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All dem Gerede von Achtsamkeit und Gegenwärtigkeit setzt Werner Herzog einen bestehend einleuchtenden Gedanken entgegen. In Jan Wilms siebten Begegnungen in der Autofiktion lässt er Werner Herzog sagen: „Gegenwart ist eine Fiktion, die wir uns selber aufbauen, und die Fiktion ist evident […] Wenn ich den Fuß anhebe, um einen Schritt zu machen, dann ist der angehobene Fuß schon Vergangenheit und das Niedersetzen des Fußes vor mir bereits Zukunft. Wenn ich den Fuß schon fast angehoben habe und gerade erst heruntersetzen will, dann ist keine Gegenwart da. Die Gegenwart, technisch gesehen, kann es nicht geben, das heißt, wir schaffen sie uns als eine merkwürdige Fiktion, und das heißt auch, dass sich die Zeitabläufe in bestimmten Ereignissen und in der Dichte von Geschehen auf einmal verändern können.“ Die Lösung aus diesen scheinbaren Widersprüchen liegt in der Vorstellung (oder ist es eine Einsicht?), dass Zeit nicht chronologisch verläuft, unser Lebenslauf keine gerade Strecke zwischen Geburt und Tod ist, sondern kreisrund in Spiralen verläuft, in denen sich Vergangenheit und Zukunft immer wieder kurzschließen und so manchmal einen Strudel aus Gegenwart erzeugen.