Entscheidungen

Das erste Mal, das dieses Wort wirklich plastisch vor mir erschienen ist, mir auf eine Art bewusst wurde, die mich seitdem begleitet, war eine Gruppensitzung in einer psychosomatischen Reha. Entscheidung: in diesem Wort stecke die Scheidung sagte die Gruppenleiterin. Die Trennung der einen Möglichkeit von der anderen. Und plötzlich erkannte ich, warum mir Entscheidungen immer so schwer fielen. Jede Entscheidung für etwas, ist zwangsläufig eine Entscheidung gegen etwas anderes. Ich konnte mich also nicht für etwas entscheiden, weil ich mich dafür notgedrungen gegen etwas anderes entscheiden musste. Es gibt nicht getroffene Entscheidungen, die wenig schwer wiegen, die einfach nur ein wenig Unordnung und lästige (für andere) Stapel in die Welt setzen; meine Entscheidungsschwierigkeiten, welches Buch ich denn jetzt lesen soll, möchte, kann. Ich lese eigentlich immer schon ca. 3 bis 4 Bücher parallel, und jetzt, angesichts von Studium und Projekten sind es schon mal 10 oder mehr Bücher. Das macht mich nervös, weil jeder Stapel mir sagt: das schaffst du nie. Jedenfalls nicht, wenn du nicht endlich Struktur und Ordnung hinein bringst. Ist es eine Entscheidung, mich dieser Aufforderung und angeblichen Notwendigkeit zu verweigern? Oder ist es eine nicht getroffene Entscheidung, wenn ich die Dinge so laufen lassen, wie sie eben gerade im Moment sind? Ist das wichtig? Vielleicht gibt es bei ganz vielen Weichen in unserem Leben gar keinen Unterschied zwischen bewusster Entscheidung und nicht getroffener Entscheidung. Vielleicht genügen die wenigen großen Entscheidungen, die wir wirklich treffen müssen; bleiben oder gehen, aushalten oder Auswege suchen, schweigen oder widersprechen? Und den Rest regelt das Leben von selbst gemäß unserer ihm bekannten Eigenart.

6 Gedanken zu “Entscheidungen

  1. Darüber denke ich auch oft nach.
    Und sprach einst mit einer Freundin darüber im Sinn von: Wenn ich damals diese Entscheidung so statt so getroffen hätte … Sie antwortete sinngemäß: ’Nenn mir einen einzigen Menschen, bei dem alles, was er je geplant, geradelinig so passiert ist, wie er es für sich entschieden, gewollt, geplant hatte. Uns allen kommt doch das Leben dazwischen.’
    Seit diesem Gespräch bin ich in Sachen verpasste Gelegenheiten und Entscheidungen ein wenig gelassener mit mir selbst. Ich bin nämlich auch eine von jenen, die lieber mal nichts entscheiden denn etwas möglicherweise falsches.
    Ob das nun gut oder schlecht ist? Es ist auf alle Fälle sehr menschlich.

  2. In Sachen Lesestapel habe ich es immer schon hilfreich gefunden, ganz viele Bücher wie wild unsortiert nebeneinander und parallel durcheinander zu lesen. Ich habe herausgefunden, dass die Bücher sich stützen, mir helfen, über schwierige, langatmige Passagen hinwegzukommen, indem ich eine kurze Pause, etwas anderes, dazwischen lege und lese. Am Ende lese ich viel mehr, wenn ich vieles im tänzerischen Chaos um mich herum versammele, als wenn ich stur auf das eine Buch starre, das mich elendig langweilt (oder sogar zu meinem Entsetzen verärgert). Vielleicht ist das bei vielen Dingen so, dass das dynamische Gleichgewicht durch viele kleine Entscheidung stattfindet, um beängstigende, gewaltige Entscheidungen gar nicht erst entstehen zu lassen. Nur so ein Gedanke am sonnigen Sonntag. Viele Grüße!

    1. Genau so erlebe ich es auch. Unser Hirn ist ja toll darin, Verbindungen herzustellen, wenn wir es nur lassen. Und das passiert tatsächlich immer wieder, wenn ich ganz viel parallel lese. Es tun sich, unerwartete Zusammenhänge auf, oder wie du so schön schreibst, „die Bücher stützen sich“. Ist immer alles eine Frage der Perspektive.

  3. Ich finde, man liest so lange in einem Buch, wie es einen unterhält. Will man die Gedanken des Autoren nicht mehr folgen, hört man einfach auf. Das sollte man sich wert sein. Denke ich.

    1. Ich sehe das, vielleicht den Umständen unter denen ich lese geschuldet, ein wenig anders. Als Unterhaltung bin ich ganz bei Dir, wenn ein Buch mich lediglich unterhalten soll, lege ich es weg, wenn es diesen „Auftrag“ nicht erfüllt. Aber es gibt ja auch andere Arten zu lesen, andere Wünsche an das Buch; sich Wissen anzueigenen z.B., oder auch andere, vielleicht zunächst sperrige, Gedankengänge zu durchdringen. Dann hilft es mir häufig, mehrere Bücher parallel zu lesen, dem herausfordernden eine Pause zu gönnen, aber auch andersherum, dem leichten wieder etwas schwierigeres entgegen zu setzen.

  4. schön gesagt und ich habe gefühlt auch eher wenig bewusst entschieden im leben – mir ist es so „passiert“. das fand ich aber noch nie „schlimm“. aber wenn ich dann darüber nachdenke, ist es rückblickend doch vielleicht mehr gewesen. ich glaube, wir treffen, ganz unbewusst, immer wieder ganz viele kleine entscheidungen. ohne es zu merken oder zu reflektieren. das ist das leben. 🙂 ich mag diese deine nachdenklichen texteinträge übrigens sehr!

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