to be sorry oder der traurige Gesang vom Ende der Welt

to be sorry, thats life?

und hier und da werden Parlamente gestürmt

und die Welt ist bestürzt

während der Schnee einfach schmilzt

und die Nachrichten beständig vom Ende der Welt

(as we know it)

sprechen

Aber

der einzige traurige Gesang

den ich dem allen entgegen zu halten 

habe

(5)

Wissen Sie, könnte ich z.B. zu meinem Therapeuten sagen: Lange habe ich es selbst nicht verstanden, aber P.O. Enquist beschreibt es einfach und deutlich und unwiderlegbar in „Der Sekundant“. Es gibt diesen Menschenschlag. Wir weinen nie im richtigen Moment.

(4)

Mariannengraben von Jasmin Schreiber. Sehr angetan von der zarten eindringlichen Schilderung der Trauer. Enttäuscht über das für meinen Geschmack zu schnell einsetzende skurrile Geschehen. Gar nicht einmal die Begegnung mit dem alten Mann, aber die fast slappstickartigen Begebenheiten. Aber schön und tröstend, dass Tim, der verstorbene Bruder, immer dabei bleibt, kommentierend einbezogen, anwesend. Denn das ist vielleicht der größte Irrtum, dass die Toten plötzlich nicht mehr zum Leben dazu gehören. Nicht mehr da sind.

Tadeusz Dabrowski – Gedicht ohne Geheimnis

Schleusentechniker in der Weichselniederung sein,

auf einem unbedeutenden Kanalabschnitt,

mitten in der flachen Landschaft. Jeden Tag

mit dem Rad zu einem Betonhäuschen fahren,

kleiner als ein Zeitungskiosk. Durch das quadratische

Fenster die Auf- und Untergänge der Sonne

beobachten. Keine Ahnung von Kunst haben, wissen,

wo Hechte lauern und wo Aale. An

nebligen Morgen Tee mit Spiritus

trinken und dabei im Radio, das nur einen Sender

empfängt, hören, dass auf der Welt über

zehn Millionen Arten von Pflanzen und

Tieren leben, und es nicht glauben können, oder,

dass es Länder gibt, wo Menschen an Hunger

sterben, darüber ins Grübeln geraten, vergessen,

die Schleuse zu schließen. Einige Wiesen überschwemmen.

Und keinerlei Konsequenzen dafür tragen.

[weil es gerade so aktuell ist. Mein Lieblingsgedicht von ihm über seinen Vater reiche ich bei Gelegenheit nach]

(3)

Nacht für Nacht träumte ich die schönsten Bilder, von bahnbrechenden Erfolgen, unsagbar leidenschaftlicher Liebe, und genau in dem Moment, in dem der entscheidende Schritt hätte stattfinden sollen, fror alles ein. Wurde kälter und kälter, die Schneeflocken wurden zu Eiskristallen, die sich wiederum in eine kompakte Eisschicht verwandelten, bis da nur noch ein undurchdringliches Weiß war. Und die Kälte. Eine Kälte, die wahrer schien als jeder Traum.

(2)

Alles blieb kalt und flüchtig, und im Herzen ein ungeliebtes Kind, das versuchte sich hinter Bücherbergen zu verschanzen, ohne jemals Wissen zu erlangen. Nur die Frage vielleicht, was der Unterschied ist zwischen Wissen und Weisheit, der es eine Weile über Wasser hielt. Bevor alles einstürzte; ein Wasserfall sich über jegliche zögerliche Hoffnung erbrach und alle Einsicht unter sich begrub.

Bis sie – nach unendlich langer Zeit – auftauchte und begann es aufzuschreiben. Mit all seinen Lügen und Widersprüchen.

(1)

Das neue Jahr beginnt gesundheitlich schlecht, aber intellektuell sehr inspirierend. Lese immer noch und immer wieder in den großartigen Literaturzeitschriften, die mich im letzten Monat erreicht haben, und dann dieses schöne zugewandte Interview von Wepsert mit der wunderbaren Pega Mund. Daraufhin gestern wieder die alten Märchenbücher hervorgeholt. Das erste Mal bei einem Projekt etwas anderes als einen Text eingereicht.

24. Dezember 2020

Je n´ecris plus, ich schreibe nicht mehr, schreibt Fabienne Yvert in der Mütze #28, und Dagmara Kraus übersetzt es für Menschen wie mich, die des Französischen nur sehr sehr rudimentär mächtig sind. Und das Gedicht ist gerade sehr tröstend für mich. Weil ich mich fast aufgehoben finde darin. Weil ich selbst nicht schreiben muss, was ein anderer längst in Form gebracht hat.

Das schlimmste an diesem Jahr, außer der ständigen Sorge um diejenigen, die das Virus bekommen haben, noch bekommen können, mit nahezu übermenschlicher Kraft und ohne nennenswerte Anerkennung dagegen ankämpfen, ist, das ich meine Sprache verloren habe.

Es gab so viel Güte und Gutes, das mir widerfahren ist, und ich finde keine Worte Danke zu sagen. Ich bin nur maßlos erschöpft, und kann nicht einmal sagen wovon. Vielleicht davon, nicht angemessen Danke sagen zu können, dass es Freunde gibt, die zu mir stehen, auch wenn es mir lange Zeit nicht gut geht, dass der wunderbare Dincer Gücyeter meine Gedichte nicht nur in einem wunderschönen Buch in seinem fabelhaften Verlag veröffentlicht hat, sondern nahezu jeden Tag mutmachende und irgendwie erdende Sätze auf Facebook mit allen, die es brauchen, teilt, dass zwar einer meiner Söhne in Quarantäne gewesen ist, aber zum Glück negativ getestet wurde, dass meine Arbeitgeber, trotz aller Widrigkeiten, weil die Schauspielhäuser immer unter den ersten zu sein scheinen, die geschlossen werden, dennoch so unglaublich solidarisch sind, und meinen Arbeitsplatz, zwar in Kurzzeit, aber dennoch beharrlich erhalten.

Aber da sind die Nachrichten, da ist vor allem die große Lücke, einander nicht oder kaum sehen zu dürfen. Da ist eine große Sprachlosigkeit, und eine Hoffnung, die zwar nicht ganz stirbt, aber scheinbar immer schwächer wird.

Andererseits gibt es keinen Grund aufzugeben. Keinen Grund nicht dann eben still dankbar zu sein. Keinen Grund, die Worte nicht weiterhin zu suchen, und bis dahin zu lesen, welche wundervollen Worte andere schreiben und geschrieben haben.

Vom Verstehen gestreift

Die Reife aus der Luft reißen und sich in etwas längst ausradiertem verlieren. Die Ich-Bezogenheit vergessen und über Hecken springen, mit der Mutlosigkeit der Vernünftigen straucheln, und am Boden angekommen vom Verstehen gestreift werden: du bist die Fülle aus Nichts, der Inbegriff der Vergänglichkeit.