100 Worte. 100 Tage. Tag 9

„Er rannte blindlings, seine Arme schlenkerten, sein Tuchhelm saß nicht sehr fest.“

Ilse Aichinger. „Die größere Hoffnung“

Unsere Wohnung war klein. Jeder freie Fleck wurde als Stauraum genutzt. So hatte meine Mutter unterhalb der Eingangstür zu unserer Wohnung ein Brett angebracht, das wie ein Dach über der Tür erschien, sobald man eintrat. Auf diesem Brett bewahrt sie unter anderem einen Karton auf, in dem Stoffe und alte Kleider lagen, mit denen wir uns verkleideten. Wir streiften die alten abgelegten Kleider über und betraten eine andere Welt. Ein Tuch konnte ein Helm sein und ein verschlissener Rock die Robe einer Prinzessin. Damals haben wir die Wahrheit sehr gut verstanden. Später haben wir sie, genau wie alle anderen, verlernt.