Ilse Aichinger

Ein jeder bewohnt mehrere Zimmer in einem geräumigen Haus, versteckt seine einfältigen Gedanken und sucht nach wie vor Trost bei den Bäumen.

Eine aber entscheidet sich für die Küche der Großmutter, wo sie Worte solange verwirft, bis nur noch das Notwendigste auf dem Papier steht.

Die Not und wie sie jeden Tag verwandelt. Die Hingabe, die die Eitelkeit besiegt.

Sie spricht so klar, dass es vielen wie ein Rätsel erscheint. Ihr Verschwinden birgt die größte Präsenz.

Ellis Island

Unframed - Ellis Island by JR
Unframed – Ellis Island by JR 

„mein feld ist die welt.“ was unter nägeln brennt. nämlich kein

dreck, nur eine unze von dem fleck, dem man entsprungen. nicht

auf der rosenseite. meine unruh, meine krume. der nächste in

der reihe: zwei wochen blut im schuh. das einzige paar, und hat

ihn übers wasser getragen. zeigt her, zeigt her, sehet den wach-

männern zu. „poor physique is not a diagnosis.“ poorness is. uns

geläufig. die neue welt bestellen darf allein, wer zahlen kann. mit

den zehen voran.

[Uljana Wolf: Falsche Freunde]

Ilse Aichinger

„Wenn ich jetzt ehrlich sein wollte, müßte ich stumm sein. Daß wir sind, auch abgesehen von uns selbst. Daß alles was wir dazutun mit der Zeit lächerlich wird, wenn es nicht die Ergebung in das ist, woran wir nichts können.

Das ist vielleicht das härteste Gebot der Bibel: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder.“

(Ilse Aichinger)

Anne Carson, Wasser

Wasser in seinen unterschiedlichen Aggregatzuständen, und die Frage, ob es diese Aggregatzustände beim Menschen auch gibt.

Ein Stamm, eine Volksgruppe, die ihre Anlagen aus bislang nicht nachvollziehbaren Gründen, verbrannten, immer wieder, mit einer gewissen Regelmäßigkeit, wird – aus genau diesen Gründen – für religiös gehalten, schreibt Carson, und ich kann nicht umhin das auch, gerade im aktuellen Kontext, als zutiefst sarkastischen Kommentar zum Zeitgeschehen, oder vielmehr zur „Anthropologie“ zu lesen.

 

Anthropologie des Wassers wäre demnach auch so etwas wie der Versuch herauszufinden, was Wasser und Mensch gemeinsam haben, wo der Mensch wie Wasser ist, und wo das Wasser menschlich erscheint. Wiederum wie in diesem Satz über die Hoffnung der Pilger.

Was erhofft sich das Wasser?

Weiterhin frei von jeder Hoffnung zu sein?

Carson, Aufklärung

Ich komme nicht los von Anne Carson. Davon mir Gedanken zu machen, über Ihre Sätze.

Wie ist das zu verstehen, das ständig wiederholte „Aufklärung bringt nichts“ in der Anthropologie des Wassers, und das absolute Wagnis, ein die Grenzen des Ichs überschreitendes Wissen zu erlangen in Decreation?

Ich weiß, dass es kein Widerspruch ist, vielmehr zwei Möglichkeiten, Erfahrungen zu machen, die Wahrheit zu umkreisen, wobei Aufklärung vermutlich in zu engen (fremdbestimmten) Grenzen bleibt, und deswegen „nichts bringt“, keine wirkliche Belichtung, nur ein Licht, das sofort absorbiert wird von einem Boden, der aus Konventionen besteht, aus Selbstverständlichkeiten, die besser nicht hinterfragt werden. Insofern wäre Anthropologie das Gegenteil von Aufklärung? Eine andere Art, zu fragen, vielleicht sogar ohne Schlüsse zu ziehen, so etwas wie der von der Hoffnung der Pilger getragene Weg:

„Seit uralten Zeiten pilgern die Menschen von Ort zu Ort in dem festen Glauben, dass eine Frage aufbrechen kann in eine Antwort wie Wasser in Durst.“

 

Form

In Anthropologie des Wasser betrachtet Carson Buße als Form.

Was ist eine Form?

„Aber Tatsachen“, schreibt sie, „nach denen wir auf Fotos oder in historischen Berichten fahnden, formen sich mal so, mal so.“

 

Ich weiß nicht, ob man wirklich abschließen kann mit den Dingen, sie so hinter sich lassen, dass sie eine Teil von einem selbst werden, so selbstverständlich wie die Lungen, die sich mit Atem voll saugen und ihn wieder ausstoßen.

Abschließen beschwört ja das Bild einer Tür hervor, die sorgsam verschlossen wurde. Aber hinter dieser Tür ist ein Raum voll mit dem, was ausgeschlossen wurde.

Marguerite Duras

Wenn es das überhaupt gibt: ein Zentrum der Geschichte, dann ist es das Meer. Das Meer, aus dem wir hervorgegangen sind. Wassergeister. Undinen. Sirenen. Das uns ausgestoßen und an Land gespuckt hat.

Nach dem wir uns beständig (zurück) sehnen: Die Brandung, die Möwen, der Geruch.

Was um ein derartig (leeres) Zentrum herum entsteht, ist ein Fließen der Unmöglichkeiten, und wie sie sich manchmal aufheben für Momente. Begrifflos und leicht wie der Wind. Leicht und gewaltig. Nicht fassbar. Wie sie. Ihre Sprache. Ihr Gesicht. Bevor es zerstört ist. Bevor sie sagen kann: Ich habe ein zerstörtes Gesicht. Und das ist keine Behauptung.

Sondern das Zentrum der Geschichte.

Und die Zerstörung, das ist die Schönheit. Die Einzigartigkeit. Ein grausamer Zug, der die Gegensätze weder auslöscht noch vereinigt, sie vielleicht nicht einmal erträglich macht, ihnen nur die Klarheit, die Aufrichtigkeit einer kompromisslosen Beschreibung entgegensetzt.

Aufrichtigkeit als einziges Zentrum der Geschichte.

Wer könnte aufrichtiger sein als das Meer?

Oder ein zerstörtes Gesicht?