maggie Nelson – Die Argonauten

„Der Großteil dessen, was ich schreibe, fühlt sich für mich wie eine schlechte Idee an, weshalb es mir schwerfällt zu unterscheiden, welche Ideen sich schlecht anfühlen, weil sie einen Wert besitzen, und welche sich schlecht anfühlen, weil sie wertlos sind.“

Das ist der Grund, warum ich lese. Dinge ganz prägnant ausgedrückt zu finden, die mir so vertraut sind, dass ich selbst sie nicht formulieren kann.

Hein Gorny

In der Lettre International 135 die Bekanntschaft mit Hein Gorny gemacht. Bzw. mit seinen Fotos. Dass etwas so alltägliches, kleines, eigentlich nie beachtetes, wie eine Reißzwecke so eine Schönheit entfalten kann, hat mich beeindruckt. Und neugierig gemacht auf den Mann, der diese Alltagsutensilien so in Szene zu setzen verstand, dass sich ihre Ästhetik offenbarte. Leider machen mich bereits die ersten Sätze des Berichts von Klaus Honnef wütend. als Autodidakten stellt er Hein Gorny in eine Reihe mit den „Erneuerern der Photographie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“. Wobei er Man Ray aufführt, nicht aber Lee Miller, Walker Evans, aber nicht Dorothea Lange. Seine Liste der Erneuerer ist rein männlich. (ich habe trotzdem weiter gelesen, und es wurde tatsächlich besser, die eine oder andere Pionierin der Fotografie wird dann doch genannt).

Gorny war Tischler, gesellig und sympathisch soll er gewesen sein, und seine unerschöpfliche Neugierde veranlasste ihn zu immer neuen Experimenten. Angefangen hat Gornys fotografische Karriere mit einem Porträt von Theodor Lessing, fortgesetzt hat sie sich zunächst in der Werbung. Werbung war damals ein guter Ort, um avantgardistische und künstlerisch hochwertige Experimente zu machen. Gorny hat für Leibnitz und Pelikan gearbeitet und es ist großartig, welche Fotos bei diesen Gelegenheiten entstanden sind.

„Die Klarheit und Genauigkeit seiner Bilder, ihre Transparenz gegenüber verborgenen Zusammenhängen und ihre frappierende Lakonie bestechen“, schreibt Klaus Honnef, und weiter: „Gornys Bilder […] sezieren die zugrundeliegenden Strukturen und erhellen die Ambivalenz der Moderne zwischen Rationalismus und Irrationalismus, zwischen Fortschritt und Seelenlosigkeit.“

Kein Wunder, dass Gorny Opfer des Regimes wurde. Seine Frau war Jüdin, Scheidung kam für Gorny nicht in Frage. Emigrationsversuche scheiterten auf die eine und andere Weise. Schließlich zerbrach die Ehe doch. Gorny war da bereits abhängig von Pervitin. Fast vergessen starb er 1967 in Hannover.