Entscheidungen

Das erste Mal, das dieses Wort wirklich plastisch vor mir erschienen ist, mir auf eine Art bewusst wurde, die mich seitdem begleitet, war eine Gruppensitzung in einer psychosomatischen Reha. Entscheidung: in diesem Wort stecke die Scheidung sagte die Gruppenleiterin. Die Trennung der einen Möglichkeit von der anderen. Und plötzlich erkannte ich, warum mir Entscheidungen immer so schwer fielen. Jede Entscheidung für etwas, ist zwangsläufig eine Entscheidung gegen etwas anderes. Ich konnte mich also nicht für etwas entscheiden, weil ich mich dafür notgedrungen gegen etwas anderes entscheiden musste. Es gibt nicht getroffene Entscheidungen, die wenig schwer wiegen, die einfach nur ein wenig Unordnung und lästige (für andere) Stapel in die Welt setzen; meine Entscheidungsschwierigkeiten, welches Buch ich denn jetzt lesen soll, möchte, kann. Ich lese eigentlich immer schon ca. 3 bis 4 Bücher parallel, und jetzt, angesichts von Studium und Projekten sind es schon mal 10 oder mehr Bücher. Das macht mich nervös, weil jeder Stapel mir sagt: das schaffst du nie. Jedenfalls nicht, wenn du nicht endlich Struktur und Ordnung hinein bringst. Ist es eine Entscheidung, mich dieser Aufforderung und angeblichen Notwendigkeit zu verweigern? Oder ist es eine nicht getroffene Entscheidung, wenn ich die Dinge so laufen lassen, wie sie eben gerade im Moment sind? Ist das wichtig? Vielleicht gibt es bei ganz vielen Weichen in unserem Leben gar keinen Unterschied zwischen bewusster Entscheidung und nicht getroffener Entscheidung. Vielleicht genügen die wenigen großen Entscheidungen, die wir wirklich treffen müssen; bleiben oder gehen, aushalten oder Auswege suchen, schweigen oder widersprechen? Und den Rest regelt das Leben von selbst gemäß unserer ihm bekannten Eigenart.