Freiheit

Ich schreibe nicht mehr. Was natürlich nicht ganz wahr ist. Ich schreibe Artikel, ich schreibe Besprechungen, und das zu meiner Erleichterung wieder mit sehr viel Freude an der Sache.

Aber ich habe die Freiheit beim Schreiben verloren. Die einfachen Sätze, oder auch die komplizierten Sätze, die einfach aus dem Kopf, dem Unbewussten, in die Finger und auf das Papier fließen. Denen gebe ich mich nicht mehr hin. Ich habe das nicht bewusst entschieden. Es passiert einfach nicht mehr. Und es fehlt mir. Wobei ich noch nicht genau zu sagen vermag, was mir eigentlich fehlt. Vermutlich die Freiheit. Die Freiheit, vor der ich mich vielleicht mehr fürchte, als vor allem anderen. Die Freiheit, zu sagen und zu schreiben, was ich will, ohne die Rückendeckung von Zitaten und Recherche. Die Freiheit, falsch zu liegen, die Freiheit fulminant zu scheitern, oder auch plötzlich und unerwartet genau den richtigen Ton zu treffen. Die Freiheit, mich zu verstecken, oder mich zu zeigen. Mich zu schämen, oder auszustellen, größenwahnsinnig oder kleinmütig zu sein. Oder alles auf einmal.

Ich habe die Freiheit. Aber ich gebe sie mir nicht. Ich lasse mich nicht frei sein. Ich lasse mich nicht frei.

Vor Jahren habe ich von Gefängnissen geschrieben, von Foucaults Überwachen und Strafen, es war ein guter Text, einer, in dem viel von mir steckte, und der dennoch aufging in etwas Größerem. Ich habe damals schon von Franz Biberkopf geschrieben, der aus dem Gefängnis entlassen wird, ohne frei zu werden. Das Gefängnis ist vielleicht in der Gesellschaft, aber sicher auch ein wenig in ihm. Und die Tatsache, dass mich dieses Buch von Alfred Döblin seit Jahrzehnten fasziniert und Franz Biberkopf mich immer wieder begleitet, liegt vielleicht nicht zuletzt daran, dass ich mich in ihm wiedererkenne. Als eine, die nach und nach aus einem nach dem anderen Gefängnis entlassen wird, und dennoch nicht rausgehen kann in die Freiheit. Nicht weil sie vergessen hat, was das ist, sondern weil sie sich vor der Verantwortung fürchtet, die darin liegt, frei zu sein.

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VII Unverständnis und Form

Bei allem Unverstandenen, bei allem Recht auf Alogik dessen sich der Traum bedient; „die Resonanz braucht schließlich Formen“. Und wenn es jemand ist, der „in Kleidern geschlafen“ hat.

Gedichte erscheinen bei Rinck nicht zuletzt als eine Notwendigkeit, damit der „taube Schmerz, mit dem das Nichtgedachte innerlich wird“, vermieden, abgewendet werden kann. Statt sich zu krümmen „unter erhöhtem Deutungsdruck“, lässt Rinck die Assistenten des Unbewussten übernehmen:

„Nehmt mich fort und schreibt das auf. Verwirklicht mich an Stellen, die ich nicht betreten kann.“

Immer wieder gelingt das mittels Assoziationsketten und ironischer Brechung. Und immer wieder blitzt beim Lesen die Erkenntnis, das Eingeständnis auf, dass ich mir die Freiheit, die ich habe, nicht erlaube. Weder hier noch dort. Und fast immer ohne wenigstens zu fragen warum.

Lebens- statt Lesetagebuch

Kaum habe ich Erleichterung gespürt, weil ich einen Text endlich zu meiner Zufriedenheit abgeschlossen habe, türmt sich ein Berg neuer Arbeit vor mir auf. Und mir gelingt es nicht, so gerne ich es auch möchte, die Herausforderung freudig zu begrüßen, ohne gleichzeitig von einem lähmenden Gefühl der Überforderung heimgesucht zu werden. Dabei tue ich alles, wirklich jede einzelne Aufgabe, von der Lohnarbeit über die Familienarbeit bis zur kreativen Arbeit des Besprechens ausgesprochen gerne. Dennoch fühlt es sich immer wieder wie ein einziger nie endender Kampf an. Kaum ist eine Aufgabe erledigt, wachsen zwei neue nach.

Manchmal lungere ich dann einfach einen Tag lang herum. Leider nicht ohne schlechtes Gewissen. Ich wünsche mir immerzu, es möge wieder einmal so fließen, wie ich es aus der Vergangenheit zu erinnern meine (früher ist ja immer alles besser und leichter und schöner gewesen. Ich traue mir daher nur halb, Nur unter Vorbehalt). Wenn ich ehrlich bin, muss ich aber zugeben, dass ich genau das nicht zulasse. Dass ich den Worten schon auf dem Weg in den Kopf misstraue, Zweifel streue, Belege suche, um die Zweifel erneut zu zerstreuen, und dann zu erschöpft bin, (entmutigt, ernüchtert), um den Stift überhaupt in die Hand zu nehmen.

Ich verwechsle die Reihenfolgen nicht nur, ich vermische sie so, dass eigentlich nur noch Kritik bleibt. Zweifel, Zensur. Und es stimmt schon, was kann mir alles Lob von anderen nutzen, wenn ich mich beharrlich weigere, an mich selbst zu glauben?

Aber auch dazu ist Monika Rincks Lesebuch eine Ermutigung. Deshalb geht es weiter.

VI Pathos und Idyll

Oder das Pathos. Und wie man es bricht, mit Witz. Das ist Risiko, und alles andere als zurückrudern, vielmehr die Möglichkeit eines Aufbruchs in tatsächlich zuvor noch nicht betretene Räume.

Diese Räume findet und erschließt Monika Rinck immer wieder gerne beim Betrachten und Beschreiben von Gemälden. Zum Beispiel von Peter Duka: Hier sind alle schlank und schön und im Garten Eden. Nicht wie bei Botero, dick und farbensatt und gemalt mit der Behauptung, das eigentliche Malen sei eine Zärtlichkeit.

Stattdessen Quallen und Fische und Inspector Louis Marais.

Gleichzeitig greift Rinck auf ganz alte Quellen zurück. So beschäftigt sie z.B. der Ursprung des Idylls bei Vergil nachhaltig: „Ist es nicht eigenartig, dass es im ersten Idyll, das später zum Begriff für ein friedliches bis kitschiges Gartenleben wird, eben um die Erfahrung von Flucht, die Indolenz des Glücklichen gegenüber dem Unglücklichen, den Skandal der Gleichzeitigkeit und, ganz am Ende, um Gastfreundschaft und die Verzögerung der flucht um eine einzige Nacht geht?“

Ein scheues Bedürfnis nach Trost“, ein Essay, in dem sich Rinck mit Michael Donhausers „Variationen in Prosa“ beschäftigt, kann durchaus auch als Konsequenz des zweifelhaften Idylls gelesen werden. Und sie hat Recht, wenn sie schreibt, dass es allen offensichtlichen Schwierigkeiten zum Trotz, doch auch anders gehen müsste. Es müsste Trost zu finden sein in Gedichten, ein Trost, der nicht „leer und angegriffen herumsteht und immerzu gegen den Vorwurf seiner Verlogenheit oder Unzeitlichkeit angehen muss […] Das muss auch anders gehen.“ Schreibt Rinck. Und natürlich wissen wir alle: das geht auch anders. Nur wie, das weiß zumindest ich nicht so genau.

Und übrigens sind die Texte im Lesebuch recht häufig (vermutlich auf die eine oder andere Weise sogar immer) Auseinandersetzungen mit Büchern, Texten, Gemälden, also eine Art Dialog und damit die Einlösung des anfangs benannten Vorhabens, dem anderen näher zu kommen, Verbindungen zu schaffen.

Und dann benennt Monika Rinck auch noch folgende tröstende Funktionsweise von Sprache: „Diese Sprache begünstigt eine gewisse Durchlässigkeit, die doppeldeutig ist. Sie legt etwas frei und geht dennoch weiter, als ermöglichte sie Tränen und ließe sie in diesem (einem anderen, aber gleichzeitigen Moment) wieder versiegen. Eine Ermöglichung, die eine Verhinderung, oder sagen wir besser: Linderung ist. Als brächte der Trost den Schmerz erst wieder hervor, und mit ihm die Mittel hindurchzugehen.“

Schlafen V

Nur Sprache gibt es nicht. Aber andere Räume, andere Elemente in denen sich das Denken entfalten kann. So behandelt Monika Rinck das Phänomen des Schlafens von der Schlaflosigkeit über den luziden Traum zur Hypnose. Beim Schlaf muss ich unwillkürlich an Anne Carsons Essay in „Decreation“ denken, in dem sie den „Lesarten des Schlafs“ nachgeht. Inspiriert von Virginia Woolfs „Zum Leuchtturm“ stellt Carson die Frage, was der Schlaf sieht, wenn er uns ansieht, und verbindet (ganz im Sinne Rincks) Schwimmen und Schlafen: „Wie Schwimmer, die ihre Bahnen durch einen nächtlichen See ziehen, kreuzen Fakten aus der Tagwelt diese Phänome […] die Nacht taucht weiter, in ihre eigenen Ereignisse vertieft.“ Das sind Beschreibungen davon, wie Woolf in „Zum Leuchtturm“ von der Schlafseite her die Geschichte der Familie Ramsay erzählt, und ihren Lesern laut Carson einen besonderen Blick erlaubt: „Nämlich die Leere in den Dingen, ehe wir unseren Nutzen aus ihnen ziehen, einen Blick auf die Wirklichkeit vor ihren Wirkungen.“ Das ist vielleicht auch, was Rinck meint, wenn sie von der „Nähe des Denkens zu seinem Gegenstand“ schreibt. „Wir erleben im Schlaf eine Diversifizierung der Logik, in zwingende Argumentationen, deren Schlüssigkeit durch ihre Unverständlichkeit nicht geschmälert, ja, überhaupt nicht angetastet wird. Und ich fragte mich immer: Wenn man all das kennt und Nacht für Nacht diese Labore der Alogik und Algen betritt – ist dann noch ein einziges Gedicht unverständlich?“

IV – Schwimmen

In den folgenden Gedichten werden die Gedanken noch einmal aufgenommen, fortgeführt,  in anderen Räumen entfaltet.

Und übrigens ist das alles noch „Ansprache“, bevor die Texte im nächsten Teil ins „Schwimmen“ geraten, also ein neues Element erobern oder erproben, was vielleicht dasselbe ist.

Der „[…]Brutalität der Konzentration auf eines, auf nur eine Sache! Sich ganz in einen einzigen Dienst zu stellen“, stellt Rinck folgenden Vorschlag an die Seite: „Die eigenen Fähigkeiten weniger als Fleiß, sondern vielmehr als Freiheit unter Beweis stellen – darum geht es doch.“ Spätestens hier steige auch ich ins Wasser, schwimme mit. Etwas, das gerade meine Arbeit extrem verzögert bis verhindert ist das Bewusstsein, dass alles mit allem zusammenhängt. Schön eigentlich, einladend und inspirierend grenzüberschreitend. Andererseits verursacht diese Erkenntnis einen enormen Druck, Erwartungs- und Leistungsdruck. Denn was ich habe, sind Teile, vereinzelte Splitter, und das Bewusstsein, dass sie zu einem größeren Ganzen gehören, dass sie ein Bild ergeben, wenn es mir nur gelingt, die jeweils zueinander passenden Teile zu verbinden. Dann würde aus dem Puzzle ein Bild. Aber immer fehlt ein Verbindungsstück, oder ich bin mir nicht sicher, ob die Teile wirklich ineinander greifen, oder ich bin mir im Gegenteil sehr sicher, dass sie nicht ineinander greifen, will es aber mit aller Macht, die sich sogleich in Ohnmacht verwandelt und mich unglaublich unkreativ und müde macht. Und das ist nicht weniger als das Gegenteil der Erlaubnis, sich „in einem sehr geweiteten Spielraum der Poesie bewegen zu dürfen, dieser Erlaubnis, die H.C. Artmann in seiner 8-Punkte- Proklamation des poetischen Actes, erteilt.

Es geht um Bewegungsmöglichkeiten. Diejenigen, die das Wasser dem Körper ermöglicht. Und die Poesie den Gedanken.

„Es ist ja nicht so, dass man dieses oder jenes heute einfach nicht mehr sagen dürfte, nur muss man sich eben klarmachen, dass man damit heute etwas anderes sagt als vor zwanzig Jahren. Man braucht Zeit, darüber nachzudenken.“ Nimmt man sich diese Zeit nicht, schwimmt man fast willenlos mit in den Strömungen von ja und nein, während all die wichtigen, schillernden Zwischentöne sang – und klanglos, unbemerkt, untergehen.

Und Rincks Denken folgt tatsächlich den Schwimmbewegungen, mal lassen sich die Gedanken treiben, schweifen ab, um dann in einer Kehrtwende wieder zurück zum Ziel zu kommen, einem Ziel, das sie nie aus den Augen verliert, das sie vielmehr immer weiträumiger umkreist, um es auf diese Art besser in den Blick zu bekommen.

Zum Beispiel das: den „Weißraum, der das Gedicht umgibt, lehrt uns zunächst, dass es sehr vieles gibt, das im Ungefähren bleibt, das wir nicht erfahren. Dies versinnbildlicht der leere Raum. Er ist größer als das Gedicht und eröffnet die Manege für all das, was dort nicht zu lesen ist.“ Solche Sätze machen mir noch einmal deutlich, wie viel mehr Freiheit Begreifen braucht als Verstehen. Also muss man vielleicht das Verstehen (die Muster des üblichen Verstehens) vergessen, damit man ein Gedicht begreifen kann? Damit es mir als Leserin nicht so ergeht wie Kafka mit dem Schwimmen? Rinck zitiert Kafka, der gesteht: „Ich kann schwimmen wie die anderen, nur habe ich ein besseres Gedächtnis als die anderen, ich habe das einstigen Nicht-schwimmen-können nicht vergessen. Da ich es aber nicht vergessen habe, hilft mir das Schwimmen-können nichts und ich kann doch nicht schwimmen.“

Zum Abschluss des Schwimmens noch einmal Rinck: „[…] anders als die Schwimmfibel, die leider nicht zusammen mit dem türkisblauen Schwimmerbecken geliefert wird, bringt das Gedicht die Sprache, in der es sich befindet und aus der es gemacht ist, mit. Das Gedicht ist das Geschehen selbst, es ist ein Sprachgeschehen, das die Wirklichkeit verändert. Das bedeutet aber nicht, dass das Thema „nur“ Sprache ist „Nur“ Sprache gibt es gar nicht.“

 

Champagner Teil III

Der Ausgangspunkt der Verstrickung, (in Welt und Gedicht) ist immer wieder der Versuch, das Unmögliche, Ungedachte zu sagen, die Suche und Hoffnung nach „eine[r] neue[n] Konsequenz, die sowohl ein Bruch wie auch eine Verbindung ist? Sie kann jederzeit eintreten, sie kann ewig lang ausbleiben.“ (Rinck, S. 83)

Man weiß nicht, was kommen wird, wie man dorthin gelangt, und kann auch nicht zurück: „Wenn ich die Realisierung als Korrektur der Vorstellung betrachten will und die Vorstellung wiederum als Korrektur der Realisierung, brauche ich unbestimmte Räume, Räume ohne Hintergrund – und, man kann es nicht oft genug sagen – Zeit.“ Und einen produktiven Zweifel, einen, der mich mit Neugierde vorantreibt, und nicht aus Unsicherheit stehen bleiben lässt. Die Zeit nehme ich mir inzwischen, an der Umsetzung des zweiten Satzes arbeite ich mich seit Jahren ab.

Monika Rinck hingegen zitiert die Meisterin des Schweigens, Ilse Aichinger und die Erfinderin des gap gardenings als Begriff für Prosagedichte, Rosemarie Waldrop, um zu illustrieren, wie wir die behutsame Beredsamkeit des Schweigens kultivieren können. Und erschließt auf diese Weise die „poetische Feldarbeit“: „Doch wir sprechen nicht von Feldarbeit per se, wir sprechen von poetischer Feldarbeit. Prosa ließe sich, ein geeignetes Seitenformat vorausgesetzt, einmal rund um den Erdball schreiben. Die Dichtung bleibt in gewisser Weise am selben Ort, geht hinein und hinaus, türmt, stapelt, verdichtet, setzt sich Grenzen, bricht sie, kehrt zum einen zurück, singt, wiederholt, geht tiefer in den Gedanken, untergräbt den Gegenstand, baut ihn aus, flieht ihn, kommt wieder, aber tut das nicht auf linearem Weg. Die Versbewegung suggeriert ein Bleiben, eine Fixation, eine Sorge – was in keinem Fall als ein Lob der Immobiliät missvertanden werden soll. Es geht ja weiter. Das Fortschreiten ist tropisch.“ (S. 109)

Was mir besonders gefällt, oder ich sollte besser sagen, was mich in besonderem Maß anspricht, ist diese subtile, immer wieder hervorbrechende Gesellschaftskritik, die sich für das Warten und Reifen ausspricht, und gegen marktwirtschaftliches Nützlichkeitsdenken. Dazu passt natürlich hervorragend ein Beispiel poetischer Feldarbeit, die Monika Rinck anlässlich einiger Gemälde von Valentin Just durchgeführt hat.  Ein Gedicht zum „edlen, gut gemachten Lungern“ in seinen Bildern sozusagen.