(66)

Alle schreiben Jahresrückblicke. Ich zucke mit den Schultern. Aber dann lese ich die Nachricht von T. Was gut war, schreibt er und ich merke, wie schlecht ich mich an dieses Jahr erinnern kann. Es ist als hätte eine andere es an meiner Stelle erlebt. Die Abifeier von P., der Schulwechsel von M., für mich das erste Mal der Rollenwechsel von der Teilnehmerin zur Leiterin bei einem Schreibworkshop, mein Entschluss jetzt noch einmal ein Studium zu beginnen, da war so viel Aufbruch. Und nichts davon ist übrig zum Ende des Jahres. All diese Ereignisse scheinen vor langer Zeit und nicht erst vor wenigen Monaten geschehen zu sein. Das Jahr hat mich müde gemacht. Oder vielleicht haben mich auch nur die letzten Wochen so müde gemacht. Ich kann das nicht mehr unterscheiden. Ich rufe mir noch einmal das schöne Projekt der Graugans ins Gedächtnis um ein wenig Zuversicht und Hoffnung zusammenzukratzen, um nicht völlig desillusioniert in das neue Jahr zu gehen. Ich wünsche euch was. Gesundheit und Hoffnung. Durchhaltevermögen und mehr Zuversicht als ich gerade aufbringen kann. Und ganz viel Liebe. Ohne stehen wir das nie durch.

(65)

Was setze ich dem Alter entgegen? Kommt Zittern, Langsamkeit, Verfall. Was tut eine damit? Eine, die immer funktionieren wollte.

Der Körper als Verzeichnis. Oder überhaupt Mutmaßungen über den Körper (über die Zeitfenster, die er öffnet und schließt).

Ich hatte mir das vorgenommen, ganz fest. Ins Alter hineinzuwachsen. Aber plötzlich zwickt und kneift es überall.

(64)

All dem Gerede von Achtsamkeit und Gegenwärtigkeit setzt Werner Herzog einen bestehend einleuchtenden Gedanken entgegen. In Jan Wilms siebten Begegnungen in der Autofiktion lässt er Werner Herzog sagen: „Gegenwart ist eine Fiktion, die wir uns selber aufbauen, und die Fiktion ist evident […] Wenn ich den Fuß anhebe, um einen Schritt zu machen, dann ist der angehobene Fuß schon Vergangenheit und das Niedersetzen des Fußes vor mir bereits Zukunft. Wenn ich den Fuß schon fast angehoben habe und gerade erst heruntersetzen will, dann ist keine Gegenwart da. Die Gegenwart, technisch gesehen, kann es nicht geben, das heißt, wir schaffen sie uns als eine merkwürdige Fiktion, und das heißt auch, dass sich die Zeitabläufe in bestimmten Ereignissen und in der Dichte von Geschehen auf einmal verändern können.“ Die Lösung aus diesen scheinbaren Widersprüchen liegt in der Vorstellung (oder ist es eine Einsicht?), dass Zeit nicht chronologisch verläuft, unser Lebenslauf keine gerade Strecke zwischen Geburt und Tod ist, sondern kreisrund in Spiralen verläuft, in denen sich Vergangenheit und Zukunft immer wieder kurzschließen und so manchmal einen Strudel aus Gegenwart erzeugen.

(63)

Während die Losigkeit bei Rembrandts Altersbildern von großer Freiheit und dadurch ermöglichter Wahrhaftigkeit zeugt, ist sie bei den Worten, die mir spontan einfallen ausschließlich negativ besetzt: Einfallslosigkeit, Verständnislosigkeit, Mitleidlosigkeit, Haltlosigkeit. Das angehängte „losigkeit“ zeigt ein Fehlen an. Allerdings wird es niemals hinter die Begriffe gesetzt, die man wirklich los werden will. Oder, wenn doch, wie z.B. bei Machtlosigkeit, nicht als etwas, das überwunden werden konnte, sondern nur als das Fehlen von etwas, das notwendig wäre, um eine Änderung herbei zu führen.

Als ich Losigkeit nachschlage bietet mir der Sucheintrag als erstes endlich einen Begriff an, dem ich etwas Positives abgewinnen kann; „Regellosigkeit“, und schließt damit sogar den Kreis zu Rembrandt, der sich in seinem Alterswerk ja ebenfalls über die geltenden Regeln hinweg gesetzt hat, um Wahrhaftigkeit zu erreichen. Rembrandts „Losigkeit“, die im Niederländischen (jedenfalls von meinem Übersetzungsprogramm) mit Lockerheit übersetzt wird, war eine Reaktion, seine Reaktion, auf all das, was er verloren hatte. Er hat dem Verlust die Freiheit entgegen gesetzt. Wenn ich ohnehin alles verloren habe, hat er vielleicht gedacht, dann habe ich nichts mehr zu verlieren, und also die Freiheit zu tun und zu lassen, was ich will, so wie ich es will. Und wenn das kein Trost ist, denn weiß ich nicht, was Trost sein könnte.

(62)

Nach Ende meiner letzten Lesung in diesem Jahr kam eine Frau auf mich zu. Ich bin unbekannt genug, um mich über jede Aufmerksamkeit seitens des Publikums zu freuen und naiv genug, zu glauben, derlei Aufmerksamkeit müsste mit meinen Texten zu tun haben. Die Dame wollte mich aber nur unbedingt wissen lassen, dass in dem von mir vorgestellten Impuls (wir sind 4 Lyriker:innen und arbeiten mit Impulsen, die wir auf unseren Lesungen ebenso vorstellen, wie die daraus entstandenen Texte) Sie wollte mich also wissen lassen, dass sie den Schauspieler des Films kennt. Der Sohn vom Bruder des Freundes, diese Art von Geschichte. Ich lächelte höflich. Ja, die Welt ist klein. Damals wusste ich noch nicht, dass diese Lesung die letzte des Jahres sein sollte. Damals war da noch die Hoffnung, dass die Welt vielleicht doch nicht so klein ist.

(61)

Jedes Jahr haben wir zu Weihnachten versucht, die Kinderaugen zum Leuchten zu bringen. Manchmal ist es uns gelungen. Seit die Kinder im längst nicht mehr Kinder Alter sind, ist es einfacher geworden (aber auch irgendwie liebloser, einfallsloser). Wir schenken ihnen Geld, und das Leuchten ist garantiert. Ich bin mir nur nicht sicher, ob es ein weihnachtliches Leuchten ist, Freude, sich einen Wunsch erfüllen zu können, oder auch ein Stück weit Gier. Die bloße Freude am Geld anhäufen. Dabei sind wir ja nicht reich und die Summen nicht exorbitant. Aber der Kapitalismus infiziert eben auch diejenigen, die nicht von ihm profitieren und wir haben es vielleicht nicht geschafft, ihm etwas Bedeutsames, Wirksames, entgegen zu setzen.

(59)

Auf die Minute pünktlich in der Praxis, in der mich die Sprechstundenhilfen äußerst gekonnt und lange ignorieren. Wieder draußen beobachte ich einen Mann, der mit Tauben über Nahrung redet.

Zwischendurch frage ich mich, was Formwillen ist. Ob eine den haben muss, und ob ich ihn vielleicht auch habe. Ohne es zu wissen.

(58)

Ich bleibe stecken. Immer wieder bleibe ich bei dem, was Entwicklung sein müsste, stehen. Statt mich zu entwickeln, stolpere ich, stoße mich an jeder vorhandenen und nicht vorhandenen Ecke. Meine Bewegungen sind selbst eckig. Nichts fließt mehr, keine harmonische Bewegung ist möglich. Müßig zu fragen, was zuerst da war: die körperlichen Einschränkungen, oder die des Denkens, Lebens, Fühlens. Sie bedingen einander. Lange schon tun sie das auf eine Weise, die zu Unbeweglichkeit führt. Zu Stillstand, wo Entwicklung sein sollte. Ein gewaltiger Motor hält diesen Prozess aufrecht. Der Motor heißt Angst.