Ilse Aichinger

„Wenn ich jetzt ehrlich sein wollte, müßte ich stumm sein. Daß wir sind, auch abgesehen von uns selbst. Daß alles was wir dazutun mit der Zeit lächerlich wird, wenn es nicht die Ergebung in das ist, woran wir nichts können.

Das ist vielleicht das härteste Gebot der Bibel: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder.“

(Ilse Aichinger)

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Anne Carson, Wasser

Wasser in seinen unterschiedlichen Aggregatzuständen, und die Frage, ob es diese Aggregatzustände beim Menschen auch gibt.

Ein Stamm, eine Volksgruppe, die ihre Anlagen aus bislang nicht nachvollziehbaren Gründen, verbrannten, immer wieder, mit einer gewissen Regelmäßigkeit, wird – aus genau diesen Gründen – für religiös gehalten, schreibt Carson, und ich kann nicht umhin das auch, gerade im aktuellen Kontext, als zutiefst sarkastischen Kommentar zum Zeitgeschehen, oder vielmehr zur „Anthropologie“ zu lesen.

 

Anthropologie des Wassers wäre demnach auch so etwas wie der Versuch herauszufinden, was Wasser und Mensch gemeinsam haben, wo der Mensch wie Wasser ist, und wo das Wasser menschlich erscheint. Wiederum wie in diesem Satz über die Hoffnung der Pilger.

Was erhofft sich das Wasser?

Weiterhin frei von jeder Hoffnung zu sein?

Carson, Aufklärung

Ich komme nicht los von Anne Carson. Davon mir Gedanken zu machen, über Ihre Sätze.

Wie ist das zu verstehen, das ständig wiederholte „Aufklärung bringt nichts“ in der Anthropologie des Wassers, und das absolute Wagnis, ein die Grenzen des Ichs überschreitendes Wissen zu erlangen in Decreation?

Ich weiß, dass es kein Widerspruch ist, vielmehr zwei Möglichkeiten, Erfahrungen zu machen, die Wahrheit zu umkreisen, wobei Aufklärung vermutlich in zu engen (fremdbestimmten) Grenzen bleibt, und deswegen „nichts bringt“, keine wirkliche Belichtung, nur ein Licht, das sofort absorbiert wird von einem Boden, der aus Konventionen besteht, aus Selbstverständlichkeiten, die besser nicht hinterfragt werden. Insofern wäre Anthropologie das Gegenteil von Aufklärung? Eine andere Art, zu fragen, vielleicht sogar ohne Schlüsse zu ziehen, so etwas wie der von der Hoffnung der Pilger getragene Weg:

„Seit uralten Zeiten pilgern die Menschen von Ort zu Ort in dem festen Glauben, dass eine Frage aufbrechen kann in eine Antwort wie Wasser in Durst.“

 

Form

In Anthropologie des Wasser betrachtet Carson Buße als Form.

Was ist eine Form?

„Aber Tatsachen“, schreibt sie, „nach denen wir auf Fotos oder in historischen Berichten fahnden, formen sich mal so, mal so.“

 

Ich weiß nicht, ob man wirklich abschließen kann mit den Dingen, sie so hinter sich lassen, dass sie eine Teil von einem selbst werden, so selbstverständlich wie die Lungen, die sich mit Atem voll saugen und ihn wieder ausstoßen.

Abschließen beschwört ja das Bild einer Tür hervor, die sorgsam verschlossen wurde. Aber hinter dieser Tür ist ein Raum voll mit dem, was ausgeschlossen wurde.

Marguerite Duras

Wenn es das überhaupt gibt: ein Zentrum der Geschichte, dann ist es das Meer. Das Meer, aus dem wir hervorgegangen sind. Wassergeister. Undinen. Sirenen. Das uns ausgestoßen und an Land gespuckt hat.

Nach dem wir uns beständig (zurück) sehnen: Die Brandung, die Möwen, der Geruch.

Was um ein derartig (leeres) Zentrum herum entsteht, ist ein Fließen der Unmöglichkeiten, und wie sie sich manchmal aufheben für Momente. Begrifflos und leicht wie der Wind. Leicht und gewaltig. Nicht fassbar. Wie sie. Ihre Sprache. Ihr Gesicht. Bevor es zerstört ist. Bevor sie sagen kann: Ich habe ein zerstörtes Gesicht. Und das ist keine Behauptung.

Sondern das Zentrum der Geschichte.

Und die Zerstörung, das ist die Schönheit. Die Einzigartigkeit. Ein grausamer Zug, der die Gegensätze weder auslöscht noch vereinigt, sie vielleicht nicht einmal erträglich macht, ihnen nur die Klarheit, die Aufrichtigkeit einer kompromisslosen Beschreibung entgegensetzt.

Aufrichtigkeit als einziges Zentrum der Geschichte.

Wer könnte aufrichtiger sein als das Meer?

Oder ein zerstörtes Gesicht?

 

 

Poetische Quellen – Uwe Kolbe

Uwe Kolbe hätte ich fast verpasst. Zu spät losgefahren, weil die Mannschaft der Kinder endlich einmal in Führung lag und ich das Gefühl hatte M. schießt auch noch ein Tor. Was er auch tat. So kam ich erst mitten in der Lesung von Kolbe an, an den Schuhe noch blaue Flecken vom Spielfelddünger.

Das, was Kolbe liest, nimmt mich nicht wirklich gefangen, vielleicht weil ich das Buch nicht kenne und nicht einmal die immer klugen Einführungsworte von Jürgen Keimer mitbekommen habe.

Im Gespräch danach aber schnell die schöne Erfahrung, wie eine Quelle angestoßen wird, wie durch eine richtige Frage, alles zum Heraussprudeln gebracht wird.

Kolbe sagt von seinem Buch „Die Lüge“, es sei eine Collage aus historischen Begebenheiten und eigenen Erlebnisse und natürlich nicht zuletzt auch eine Hommage an Franz Fühmann.

Im Gespräch mit Keimer merkt man sehr deutlich, dass Kolbe wirklich etwas will mit diesem Buch, ihm ist wichtig, eine Botschaft zu übermitteln, er wünscht sich, dass Buch möge vielen aufstoßen, die sich in dieser unaufrichtigen Welt eingerichtet hatten. Er will reden, ausführen, erklären, vermitteln. Häufig spricht er vom Spaß, den er beim Schreiben gehabt habe und man merkt, dass er den Rat seines Mentors Fühmann befolgt, der ihm einst gesagt hat: „Schreib nur, was du wirklich schreiben musst.“

 

 

Poetische Quellen John Burnside und Michael Krüger in der Auferstehungskirche in Bad Oeynhausen

Vier Männer zwischen zwei riesigen Kerzen. Den Gekreuzigten im Rücken.

Eine Kirche ist vermutlich nicht der schlechteste Ort, um über das Licht zu sprechen. Vom „inneren Licht“ das von den Gedichten John Burnsides ausgeht z.B. Das dazu geführt hat, dass Michael Krüger den Dichter Burnside sofort erkannt hat, durch seine Gedichte und ihn verlegt hat, im Hanser Verlag, dessen Leiter er noch bis vor kurzem gewesen ist. Später am Abend wird Krüger sich ereifern, dass die reichen (sic) Verlage sich so ablehnend Gedichten gegenüber verhalten, dass Übersetzungen aus den europäischen Nachbarländern viel zu wenig gefördert werden und, vielleicht um diesen Verlagen Mut zu machen, hinzufügen, dass Burnsides Gedichtband „Versuch über das Licht“ bereits in der dritten Auflage vorliegt.

Eigentlich erstaunlich, dass Krüger und Burnside miteinander korrespondieren, denke ich, nachdem ich gehört habe, wie unterschiedlich ihre Herangehensweise an Gedichte ist. An das Schreiben der Gedichte und vielleicht auch an den Glauben, was ein Gedicht ist und kann. Woher es kommt.

Während Burnside vom Reptilienhirn spricht, von prähistorischem Urschleim, aus Ursprungsort des Gedichtes und das Entstehen eines Gedichtes mit einem Unterwasserschwimmer illustriert, der nur selten und kurz auftaucht, um Luft zu holen, definiert Krüger das Gedicht als die letzte Form, die auf Vollkommenheit aus ist. „Jeder von uns ist eine kleine Familie“, zitiert Krüger Novalis, um für sein Verständnis vom Gedicht, den Schluss zu ziehen, dass der Dichter die Entscheidung für eines der Familienmitglieder trifft, um diesen dann zur Vollendung zu verhelfen. (ein gänzlich anderer Ansatz also, als Fernando Pessoa, der ja bekanntlich schrieb:

“Ich bin eine Anthologie.

Schreib in solcher Vielfalt,

Daß niemand, sei der Gedichte Wert

Groß oder gering, sagen wird,

Daß als Dichter ich nur einer bin.

So muß es sein – jedermann
Kann einer sein, weil er einer ist.
Ein Dichter muß mehr
Als einer sein, um einer sein zu können.“

Krüger las Burnsides Gedichte in der deutschen Übersetzung von Ian Galbraith, anschließend las Burnside seine Gedichte selbst im Original, zwei Versionen eines Gedichtes, die mindestens ebenso viel mit der unterschiedlichen Auffassung vom Gedicht zu tun hatten, wie mit der Sprache.

Burnside, der momentan ein Jahr lang in Berlin lebt, empfindet ohnehin eine große sprachliche Nähe zwischen dem schottischen Dialekt, mit dem er aufgewachsen ist, und dem Deutschen.

An dieser Stelle muss unbedingt Bernhard Robben erwähnt werden, der das Gespräch zwischen Jürgen Keimer und John Burnside dolmetschte, und von dem Burnside selbst sagt: „The writer´s life offers many disappointments [ask Samuel Beckett], a few real pleasures and one or two distinct privileges. Chief among the latter, for me, ist being translated by Bernard Robben, whose wisdom, integrity and astonishing linguistic gifts have rendered my work into a sublime German that all too frequently has readers queuing up, not to ask the usual questions, [where do you get your ideas? What is your next project?] but to demand, Who ist your translator? – a question that, ninety-nine times out of a hundred is followed by the rhetorical: I hope you realise how good he is! I do – and I am forever grateful, blessed and, yes, privileged to count him as both a friend and a colleague.”

Später las Krüger auch aus seinem eigenen Gedichtband „Umstellung der Zeit“, und wieder wird deutlich, wie unterschiedlich die beiden Männer die Welt und vielleicht nicht die Rolle, aber die Herkunft des Gedichtes in dieser sehen.

Burnsides Gedichte sind ganz erdnah, beschreiben Momente der Epiphanie in oberflächlich alltäglich erscheinenden Situationen, während Krügers Gedichte immer einige Meter über dem Boden schweben und dem Kopf sehr viel näher sind, als dem Unterwasserschwimmer.