100 Worte. 100 Tage. Tag 11

„Danach wurde es still und die Taube flog davon.“

Astrid Lindgren „Die Brüder Löwenherz“

Es war die Stille, die so schwer auszuhalten war. Ich glaubte, dass es diese absolute Geräuschlosigkeit war, die sie beflügelt hatte. Ich stellte mir vor, dass die Stille sich unter ihre Flügel gelegt und sie emporgehoben hatte. So musste es gewesen sein. Ich sah ihr lange nach, dem Muttervogel, bis er nur noch ein eingebildeter Punkt am dunkel werdenden Himmel war. Ich dachte auf diese Weise könnten auch meine Gedanken gebündelt werden zu einem Punkt, den die Dunkelheit schließlich schlucken würde. Was tatsächlich geschah war, dass die Dunkelheit die Kälte mit sich brachte und mich zwang nach Hause zu gehen.

100 Worte. 100 Tage. Tag 10

„Entweder lachte oder weinte sie. Wenn sie weinte, weinte sie um sich selbst.“

Szilárd Borbély „Die Mittellosen“

Sie hat gerne gelacht, meine Mutter. Sie selbst hat immer wieder betont, dass sie ein fröhlicher Mensch sei. Vielleicht ist es so, je weniger Grund zur Freude die Menschen haben, um so eher entwickeln sie eine Begabung aus den kleinsten Begebenheiten Glück zu ziehen. Es heraus zu destillieren, aus dem was für andere wie Alltag aussieht, wie Unglück sogar. Sie hat gerne gelacht, meine Mutter, auch wenn sie viel häufiger Grund hatte zu weinen. Dann schrieb sie eine Liste der Verluste auf weißes Papier, notierte alles so lange sorgfältig, bis ihre Tränen flossen und die Worte verschwammen. Dann lachte sie.

100 Worte. 100 Tage. Tag 9

„Er rannte blindlings, seine Arme schlenkerten, sein Tuchhelm saß nicht sehr fest.“

Ilse Aichinger. „Die größere Hoffnung“

Unsere Wohnung war klein. Jeder freie Fleck wurde als Stauraum genutzt. So hatte meine Mutter unterhalb der Eingangstür zu unserer Wohnung ein Brett angebracht, das wie ein Dach über der Tür erschien, sobald man eintrat. Auf diesem Brett bewahrt sie unter anderem einen Karton auf, in dem Stoffe und alte Kleider lagen, mit denen wir uns verkleideten. Wir streiften die alten abgelegten Kleider über und betraten eine andere Welt. Ein Tuch konnte ein Helm sein und ein verschlissener Rock die Robe einer Prinzessin. Damals haben wir die Wahrheit sehr gut verstanden. Später haben wir sie, genau wie alle anderen, verlernt.

100 Worte. 100 Tage. Tag 8

„Wenn ich bete, bete ich rückwärts.“

Senthuran Varatharajah „Rot (Hunger)“

Die Richtung ist entscheidend. So sagt man. Guck nach vorn sagte man mir, als ich ein Kind war und ständig über meine eigenen Füße stolperte, weil es so viel rechts und links vom Weg zu sehen gab. Guck nach vorn sagte man mir, als ich untröstlich war über einen Verlust. Diese Sätze waren weder Schutz noch Trost. Jetzt gehe ich rückwärts, ich habe alles im Blick und sehe wie es sich langsam entfernt. Ich betrete den Widerspruch und ich tue es sehr langsam. Niemand hinert mich. Rückwärts entfernt sich die Welt, die mich von hinten erfassen wird. Früher oder später.

100 worte. 100 TAge. Tag 7

(7)

„Beim Kaffee sehen wir einer Fliege beim Sterben zu,

sie liegt rücklings auf der Fensterbank“

Ulrich Koch „Dies ist nur der Auszug aus einem viel kürzeren Text“ Gedichte

Ich glaube nicht an den Tod. Marguerite Duras hat einer Fliege Unsterblichkeit verliehen, indem sie ihr Sterben beschrieben hat. Ich weiß nicht, ob das paradox ist. Aber ich bin mir sicher, dass es der Fliege und ihren Nachkommen nichts bedeutet. Meine Mutter sah sich selbst beim Sterben zu. Jeden einzelnen Tag. Bis zuletzt. So habe ich es von ihr gelernt, und dennoch beherrsche ich diese Praxis nicht besonders gut. Ich bin niemals ganz bei der Sache. Wer das Sterben nicht aufmerksam beobachtet, findet keinen Zutritt zum Leben. Was bleibt mir übrig, als zu behaupten, ich glaubte nicht an den Tod?

100 Worte. 100 Tage. Tag 6

„mir fällt ein dass ich heute nacht

geschrien habe im schlaf“

Sabine Schiffner „Wundern“

Mitten in der Nacht, es ist vielleicht 3 Uhr morgens, erwache ich von einem Schrei. Es ist mein eigener. Mit weit geöffneten Augen liege ich neben dem verebbten Schrei, mein Herz schlägt schneller als gewohnt. Die Brustdecke hebt und senkt sich unregelmäßig. Es ist kalt, aber auf meiner Stirn perlt Schweiß. Ich habe den Traum nicht vergessen, der mich hat schreien lassen, aber ich habe mit mir selbst ein Abkommen getroffen, dass ich ihn weder aussprechen noch aufschreiben werde. Auf diese Weise ist er gebannt. Und wir sind allein, die Nacht, der verhallte Schrei und mein sich langsam beruhigendes Herz.

100 Worte. 100 Tage. Tag 5

„Danach schien der Mond über dem Hafen und eine alte Frau mit wächsernem Gesicht lag bleich und starr in einem dunklen Fenster.“

Hertha Kräftner „Kühle Sterne“

Den Hafen hatte ich geliebt. Das Meer und die Schiffe, den Geruch nach Salz und Fisch, die Matrosen. Den Mond auch. Der Mond gehört immer und überall dazu. Jeden Abend bin ich dort gewesen. Aber dann, ich weiß nicht warum, hatte ich begonnen mich zu entfernen, die Straßen im Hafenviertel zu besuchen und dort sah alles ganz anders aus. Es war als hätte die Wirklichkeit den Traum ausgelöscht, als würde der Mond unvermittelt beleuchten, was tagsüber verborgen war. Die Entfernung war langmütig und aufschlussreich. Die Leidenden waren geduldig. Nur ich war immer noch ich. Jetzt ohne meine Liebe zum Hafen.

100 Worte. 100 Tage. Tag 4

„Und dann gingen die Lampen alle aus, und ich spürte einen Stillstand […]“

Friederike Mayröcker „Und ich schüttelte einen Liebling“

Die plötzlich hereinbrechende Dunkelheit traf mich mit Wucht. Ich war wieder das kleine Mädchen, das ganz allein in einem fremden Zimmer aufgewacht war, und mit dem Mut der Verzweiflung zur Tür hinaus lief, dorthin, wo Stimmen zu erahnen waren. Ich stand auf der Treppe und sah unter mir Menschen zusammen sitzen. Ich hörte mich sagen: Hier soll ein Mensch sein. Aber da war niemand, der mich hören konnte. Nur all die Jahre die zwischen der Erinnerung und der Dunkelheit lagen.

100 Worte. 100 Tage. Tag 3

„Bekannte, die mich etwa fünfzehn Jahre später wiedersahen, pflegten mir immer zu sagen, ich hätte mich sehr verändert, ich sei enorm viel ruhiger geworden.“ (Lars Gustafsson „Tod eines Bienenzüchters“)

Ich hatte das Bild mühevoll gezeichnet und ausgemalt. Ein Bild von mir. Wie ich gesehen werden wollte. Wie ich glaubte, dass man mich sehen sollte. Das Wort Person lässt sich auf „Maske“ zurückführen. Aber das las ich erst später. Damals war ich ohne Ahnung und panisch auf der Suche nach einem Schutz. Schutz wovor? Vielleicht, denke ich heute, vor dieser Ruhe, die mir Menschen unterstellen, die mich lange nicht gesehen haben.