Vater

Seltsamerweise habe ich die anderen Kinder nie beneidet, weil sie im Gegensatz zu mir, einen Vater hatten.

Ingrids Vater war Polizist. Es hat mich beeindruckt, ihn in seiner Uniform zu sehen. Der Vater von Anja, Andrea und Sabine war riesengroß (bestimmt über 2 m) und spindeldürr, hätte er nicht so ein hübsches Gesicht und volle schwarze Haare gehabt, hätte ich ihn mit einer Vogelscheuche vergleichen können. Dann war da noch Birgits Vater, der rot anlief und schrie, oder Heddas sehr alter Vater, und natürlich Sandras geheimnisvoller Vater, der Amerikaner war und einer mysteriösen Tätigkeit bei der NATO nachging. Oder der Vater meiner Cousinen, der sich irgendwann tot gesoffen hatte.

Es gab also diese Männer, die Väter genannt wurden in den unterschiedlichsten Ausführungen, aber das hatte nichts mit mir zu tun. Mit meinem Vater, an dessen Grab ich mit meiner Schultüte stand, der ein Jahr vor dieser Einschulung nicht mehr aus dem Krankenhaus nach Hause zurück gekommen war. Der meiner Mutter so sehr fehlte, dass sie die Lücke, die sein Tod gerissen hatte, mit Alkohol zu füllen versuchte. Dessen Stuhl noch lange unberührt und leer am Küchentisch gestanden hat.

Ich hatte ja auch einen Vater. Ebenso wie die anderen. Mein Vater konnte mich zwar nicht in den Arm nehmen, aber dafür machte er auch keine Fehler und hatte immer Verständnis für mich und das, was ich tat.

4 Gedanken zu “Vater

  1. Oh, ich habe die Kinder sehr um ihre Väter beneidet… und leider oft genug auch um ihre Mütter. Als der Vater einer Mitschülerin in der sechsten Klasse starb, sagte ich ihr wie zum Trost: Na ja, besser einen Vater gehabt zu haben, der einen geliebt hat, als einen, der sich einfach nur umgedreht hat und weggegangen ist. Das hat einen Riesenärger gegeben damals, meine Mutter wurde sogar zum sehr ernsten Gespräch bestellt und ich musste mich schließlich auch schriftlich bei der Klassenkameradin entschuldigen. Ich glaube bis heute, das ist ein Unterschied, ob der Vater stirbt, also es ein ungewolltes, „schuldloses“ Verlassen ist, oder ob ein Kind tatsächlich verlassen wurde, damit der Vater irgendwo eine neue Familie gründen konnte. Chuck Palahniuk beschreibt in Fight Club solche Väter als Väter, die einfach neue Filialen eröffnen. Ein bisschen so, ja. Trotzdem hätte ich damals taktvoller sein müssen, das sehe ich heute ein.

  2. ich habe auch niemanden um seinen Vater beneidet, denn ich hatte ja einen heiß geliebten Vater, den ich freilich nur vom Hörensagen kannte, da er im Jahr meiner Geburt fiel. Ich vermisste ihn sehr, bis ich als Jugendliche begriff, dass es besser war, keinen Vater zu haben. Väter, so hörte ich, würden dies und das ihren Töchtern verbieten.

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