(28)

Ich sprang in einen Pool kühlender Gedanken. Der Untergrund fraß mich auf. Endlich erreichten die Schmerzen meine Füße, die sie stellten. Also auf. Wie Auftrieb. Ich durchstieß die Wasserdecke und schnappte nach Luft. Ich konnte nichts damit anfangen und spuckte sie aus. Das war ein Fehler, aber das macht nichts, weil ich aus Fehlern bestehe. Meine Haut ein Flickenkleid aus Fehlern, meine Gedanken ein Urwald aus fehlgegangenen Annahmen. Annehmen ist ein gutes Stichwort. Andererseits ist ein Stichwort zu spitz. Es verletzt die zarte Haut aus Fehlern. Die Hand reagiert (regiert) sofort, indem sie zittert. Was nicht niedergeschrieben wird, existiert nicht, behauptet sie. Womit sie sich ein weiteres Körperteil anmaßt. Einverleibt.

(26)

Ich bin nicht sehr gut mit mir befreundet. Manchmal schlafe ich ein, wenn ich mit mir rede. Trotzdem bin ich zu höflich, die Wahrheit auszusprechen. Dass mich diese Halbheiten und das ewige Herumlavieren langweilen, dass mir klare Worte, auch wenn sie hier und dort anecken lieber wären. Ich nicke höflich und senke den Blick vor meinen Lügen. Und so leben wir unauffällig in wechselseitiger Verachtung bis der Tod uns schließlich miteinander versöhnen wird.

(24)

All die Fragen, die ich nicht gestellt habe; wie kommt man von Kenia nach GB, und wie verträgt sich der christliche Glauben mit dem Militär?

Der Tag verneigt sich vor den Geräuschen der Nacht (98 % Stille), die er nach und nach zum Verschwinden bringen wird.

Schließlich finde ich mein Selbst vor dem Fenster.

Von überall leuchtet ein Abgrund auf mich zu.

Die Augenringe bewirtschaften/ und restlos jedes Wort ausbeuten

Sünje lewejohann – als ich noch ein tier war

Ein sehr besonderes, sehr beeindruckendes Buch. Bereits „die idiotische wucht deiner wimpern“ war ein Gedichtband, der ganz eigen war, auf eine sehr anregende Weise. Daher habe ich mich deswegen gefreut auf Sünje Lewejohanns neuen Band. Und dann kamen diese Gedichte mit Krallen und Zähnen und Fell, und vor allem mit einer sagenhaften zärtlichen Wucht, die mich schon beim letzten Band begeistert hat. Aber dieses Mal erzählen die Gedichte ein Drama in drei Akten, Drama einer (schwierigen) Liebe, Drama einer Krankheit (Depression), Drama von Ichverlust und Heilung.

Dabei sind die Gedichte Protokolle der Gegenwart, nüchtern und hart und gleichzeitig (also wirklich gleichzeitig!) Beschwörungen voller Magie. Als Beispiel vielleicht dieses Gedicht:

DER FUCHS BIN JETZT ICH

der winter beginnt in den fenstern und

zieht dann langsam zu uns hinein.

er kommt von den kahlen apfelbäumen

im garten unter denen im sommer

der fuchs gerufen hat. dieser

seltsame, kehlige schrei.

ich wünschte, ich könnte

vergessen, wie ich hier gelandet bin.

ich wünschte, ich könnte in eine

tiefe ohnmacht fallen und in ihr

alt werden.

ich überspringe ganze tage.

du hast mal gesagt, es sei einer

der heißesten sommer gewesen.

jetzt weht die kälte mitten durchs haus

und weckt uns früh.

ich nenne unsere schlechten tage

die dunklen tage

ich stehe am küchenfenster, blicke über das feld.

ich kann den schrei noch immer hören.

abrakadabra. der fuchs bin jetzt ich.

„ALS ICH NOCH EIN TIER WAR“

Ich könnte noch zahlreiche weitere Gedichte zitieren, eigentlich jedes. Kein einziges lässt mich kalt!

(22)

Ich weiß gar nicht, wie man mich so fern verstehen kann. So verkehrt herum, als würde ich nur rückwärts, schnell stotternd in sämtlichen Fremdsprachen der Welt sprechen. Meine Erwartungen lenken mich verlässlich in Abgründe. Später wische ich Rotz und Tränen auf. Macht nix steht auf dem Aufnehmer. Ein Schriftzug, der niemals verblasst.