(60)

In der Verwandtschaft werden jetzt Menschen dement, die man als sehr elegant und klug in Erinnerung hat. Manchmal habe ich den Eindruck, dass es ein irgendwie folgerichtiges Verhalten ist. Die Welt wird immer komplexer und die Möglichkeiten all das zu verarbeiten immer geringer. Vielleicht ist es auf eine gewisse Art logisch, einfach in die eigene Welt abzutauchen und alles andere auszublenden. Ich weiß, dass es nicht so einfach ist. Als Schülerin habe ich im Altenheim gearbeitet. Das traurigste, was ich dort erlebt habe war eine Frau, die dement war, aber zwischendurch helle Momente hatte während derer sie realisierte, dass sie die Kontrolle über ihr Leben verloren hatte. Dieses Gefühl sich selbst zu verlieren, absolut ohnmächtig zuzusehen, wie man sich verwandelt. Es war ein großes Entsetzen, eine uferlose Traurigkeit.

Ich lese z.B. die Briefwechsel bei Take Care und mir wird wieder einmal klar, dass ich sehr viele, vielleicht die allermeisten Entscheidungen in meinem Leben getroffen habe, indem ich keine Entscheidung getroffen habe. Ich weiß nicht, was trauriger ist, diese Tatsache an sich, oder dass ich es erst jetzt wirklich begreife. Nur für meine Kinder habe ich mich von Anfang an bewusst entschieden, und eigentlich auch für die Art des Lebens mit ihnen.

3 Gedanken zu “(60)

  1. Es ist eine richtig harte Einsicht und ich kann deine Traurigkeit darüber sehr gut verstehen. Auch mir fiel irgendwann einmal an einer Abzweigung auf, dass das Leben ganz gnadenlos und nicht unbedingt in meinem Interesse für mich entscheidet und zwar immer dann, wenn ich beschließe, nicht zu entscheiden.
    Sehr erschütternd manchmal, aus Entfernung darauf zurückzublicken.
    Aber das war, und was war, ist heute nicht mehr von Belang, denn schlussendlich habe ich es überstanden. Ich wünschte manchmal nur, ich hätte mehr daraus gelernt. 😉
    Schöner Text, schöner Blog, und immer wieder Danke, dass ich mitlesen darf.

  2. Die uferlose Traurigkeit ist nur bei denen, die nicht mit im Nebel wandeln. Im Bus meiner Junioren fährt ein Mann mit in die Behindertenwerkstatt, der Frühdememenz hat. Von Zeit zu Zeit blitzt etwas hervor. Dann erinnert er sich, dass er einmal Akademiker war. In diesen Momenten ist er entweder aggressiv oder traurig – oft im Millisekundenwechsel. In anderen Zeiten ist er ein sehr zufriedener Mensch.

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