100 Worte. 100 Tage. Tag 4

„Und dann gingen die Lampen alle aus, und ich spürte einen Stillstand […]“

Friederike Mayröcker „Und ich schüttelte einen Liebling“

Die plötzlich hereinbrechende Dunkelheit traf mich mit Wucht. Ich war wieder das kleine Mädchen, das ganz allein in einem fremden Zimmer aufgewacht war, und mit dem Mut der Verzweiflung zur Tür hinaus lief, dorthin, wo Stimmen zu erahnen waren. Ich stand auf der Treppe und sah unter mir Menschen zusammen sitzen. Ich hörte mich sagen: Hier soll ein Mensch sein. Aber da war niemand, der mich hören konnte. Nur all die Jahre die zwischen der Erinnerung und der Dunkelheit lagen.

100 Worte. 100 Tage. Tag 3

„Bekannte, die mich etwa fünfzehn Jahre später wiedersahen, pflegten mir immer zu sagen, ich hätte mich sehr verändert, ich sei enorm viel ruhiger geworden.“ (Lars Gustafsson „Tod eines Bienenzüchters“)

Ich hatte das Bild mühevoll gezeichnet und ausgemalt. Ein Bild von mir. Wie ich gesehen werden wollte. Wie ich glaubte, dass man mich sehen sollte. Das Wort Person lässt sich auf „Maske“ zurückführen. Aber das las ich erst später. Damals war ich ohne Ahnung und panisch auf der Suche nach einem Schutz. Schutz wovor? Vielleicht, denke ich heute, vor dieser Ruhe, die mir Menschen unterstellen, die mich lange nicht gesehen haben.

100 Worte 100 TAge – Tag 2

„echte erinnerungen an ihn habe ich gar nicht, jedenfalls keine, denen man ganz trauen könnte.“

Elisa Aseva „Über Stunden. Posts“.

Ich war zu jung. Alle sagten das. Irgendwann später. Als es geschehen ist und ich zu jung war, hatten sie mit sich selbst zu tun. Keiner weiß, dass unsere Verbindung nie abgerissen ist. Um die Verbindung aufrecht zu halten, war mein Vater nie zu tot und ich war nie zu jung. Vielleicht stimmt es, dass man seiner Erinnerung nicht trauen kann, aber das stört uns nicht. Über Erinnerungen reden wir nie. Wir vergleichen sie nicht miteinander, wie es die Lebenden ständig tun, die zuweilen in Streit geraten über Details. Wir hingegen sind uns dermaßen einig, dass wir schweigen können. Jahrzehntelang.

100 Worte 100 Tage Tag 1

Das Experiment soll 100 Tage dauern, die Texte bestehen aus genau 100 Worten, die inspiriert sind von einem zufällig gefundenen Zitat. Heute stammt das Zitat von Robert Stripling, es ist ein Vers aus seinem Gedicht im Jahrbuch der Lyrik 2022:

„Alle Vergangenheit entstellt wie ein künstliches Fell.“

Es war das letzte Zimmer auf dem langen Flur. Der Raum war zugestellt mit Vergangenheit. Etwas das häufig vorkommt bei alten Menschen, die zunehmend weniger Raum zur Verfügung haben, während die ohnehin längst unübersichtlich gewordene Vergangenheit ständig wächst. Ich war unentschieden, wer wen entstellte; der Raum die alte Frau, oder die alte Frau den Raum. Ich setze mich auf einen schmalen hinfällig anmutenden Stuhl, den einzigen, der nicht unter Papieren und Gegenständen begraben war. Aufrecht saß ich ihr gegenüber, hielt ihrem erwartungsvollen Blick einige Momente stand, bevor ich sagte: Lass uns über die Vergangenheit reden. Erzähl mir von dir, Mutter.

100 Wort Texte

Eine Zeile nehmen aus einem Gedicht, oder einen Satz aus einem Buch, und das so gefundene ergänzen bis 100 Worte da stehen. Genau 100. Genug um hungrig zu bleiben. Zu viel, um zu verhungern. Wobei ich in meinem unermesslichen Wohlstand nur vom metaphysischen Hunger rede. Wofür ich dankbar bin. Was mich beschämt. Nicht die Dankbarkeit beschämt mich, sondern die Tatsache, dass Hunger und Sattheit, Reichtum und Armut, Frieden und Zerstörung so ungleich verteilt sind. Morgen werde ich es beginnen das Experiment mit den hundert Wort Texten. Ich freue mich drauf. Seit langem freue ich mich wieder auf das Schreiben hier.

100 minus X

Hundert Worte am Tag. Das kann doch nicht so schwer sein. Man stellt sich die überaus gehaltvollen Gespräche der Oberiuten vor. Man denkt sich Daniil Charms, wie er am Fenster steht und seine Geschichten davonfliegen sieht, um ein Stück Brot für ihn zu ergattern und lehnt sich hinaus. Plötzlich ist der Himmel grau, es ist 2022 im Juli, in Deutschland.

(68.1)

Was den Eintrag (68) angeht hätte ich auch einfach schreiben können; ich kapituliere vor der Komplexität der Welt, vor den Aufgaben und Zuständen und Krisen. Ich habe mich noch nie im Stande gefühlt, Lösungen zu finden, aber eine Zeitlang habe ich mich bemüht, eine Haltung zu den Fragen einzunehmen, eine, die nicht zu starr war, beweglich genug um zu reagieren, auf Gegenargumente, auf Wendungen und Änderungen, die aber auch standhaft genug war, mich nicht umzuwerfen beim geringsten Widerspruch, einer gerunzelten Stirn des Gegenübers widerstehen konnte. Heute rede ich mir ein, das sind Dinge für die mir die Kraft fehlt, die Kraft zu verstehen und so lange zu fragen, bis sich etwas wie eine Haltung zwangsläufig ergibt. Ich wäge jedes Wort ab, und jedes Wort ist entweder zu leicht oder zu schwer. Ich gebe auf. Und der Punkt, so scheint es mir heute, ist, dass ich nicht mich aufgebe, sondern die Herausforderung, mich der Zeit zu stellen, wie sie eben ist. Schwierig, komplex, eine, die mich herausfordert.

(68)

Es geht alles über mich hinweg, über mich hinaus. Ich komme nicht hinterher. Ich bleibe zurück. Und da, wo ich zurückbleibe ist es einsam und dunkel. Ich höre die Geräusche der anderen. Aber ich verstehe sie nicht (mehr). Ich bilde mir ein, es gab eine Zeit, da habe ich sie verstanden. Erst mit dieser Einbildung ist die Erfahrung ausreichend schmerzhaft.

Ich ziehe mich also in mich zurück und finde dann nicht wieder heraus. Jedes Lebensjahr eine Kaubewegung. Und die Angst, zu schlucken.

Aufschlussreiche Assoziationen

In „in Therapie“ erhellt die Art und Weise, die Aufmerksamkeit dafür, wie eine Assoziation mit der anderen zusammenhängt, häufig das, worum es eigentlich geht. Und vielleicht ist das bei meinen Tagebucheinträgen nicht sehr anders. Zum Beispiel der Eintrag über die Idealisierung der Kindheit und dann der sehr nüchterne Eintrag dazu, was Altern bedeutet.

Ich verstehe immer noch nicht, was es bedeutet, aber dass es etwas bedeutet, scheint offensichtlich zu sein.