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Gestern auf der Mitgliederversammlung wieder erlebt, wie unterschiedlich Menschen Geschichten erzählen. Langatmig, detailverliebt, irgendwie rechthaberisch, oder mitreißend und voller Leidenschaft. Und ich, die alles ins Protokoll aufnimmt.

Ich, die ihr Leben inzwischen auch nur noch protokolliert, der es zu anstrengend, zu Kräfte zehrend geworden ist, sich immer neu auf die Fragen einzulassen, zwischen den unterschiedlichen Antwortmöglichkeiten abzuwägen, sich eine Haltung zu erarbeiten, die flexibel genug ist, um die Wahrheit nicht zu brechen, aber standhaft genug, um nicht beim nächsten Windstoß umgeweht zu werden. Genau in dieser Phase meines Lebens begegnet mir die Pädagogik. Gleichzeitig verrückt und folgerichtig.

Das Schöne und gleichzeitig Schwierige, und nicht zuletzt vermutlich der wirklich ausschlaggebende Grund, warum ich das hier nicht lasse, ist, dass ich gleichzeitig Ich bin und eine Fantasiefigur. Also Autofiktion für Laien. Ich nehme mich ernst und erhebe mich gleichzeitig über mich. Ich nähere mich meinem Leben, indem ich mich davon distanziere.

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Ich beschäftige mich seit einiger Zeit wieder mit Schreibprozessen. Auf einmal, ganz unerwartet, schlafe ich eine Nacht lang wie ein Baby. Als ich am nächsten Morgen aufwache, dämmert mir, was mich immer wieder davon abhält, den Vorschlägen in diversen Ratgebern nachzukommen, sie zu befolgen. Es geht immer um Leistung. So jedenfalls habe ich es bisher gelesen. Jetzt kommt Chuck Palahuniuk, der sagt „consider this“, „if you were my student, I would tell you…“ Auf einmal begreife ich, was vermutlich auch all die anderen schon sagen wollten; es geht darum, sich selbst ernst zu nehmen. Wenn ich mich ernst nehme und gleichzeitig schreiben will, nehme ich auch das Schreiben ernst und es ist keine „Arbeit“, keine Mühe und Pflicht, sondern schlicht und einfach Zeit für mich. Ein beflügelnder Gedanke. Ich bin gespannt, wie lange er hält.

Worüber ich mir noch Gedanken mache: diese Bilderflut und dass ich mich mehr und mehr davon zurückziehe. Ich meine, ich liebe Fotografien, Bilder, Zeichnungen. Aber im Netz werde ich so dermaßen davon erschlagen, dass ich nur noch die Augen schließen kann. Ich habe Instagram ausprobiert, ca. 3 Tage lang, dann habe ich die App wieder deinstalliert. Überall Bilder, Bilder von allem, sogar von Worten. Abgesehen von dem enormen Datenmüll der dadurch entsteht, überfordert mich das. Selbst beim Bloggen wird mir empfohlen ein Beitragsbild zu benutzen. Ich will das aber nicht. Muss ich ja auch nicht. Diese Lösung ist einfach. Etwas anderes ist die Tatsache, dass es diese Welt der sozialen Medien, die alten Blogs (Twoday) und das ganz alte Facebook nicht mehr gibt, und ich das schon ein wenig vermisse. Nostalgie; auch eine Alterserscheinung. Gestern habe ich mir Nelken gekauft, ihre Blüten sind noch fast völlig geschlossen, aber die Stellen an denen das kräftige Rosa das satte Grün durchbricht, werden jetzt jeden Tag größer und leuchtender.

Und dann lese ich, wie das Töchter Thema von Unastre aufgenommen wurde. Es ist als würden in ihrer Geschichte, all die traurigen Versatzstücke unserer Geschichten zusammenlaufen, sich verdichten, um dann in einem erlösenden Akt unendlicher Liebe auszulaufen.

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Die Nächte erfordern Geduld. Stunden wach liegen, um vielleicht eine Stunde zu schlafen. Immerhin mit sehr interessanten Träumen unterhalten. Die mich dann über die nächsten 2 Stunden retten.

Vielleicht sind diese Nächte eine notwendige Schule. Eine Schule, um Geduld zu lernen. Geduld, aus jeder Frage eine noch bessere Frage zu machen, statt mich mit Antworten zufrieden zu geben.

Also nicht bei der Antwort stehen bleiben, dass ich alt bin. Alt im Verhältnis wozu? Zu mir vor 10, vor 20 Jahren? Im Verhältnis zu meinen Kindern? Den Kommilitoninen? Und viel wichtiger; was bedeutet das eigentlich, alt zu sein?

Alt zu sein, oder sich alt zu fühlen, hängt von diesem Verhältnis ab, dem Verhältnis von Zukunft, von dem Glauben daran, alles, was vielleicht nicht so gut gelaufen ist, in Zukunft besser machen zu können, und der Einsicht, dass es Dinge gibt, die jetzt einfach so gelaufen sind, weil man selbst oder das Leben die Weichen auf genau diese Art gestellt hat. Also ist Alter vielleicht in allererster Linie eine Einstellungssache?

Und plötzlich der Gedanke, dass ich doch noch gar nicht alt bin. Ich muss noch über zehn Jahre arbeiten. Ich überschreite erst diesen Sommer die Mitte der 50. Warum mache ich mich ständig älter als ich bin? Keine Antwort. Nur diese Frage.

Gestern sind wieder Bücher angekommen. Nachts wach z.B. von Berthe Arlo. Passend zur Situation. Allerdings geht es um Nachtwachen. Beim Lesen arbeite ich wieder als Schülerin im Altenheim. Eine seltsame Zeit war das. Und wie sehr in der Hinsicht auf Notstand in der Pflege die Zeit stehen geblieben ist, ist nicht nur traurig, sondern ein Skandal!

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Das morgendliche wach schreiben, das nur mit der Hand funktioniert, die aber ihrerseits nicht länger funktioniert. Die die Kaffeetasse hält, aber nicht den Stift. Deshalb erst am Computer, der Versuch zu schreiben. Das ist warum andere Worte auf das Papier, oder nicht einmal auf das Papier, sondern in ein Dokument finden. Alles verändert sich. Warum nicht auch das Schreiben? Ein Abschied, ein Trauern, und dann ein Neuanfang.

Neuerdings kann ich Nachts nicht einschlafen. Es wird 3.00 h, manchmal wird es auch 4.00 h früh, bis ich ein wenig Schlaf finde. So lange lese ich, oder höre dem Regen zu. Wenn kein Regen da ist, also in der überwiegenden Anzahl der Nächte, höre ich meinen Gedanken zu. Das ist nicht unbedingt leicht. Auch nicht angenehm. Aber ich werde immer besser darin, es auszuhalten.

Manchmal reise ich dabei in der Zeit vor und zurück bis mir schwindelig wird. Ich bin eine alte Frau sage ich mir in der Hoffnung, dass mich dieser Satz auf den Boden der Tatsachen zurückbringen wird. Aber er macht mich nur traurig. Die Ratlosigkeit in der ich mich schlaflos verliere, berührt er nicht.

Ich dachte immer alte Leute sind einverstanden damit, alt zu sein. Ich dachte, wenn ich überhaupt über alte Leute nachdachte, Alte sind einfach ganz und gar alte Leute. Dabei ist das Alter eine Überraschung. Jahrelang ist es immer wieder eine Überraschung, plötzlich alt zu sein.

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Irgendwann während der letzten zehn Jahre, habe ich mir angewöhnt, die Fragen gegen Ratlosigkeit einzutauschen, und die Ratlosigkeit schließlich gegen Gleichgültigkeit. Die Suche nach Antworten, nach einer Wahrheit, an deren Existenz ich wirklich lange geglaubt habe, viel zu lange vermutlich, und das Recht auf eigene Irrtümer, habe ich aufgegeben, den Widerspruch verlernt. Entweder etwas ist wahr oder falsch habe ich zu denken angefangen, und das war der erste Schritt zu einer Art Selbstaufgabe. Von dort aus war es nicht weit, schließlich ganz und gar zu verlernen, mich zu vertreten.

Ein beherztes JA. Vielleicht kann man auf diese Weise sogar ein Ja gegenüber dem Tod finden. Gerade Ente, Tod und Tulpe gelesen und angeschaut. So ein schönes, versöhnliches, verständnisvolles und lebensbejahendes Buch. Es ist nicht zuletzt der Tod selbst, der die lebensbejahende Rolle spielt in dem Buch. Was sehr folgerichtig ist, wenn man nur einmal ein wenig darüber nachdenkt. Der Tod begleitet mich jetzt schon so lange. Ich war 5 Jahre alt, als er mit aller Gewalt und Unverständlichkeit in mein Leben trat. Dann 10, dann 22, dann 24. Dann war er weiter entfernt bei seinem Eintreffen und mein Leben vielleicht in diesem Moment ein echtes Bollwerk gegen jeglichen Tod, der nur entfernt mit mir verwandt war. Aber wirklich abwesend war er nie. In regelmäßigen Abständen gab er sich zu erkennen. Erinnerte an sich.

Seit einigen Monaten arbeite ich am Thema Tochter. Eine der Künstlerinnen, mit denen ich manchmal eher zufällig zu tun habe, hat angeregt, dass wir uns doch einmal Gedanken machen könnten, was das eigentlich bedeutet: Tochter zu sein. Und erst als wir uns das erste Mal getroffen hatten, wurde mir klar, dass ich mich zuvor wirklich niemals damit beschäftigt hatte; mit meiner Rolle als Tochter. Seit ich Kinder hatte, habe ich mich für die Mutterrolle interessiert. Vorher im Studium mochte ich die Familiensoziologie. Ich habe eine Hausarbeit geschrieben über Tischgespräche und über die Adoption. Aber, so verrückt das auch klingen muss, ich habe mich wirklich nie damit auseinander gesetzt, dass ich eine Tochter bin, und was das für mich bedeutet. Ich bin froh, dass dieser Prozess jetzt angestoßen wurde. Wir sind fünf Frauen. Keine von uns hat eine unproblematische Tochtergeschichte. Gerade deshalb ist es wichtig, darüber zu reden, zu schreiben, sich damit auseinander zu setzen.

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Ein beherztes „Ja“ stand auf der Karte, die Anja bei unserem letzten Treffen verteilt hat. Ich würde so gerne Ja sagen und nicht nur na gut. Ja zur Erkenntnis, dass ich mich viele viele Jahre meines Lebens lang verbogen habe, dass ich gar kein eigenes Bild hatte, davon wie ich werden will, sondern dass da ein Bild war, von wem auch immer gemacht, von dem ich glaubte, dem muss ich entsprechen. Und ich habe weder wirklich beherzt ja gesagt, noch es in Frage gestellt. Stattdessen habe ich mich angestrengt. Abgearbeitet. Und mich gewundert, warum alles immer mühseliger wird, warum der Spaß so gut wie vollkommen verschwunden war.

Wenn ich jetzt darüber nachdenke, dann lag es all die Zeit (und noch immer) daran, dass ich zu allem möglichen ja gesagt habe, ohne zu mir selbst ja zu sagen. Das funktioniert vielleicht eine Zeitlang. Richtig gut funktioniert es nie. Ein beherztes JA wird aus derartigen Zustimmungen nicht.

Gerade quäle ich mich durch pädagogische Konzepte, die auch nach mehrmaligem Lesen keine Spur in meinem Gedächtnis hinterlassen. Ich glaube, ich gebe mir wirklich Mühe, ich versuche mein Bestes, aber ich habe keinen Spaß, und im Grunde interessiert mich all das gar nicht wirklich.

Also stattdessen Carolina Setterwals „Betreff: falls ich sterbe“ gelesen. Beeindruckt gewesen von der nüchternen Art, von dem Mut, sich selbst unsympathisch darzustellen. Ich habe mich wiedergefunden in dieser Überforderung als junge Mutter, die verstärkt wird dadurch, dass man nicht loslassen und abgeben kann, dass man es ja selbst ganz unbedingt will und braucht, die allerwichtigste und unersetzbare Person für dieses Kind zu sein. Auch wenn ich nicht alleinerziehend war, und erst recht nicht den Tod meines Partners erlebt habe. Keine große Literatur, aber wohltuend, und auf jeden Fall besser geschrieben als manche pädagogische Lehrbriefe.

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Etwas stimmt nicht mit mir. Das ist keine neue Erkenntnis. Aber sie ist hartnäckiger, weniger wegzuschieben als in anderen Phasen meines Lebens. Phasen, in denen ich getanzt habe, und dann müde war, Phasen, in denen ich funktionieren musste, weil ich zwei kleine Kinder hatte, Phasen, in denen ich fast unerträgliche Schmerzen hatte, und damit umgehen musste, ohne meiner Familie allzu sehr zur Last zu fallen. Jetzt bin da nur noch ich. Und dieses Ungenügen. Das einzige was ein wenig tröstet, ist vom Ungenügen anderer zu lesen. Dass es Menschen gibt, die sich ganz offen bekennen zu ihrem Ungenügen, ohne sich gleichzeitig selbst zu bemitleiden, überhaupt ohne Bewertung. Sie stellen fest, berichten und damit lassen sie es bewenden. Sie entschuldigen sich nicht, erklären nicht ausdrücklich, es ist eine Feststellung, dass manche Dinge eben so sind, wie sie sind. Nicht optimal. Aber real. Vielleicht ist das ein Weg, den auch ich beschreiten kann. Eine Aufgabe, die ich bewältigen kann; aufrichtig sein und genau beobachten.

Ich schreibe zu selten, dabei ist das Schreiben ein Muskel, der trainiert werden muss, um nicht zu verkümmern. Aber wenn ich Abends nach einem ermüdenden Tag nach Hause komme, fehlt mir die Energie. Die Arbeit nimmt mir immer mehr meiner Energie, und häufig ärgere ich mich darüber im Büro meine Zeit und mein Talent für so überflüssige Dinge zu verschwenden. Wenn ich richtig genervt bin, überlege ich, mich einfach doch für Stipendien zu bewerben. Eine Sache, von der ich bislang immer Abstand genommen habe, weil ich ja nicht einfach 3 Monate fehlen darf. Jetzt denke ich, ich sollte es probieren und dann das Schicksal entscheiden lassen. Wenn ich überhaupt ein Stipendium bekomme, und der Job danach weg ist, wird sich ein anderer finden.

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Ich habe aufgehört zu schreiben, dann habe ich wieder angefangen. Es geht nicht ohne. Es geht nicht länger mit der Hand. Schreiben hat eine andere Qualität, wenn ich mit der Hand schreibe, die Gedanken entwickeln sich anders, körperlicher, näher an mir selbst. Diese Phase ist vorbei. Es gibt keine Rückkehr. Ich habe lange gekämpft, und nach Lösungen gesucht. Ich habe nichts gefunden. Jetzt versuche ich es mit der Tastatur. Technisch geht das. Die Gedanken aber ziehen sich noch zurück.

Ich habe den Blog geschlossen und wieder geöffnet. Überlegt, ob er beendet ist, und ich woanders neu anfange. Denn Mützen falten war immer weitaus mehr als Nabelschau. Aber natürlich war es auch immer Nabelschau. Ich rede mir ein, dass ein Blog das darf, sich entwickeln, den unterschiedlichen Lebensstadien seiner Schreiberin folgen. Er wird seinen Namen behalten und meinen Inhalten folgen.