(11)

Dieser Zwang, etwas schreiben zu müssen. Diese Freude, etwas zu schreiben. Alles hat zwei Seiten und keine ist wahr. Mich selbst zitieren. Zitieren und zittern und immerzu den Erwartungen gehorchen und hinterherlaufen und darunter durch kriechen.

Mich daran erinnern, dass man auch einfach mit der Sprache spielen kann, mit ihren Lauten und Klängen, mit Einfällen und Unmöglichkeiten. Dass nicht immerzu alles einen Sinn ergeben muss.

(10)

Lese die Pflegeprotokolle von Frédéric Valin und erinnere mich an meinen ersten Tag als Schülerin im Altenheim. Niemand hatte Zeit, mich einzuarbeiten. Vielleicht dachte man auch, es sei nicht notwendig, ich würde schon begreifen was zu tun ist, und es tun, sobald ich die Arbeit sehe. Jedenfalls schickte man mich in eines der Zimmer zu einer Bewohnerin, die bettlägerig war und gefüttert werden musste. Das ist Frau B. Tür zu. Da waren wir, die orientierungslose, sprach- und bewegungslose Dame und ich, die hilflose Schülerin. Also plapperte ich bemüht fröhlich (um mir selbst Mut zu machen) auf Frau B. ein, und führte den Löffel zu ihrem Mund, der geschlossen blieb. Mindestens eine volle Stunde lang. Dann erinnerte sich jemand an uns.

(9)

Die Toten sind so alt, dass es einer Verschwörung gleicht. Der Stift in der Hand verweigert den Gehorsam. Macht Striche wie es ihm gefällt. Strichmännchen und Blitze, aus denen es schneit. Gefallen muss das keinem. Begreifen muss es niemand. Die kleine Hand – sie ist so frei. Im Gegensatz zu der Besitzerin des Körpers an dem sie hängt. Die nicht versteht, was die Hand ihr mit diesem Zittern sagen will.

Pflegeprotokolle

„Ich weiß nicht, ob Soziale Arbeit und Pflege tatsächlich aufwertbar sind, ohne das sich alle Menschen aktiv mit ihrer eigenen Sterblichkeit und ihrer eigenen Fragilität beschäftigen. Dass Leute den Gedanken zulassen: <Auch ich könnte arbeitslos werden, und ich könnte dann mein Haus verlieren> Das ist nicht immer nur der Loser von nebenan, der nichts auf die Kette kriegt, es kann jedem passieren“ (Pflegeprotokolle, S. 54, Frédéric Valin)

Ein aufschlussreiches und wichtiges Buch. Hoffentlich lesen es die richtigen! Da sind so gute Ideen und Gedanken drin.

(8)

Was ich nie hatte, oder immer nur schwach und phasenweise, ist Ehrgeiz. Sobald eine Herausforderung anfing sich zu behaupten, verschwand der Ehrgeiz. Vermutlich ist das der Grund, warum ich die Jobs mit monotonen, sich wiederholenden Handgriffen und Mustern, am längsten behalten habe (ich habe kürzlich versucht nachzuzählen, in wie vielen Arbeitsverhältnissen ich mein Geld verdient habe und kam auf unglaubliche 20!). Und die ich wegen eben dieser meditativen Monotonie mochte. Der Küchendienst im Altenheim war einer davon. Die unterirdisch schlechte Bezahlung machte ich einfach durch noch mehr Schichten wett. Immerhin gab es einmal zu Weihnachten ein, vermutlich im Eigenverlag erschienenes, Buch der Heimleitung. Ich habe es nie gelesen.

(7)

Alles ergibt restlos keinen Sinn, lese ich in einem Gedicht. Ich stimme zu, ich stimme nicht zu. Vielleicht ist das der Sinn, dass alles restlos keinen Sinn ergibt, das Leben nicht, und auch nicht der Tod. Das Leiden ebenso wenig wie die Gesundheit. Die Liebe nicht. Und nicht der Hass. Während ich schreibe, fällt vor dem Fenster hinter meinem Rücken Schneeregen, Autos fahren in einiger Entfernung, aber hörbar. Ab und zu ein Martinshorn. Meine Füße und Ohren werden heiß, weil sie draußen so kalt geworden sind. Das alles genügt sich selbst. Warum also sehnen wir uns ständig nach einem Sinn?

(6)

Ich bin im Waschraum des Kindergartens. Allein mit einer Erzieherin. Der Waschraum ist dunkel und gekachelt. Ich bin dort, weil ich Seife gegessen habe.

Andererseits die Erinnerung, dass ich während der Grundschulzeit einmal Seife gegessen habe, weil man mir erzählt hatte, davon bekäme ich Fieber (ich bekam kein Fieber), und ich musste unbedingt einen Weg finden, die anstehende Klassenarbeit nicht mitschreiben zu müssen.

Die Erinnerungen passen nicht zusammen. Sie laufen auf eine Art parallel, die nie dazu führen wird, dass sie einander überschneiden (bei beiden Erinnerungen ist es das erste und letzte Mal, dass ich Seife esse). Es gibt keine Schnittstelle, um daraus eine Geschichte zu machen.

(5)

Stirbt jemand, rechne ich sofort aus, wie viele Jahre älter ich bereits geworden bin als die oder der Tote. Oder falls die oder der Tote älter waren als ich bin, wie viele Jahre mir noch bleiben würden, sollte ich im selben Alter sterben. Sofort anschließend rechne ich aus, wie alt in diesem Fall meine Kinder bei meinem Tod wären. Spleens einer älter werdenden Frau. Ich könnte das alles erklären. Will aber nicht.

(4)

Adjektive wie „fleißig“ und „strebsam“ passen nicht wirklich zu ihr. Wenn sie „etwas mit Sprache“ macht, tut sie es aus einem Gefühl heraus. Auf pathetische Weise.