei dem er mit seinen Gesten die eigenen Worte dirigierte, sondern ganz besonders an der Art und Weise, wie er nach der Lesung auf die Fragen einging.

Natürlich wurde er nach seinem ersten Buch „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ gefragt, und wie es denn komme, dass dieses Buch „Vor dem Fest“ so anders sei, in Deutschland spiele und auch gar nichts mehr mit dem Krieg, mit Flucht und Vertreibung, nicht einmal mit der verlorenen Heimat zu tun habe.

Sein erstes Buch, erzählt Stanisic daraufhin, habe er aus einem inneren Archiv geschöpft, die Geschichten erzählt und aufgeschrieben, die sich in seine Träume schlichen und die Tage bedrückten. Schon nachdem das Buch beendet war, habe er ein ganz anderes Buch schreiben wollen, aus einer beobachtenden Perspektive. Und dann war da noch das Thema des Verschwindens. Vor vier Jahren habe er ein kleines Dorf in Bosnien besucht, in dem nur noch dreizehn Menschen lebten, und das einen engen Bezug zu seiner eigenen Familiengeschichte hat. Dieses verschwindende bosnische Dorf wurde das Vorbild für ein Dorf in Deutschland, das Stanisic mit Worten erschaffen und dennoch in der Realität verorten wollte. Auf diese Weise ist Fürstenfelde entstanden, ein Dorf mit einer ganz eigenen Mythologie, zusammengestellt aus alten Archiven der Uckermark und Geschichten aus Bosnien, ein Dorf, das eine Brücke zwischen den Nationen baut, weil es seine Wurzeln in zwei unterschiedlichen Kulturkreisen hat.

Stanisic jedenfalls ist wie seine Bücher: sprachgewaltig, humorvoll und liebenswert.

 

 

Tzveta Sofronieva – Gefangen im Licht

 

Das erste, was ich von ihr gelesen habe, war 2009 „Korrespondenz mit Kappus“ in der Manuskripte. Das genügte. Da war eine Stimme, die sich nicht im Rhythmus erschöpfte, sondern etwas zu sagen hatte. Etwas, das ich ganz sicher nicht verstand (schließlich habe ich mein Land und meine Sprache nie verlassen), was mich aber nicht nur neugierig machte, sondern regelrecht ergriff.

 

 

Wenig später hatte ich „Gefangen im Licht“ von Tzveta Sofronieva in der Hand, den ersten Gedichtband in bulgarischer und deutscher Sprache.

 

Listen carefully to her. She has something to say“, wird Joseph Brodsky auf dem Buchrücken zitiert. Seine Masterclass besuchte Sofronieva 1992.

 

 

Die Gedichte aus denen „Gefangen im Licht“ besteht, sind traurige Gedichte, die von der Sprachlosigkeit erzählen, von der „Gefangenschaft im Licht“, wenn ein Ich seinen Platz in der fremden Sprache nicht findet, wenn eine allein bleibt, mit ihrer Sprache:

 

 

„wir sind allein meine Sprache und ich und wir sind gefangen im Licht

 

ich wollte du könntest verstehen wie sehr ich ihre Freiheit vermisse

 

nach der Dunkelheit der Tiefen dürstet den Ertrinkenden.“ (Gefangen im Licht)

 

 

In ihrer Laudatio auf Tzveta Sofronieva anlässlich des Chamisso Preises, schreibt Ilma Rakusa, dass Tzveta Sofronieva sich inzwischen wohl fühle in den „Schatten von Wörtern“, dass sie den Sprachverlust, der der Zweisprachigkeit vorausgeht, als Möglichkeit der Freiheit empfindet.

 

 

Seit 1992 lebt Sofronieva, die 1963 in Sofia geboren wurde, als freie Autorin und Auslandskorrespondentin in Berlin, d.h. Zwischen den Welten und Sprachen, in einer Heimatlosigkeit zwischen dem Licht der neuen „Heimat“ und dem dunkel der Erinnerung und der Erwartung.

 

Wir erwarten, daß der Mensch aus der Erinnerung kommt“, heißt es in dem Gedicht „Unbewußt“.

 

 

In Sofronievas Gedichten geht es um Farben und Städte, um Erinnerungen und darum, was das „Ich“ ausmacht, aber unter all diesen Themen liegt die Frage danach, wie der Wechsel von einer Sprache in die andere, von einem Land in das nächste, Identität beeinflussen.

 

Dieses vorsichtige Herantasten an mögliche (vorläufige) Antworten, ist, was den besonderen Reiz von Sofronievas Gedichten für mich ausmacht. Ihre Gedichte werfen Fragen auf, Fragen wie diese:

 

 

„Ist Erinnerung das Altern von Zeit?“ („Zwischen)

 

 

Ihre Gedichte bestehen aus Zweifeln und strahlen diese Lebendigkeit aus, die sich schmerzhaft aber wach zwischen den Schnittpunkten bewegt, den Schnittpunkten zwischen den Generationen:

 

 

„Aber mein Kind schläft schon jetzt spät ein

 

zu wandern bestimmt zwischen den Welten

 

seiner Großmutter, seiner Mutter und seiner eigenen.“ (Schnittpunkte)

 

 

Nie, wirklich niemals zuvor, ist mir aufgefallen, was für ein schmerzhaftes Wort das ist; Schnittpunkt, nie habe ich den Schnitt so deutlich darin gehört. Die eigene Sprache neu erfahren und hören zu können, das verdanke ich dem Gedichtband „Gefangen im Licht“, und nicht nur das.

 

 

Terminologie

 

für Dolores wegen der Philosophie des Feminismus,

 

der nicht die Frauenbewegung meint, sondern

 

die Existenzberechtigung verschiedener Standpunkte

 

 

Wir erschaffen eine Killer-Zelle. Sie verbindet sich mit einem Peptid.Wir sind ganz in vitro eingepflanzt. Wirkt. Der Tumor wird kleiner. Wird dünnerStück um Stück. Stirbt. Wir haben eine Millionen Krankheitenbezwungen, die uns vernichten. Ein neuer Sieg im Krieg der Mikroben und Viren mit uns. Dem Krieg der Maschinen und Computer mit uns. Dem Krieg, den uns die Cyborgs erklärt haben. Egal, ob es die Götter des Meeres und der Jagd, Zauberwinde, Löwen und Tiger sind – immer Krieg. Wirklichkeiterschaffen den nächsten Mörder in der Reihe – Stein, Bogen, Schießpulver, Gift, Elektroschock, Zelle. Mörder von Tumoren. Dieses Mal Tumore. Damit wir überleben, die wir uns getötet haben durch das Ausdenken von Mördern.

 

 

Ich fragte die Immunologin, wie sie sich nach der Erfindung des Killers fühlt. Sie ist stolz. Meldet ein Patent an und verkauft es an eine pharmazeutische Firma. Mein Immungsystem hofft, nicht irgendwann an dem Krieg zwischenräumeeinem Tumor und seinem Killer teilnehmen zu müssen. Ich frage, gibt es keine nichtmilitärischen Begriffe im Leben. Haben wir keine anderen Worte im Wortschatz aller irdischen Sprachen, und werden alle Laute nur von männlichen Zähnen ausgesprochen? Auf dem Boden des Labors bewegt sich eine Krebsspinne. Kein Tumor. Ich würde ungern töten.“

 

 

Tzveta Sofronieva – Gefangen im Licht – Lyrik. Ins Deutsche übertragen von Gabi Tiemann. Biblion Verlag Marburg an der Lahn 1999.

 

Das eigenartige Haus

Jedes Buch ist ein Raum. Und ein Buch über ein eigenartiges Haus, mit Bildern und Texten, die miteinander korrespondieren, sich vorantreiben und ergänzen, ist eben nicht nur ein Raum, sondern ein Haus, mit Etagen, die schrumpfen und Räumen, die sich ausdehnen oder zusammenziehen. Ein Haus, in dem Umzüge stattfinden, bei denen niemand auszieht.

Eigenartig ist das Haus im besten Sinne des Wortes. Es entfaltet seine eigene Kunst, sei es im Schrumpfen, sei es in Iwans vorurteilsfreiem Blick, ein lebendiges Haus, das auf die Gefühle seiner Bewohner reagiert: „Je weniger sich die Leute in einer Wohnung mögen, um so größer wird sie.“

Dieses Buch lebt von Beziehungen und Perspektivwechseln.

Ein Haus, das es ohne seine Beobachter nicht geben würde, die Beobachter, die es ohne Iwan nicht geben würde, und das ganze eigenartige Haus, das es ohne Sudabeh Mohafez und Rittiner & Gomez nicht geben würde.