Auflösung

Ich bin das nicht passende Teil im Gesamtbild. Ich bin auserzählt. Gefangen in einer Lüge, von der ich hoffe, jemand löste sie auf, in bunte Fäden. Und dann.

Ich bin ein Platzhalter. Für den Verlust. Und die zugrunde gegangene Wut. Für die scharfen Kanten einer vermeintlich runden Welt. Für die Rückhaltlosigkeit der Trostsuchenden. Für das Austherapierte einer kranken Welt.

Abbruch

Nein, ich will nicht. Ich sagte das jetzt immer häufiger. Natürlich nicht laut. Nur zu der Stimme in meinem Kopf. Oder sagte es die Stimme in meinem Kopf zu der, die ich für mich hielt?

Ich verlief mich nicht mehr in meinen Gedanken, weil sie allesamt abbrachen, irgendwo mitten auf dem Weg, nicht einmal vom Weg abkamen, sondern einfach verreckten, endeten, so absolut, als wäre nichts gewesen, kein Brotkrumen vom Weg bis zu diesem Abbruch blieb zurück. Die fraß in atemberaubender Geschwindigkeit die Zeit, der Hund, der Zweifel. Ist auch egal, wie man es nennt, nur schnell muss ich dem einen Namen geben, weil sonst, wie gesagt…

Verwechslung

Wir verlegten die Angst, wenn uns alles zu viel wurde. Wir sind verlegen, sagten wir dann. Und wollten vielleicht auch gar nicht merken, wie wir uns mit unserem Verrat an uns selbst verwechselten. Wir wechselten dann einfach die Stadt, den Standort, den Freundeskreis

Der Kern

Als wäre es eine Lösung, sich mit du anzusprechen, wenn man das ich vermeiden will. Jeder Mensch ist eine Zwiebel. Mehrere Schichten Haut und darunter noch mehr Haut, immer verletzlicher, aber standhaft im Versuch irgendeine Art von Schutz zu bieten. Und darunter, in unendlicher, unerkannter Einsamkeit, der Kern.

Ich weiß nicht, was ein Kern ist. Ich verliere mit jedem Tag die Eindeutigkeiten. Verliere mich? Wer bin ich? Wer bist du denn? Die Frage der selbsternannten, sogenannten Autoritätspersonen. Vielleicht wissen sie selbst nicht, was das bedeuten soll.

Siri Hustvedt – Eine Frau schaut auf Männer die auf Frauen schauen

Der Satz auf dem Blatt Papier fühlt sich richtig an, weil er ein Gefühl in mir beantwortet, und dieses Gefühl ist eine Form von Erinnern

Dabei meint Hustvedt durchaus auch ein erweitertes vorgeburtliches oder vielleicht sogar „kosmisches“ Gedächtnis. Manche mögen das für esoterisch halten, ich hingegen glaube an die Verbundenheit aller Menschen. Die letztendlich wahrer ist als die Angst, die uns immer wieder dazu bringt, uns voneinander abzugrenzen.

Schreiben ist meistens unbewusst. Ich weiß nicht, woher die Sätze kommen. Wenn es gut läuft, weiß ich es weniger, als wenn es schlecht läuft. Eine Welt wächst, und eine Lösung präsentiert sich von selbst. […]

Die Ideen, Sätze, Lösungen entstehen […] aus Interaktionen und Dialogen. Das Außen bewegt sich nach innen, sodass sich das Innen nach außen bewegen kann.“

Verachtung

Was ich – wenn es mir bewusst wird – an mir verachte, ist dieses mich-anbiedern. Immer noch dazugehören wollen. Es ist vollkommen okay, Menschen zu bewundern, weil sie Verknüpfungen herstellen, die ich noch nicht so herstellen konnte, weil sie Formen finden für Gedanken und Gefühle, die ich bisher unbenannt und formlos lediglich gespürt oder verdrängt habe. Etwas grundsätzlich anderes ist es die eigenen gekränkten Gefühle und Fragen zu zensieren, aus Angst damit erkennen zu geben, dass ich nicht dazu gehöre. Natürlich gehöre ich nicht dazu. Wie soll ich jemals irgendwo dazugehören, wenn ich mir nicht das Recht zugestehe, in erster Linie zu mir selbst zu gehören?